„Aber ich hasse mein Leben als Mutter“ – Erfurt räumt mit veralteten Frauenbildern auf
Wie frei ist die Entscheidung für oder gegen ein Kind wirklich? Darum geht es am 16. Oktober 2026 um 19 Uhr bei der Erfurter Diskussionsreihe „Wer wir sind – Wer sind wir?“ im Kalif Storch. Unter dem Titel „Frau sein. Mutter werden?“ sprechen fünf Frauen unterschiedlichen Alters über Kinderwunsch, gewollte Kinderlosigkeit, Mutterschaft und Regretting Motherhood, also das Bereuen der eigenen Mutterschaft. Eine von ihnen ist die Berliner Kulturwissenschaftlerin und Autorin Sarah Diehl. Vorab hat sie im Interview erklärt, warum sie das Bild der biologischen Uhr kritisch sieht und was Mütter und kinderlose Frauen verbindet.
Wer wir sind in Erfurt mit Sarah Diehl
Laut Ankündigung geht es auch um Erwartungen an die „richtige“ Frau, Mutter und Familie. Verschiedene Lebensentwürfe sollen ohne Bewertung nebeneinanderstehen. Denn keine Entscheidung schütze davor, „sich irgendwann zu fragen, wie das andere Leben ausgesehen hätte“.
Ein Buch, das aktuell bleibt
2014 erschien Diehls Buch „Die Uhr, die nicht tickt“. Die biologische Uhr sei ein so mächtiges Bild, „weil sie Frauen wahnsinnig unter Druck setzt“, sagt Diehl. Besser geworden sei das nicht: „Ich habe eher das Gefühl, dass es sogar schlimmer geworden ist.“ Viele Frauen hätten Angst, Mutter zu werden, weil sie sich „von der Gesellschaft verlassen, vom Arbeitgeber, von den Männern und auch von der Politik“ fühlten.
Für Diehl selbst war Mutterschaft nie eine große Frage, sie sei „an tausend anderen Dingen im Leben interessiert“ gewesen. Anstoß gaben damals Frauen aus ihrem Umfeld, Anfang bis Mitte 30, die ihrem Gefühl nicht trauten, keine Kinder zu wollen. Aus Sorge, der Kinderwunsch könnte doch noch kommen, schoben viele einen Jobwechsel, eine Trennung oder sogar eine Beförderung auf. „Frauen reduzieren, hemmen und blockieren sich permanent“, sagt Diehl.
Die biologische Uhr tickt nicht, sagt Sarah Diehl
Viel Resonanz bekam Diehl für die historische Einordnung in ihrem Buch. Den Mutterinstinkt beschreibt Diehl als „ein historisch gewachsenes Konzept“, entstanden in der Aufklärung, passend zum bürgerlichen Modell der Kleinfamilie. „Diese Argumentation ist erst gut 200 Jahre alt.“ Das habe viele Leserinnen „extrem erleichtert“: Mutterschaft ist kein biologisches Schicksal. Viele hätten ihre Weiblichkeit nicht mehr als „Käfig“ erlebt, „der sie irgendwohin drängt, wo sie gar nicht hinwollen“.
Hexe oder kluge Frau?
Kinderlosen Frauen wird oft vorhergesagt, sie würden ihre Entscheidung bereuen. Für Diehl hängt das mit einem Frauenbild zusammen, in dem Frauen „der soziale Kitt der Gesellschaft“ sein sollen. Die erste kinderlose Frau, die ihr begegnet sei, war „die Hexe im Märchen“. Heute sehe sie in ihr „eine kluge Frau, die sich selbst versorgt“. Auch den Vorwurf, kinderlose Frauen seien egoistisch, weist sie zurück. Viele von ihnen engagierten sich sozial oder arbeiteten in pädagogischen Berufen. „Frauen können der Gesellschaft wahnsinnig viel geben, auch wenn sie mehr Zeit haben, weil sie keine Mütter sind.“
Ein häufiges Argument lautet, wer keine Kinder habe, sei im Alter allein. Diehl hält dagegen, es sei nicht gesagt, dass Kinder später für einen da sind. Einsamkeit entstehe eher, weil Menschen schon in der Kleinfamilie vereinsamen. Queere Elternschaft nennt sie „eine totale Chance“. Sie zeige, dass Familie mehr sein kann als Mutter, Vater, Kind. Kinder lassen sich zum Beispiel auch im Freundeskreis großziehen oder in einem Mehrgenerationenhaus.
Viele erzählten ihr, Mutterschaft sei „ein Knochenjob“
Diehl kennt viele Regretting Mothers. Wichtig sei, dass Frauen offen sagen dürfen: „Natürlich liebe ich meine Kinder […]. Aber ich hasse mein Leben als Mutter.“ Viele erzählten ihr, Mutterschaft sei „ein Knochenjob“. Weil Frauen so viel Fürsorgearbeit leisten, fehlt vielen laut Diehl die Zeit für politisches Engagement. Ihr Fazit: „Mehr Mütter in der Politik wären ein Gamechanger, der uns allen guttun würde.“
Vielstimmigkeit statt Lagerdenken
Offen reden können Frauen auch in den Berliner Wochenendseminaren „Will ich Kinder?“, die Diehl seit fünf Jahren mit der Therapeutin und Mutter Anna Schmutte gibt. Sie richten sich an Frauen, die in der Kinderfrage weiterkommen wollen, egal, wohin sie tendieren.
Mütter und kinderlose Frauen würden oft gegeneinander ausgespielt, sagt Diehl. Deshalb gefällt ihr das Konzept von „Wer wir sind“. Wenn Frauen einander zuhören, merkten sie: „Wir alle leiden unter diesen Bildern.“ Diehl ist sicher, dass am Ende alle „sehr beseelt“ herausgehen, „weil es einfach wunderschön ist, einander ehrlich zuzuhören“. Durch Vielstimmigkeit komme „viel, viel mehr Klugheit zutage“, als wenn man immer nur eine Seite verteidige. Wer hören will, wie andere Frauen* darauf blicken: 16. Oktober, 19 Uhr, Kalif Storch. Eine fertige Antwort muss niemand mitbringen.
Hard Facts:
- Wer wir sind – Wer sind wir
- Ort: Kalif Storch, Zum Güterbahnhof 20, Erfurt
- Datum: 16. Oktober | Einlass: 19 Uhr | Beginn: 19:30 Uhr
- Tickets gibt es hier
- Nächster Termin Wochenendseminaren „Will ich Kinder?“ von Sarah Diehl: Januar
- Infos dazu unter www.diekinderfrage.de.
Mehr Cooltur-News in Thüringen: