Datenschutzeinstellungen

„Nicht gegen Männer, sondern für Frauen“ – Wie Erfurter Künstlerinnen sich der DDR widersetzten

14. Oktober 2026 • Geschrieben von Florian Dobenecker
Künstlerinnengruppe Erfurt am Kunsthof Lietzen, Sommer 1989. Foto: Claudia Bogenhardt

Manchmal muss man gar nicht weit reisen, um Kunstgeschichte live zu erleben. In der Michaelisstraße 34 in Erfurt reicht es, eine Tür zu öffnen. Hier treffen derzeit experimentelle Filme, schräge Kostüme, historische Dokumente und Wandbilder aufeinander, die mehr sind als bloße Dekoration: Sie erzählen von einer Gruppe von Frauen, die sich in der DDR ihren eigenen künstlerischen Freiraum geschaffen haben, der in der Retrospektive künstlerische und historische Tragweite besitzt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 13. November in Erfurt

Die Ausstellung „Aus Leben Kunst machen“ über die Künstlerinnengruppe Erfurt | Exterra XX ist noch bis zum 13. November 2026 im Kunsthaus Erfurt zu sehen. Für Monique Förster, die die Ausstellung kuratiert, ist dieser Ort mehr als eine passende Kulisse. „Für mich als Kuratorin ist es natürlich besonders schön, diese Ausstellung an einem Ort zu realisieren, der sich mit unseren frühen Jahren als Gruppe verbindet. Dadurch schließt sich ein Kreis“, sagt Förster.

Am Anfang war die Freundschaft

Die Geschichte der Künstlerinnengruppe beginnt nicht mit einem großen Manifest, sondern mit Freundschaft. Die Frauen machten gemeinsam Kunst, weil sie Lust darauf hatten – und weil sie miteinander etwas bewegen wollten. 1984 wurde daraus die Künstlerinnengruppe Erfurt, die bis 1994 in wechselnden Konstellationen zusammenarbeitete. Ihre Anfänge lagen allerdings schon davor.

Image
„Frauenträume“ und „Die Geister berühren“: Erfurter Filme aus dem Untergrund. Florian Dobenecker
Image
Erfurter Künstlerinnen zeigen ihre DDR-Geschichte. Florian Dobenecker
Image
Die Erfurter Künstlerinnen entwarfen Kostüme aus vielen Materialien. Florian Dobenecker
Image
Stötzer, Kyselka, Heyner: Ihre Fliesen stecken bis heute im Kunsthaus Erfurt. Florian Dobenecker


Der konkrete Anstoß zur Gründung kam dabei ausgerechnet von außen. Eine etwas ältere Frau aus dem kirchlichen Umfeld wollte einen Frauenkreis ins Leben rufen, in dem es unter anderem um Astrologie und Frauenthemen gehen sollte. Die Künstlerinnen trafen sich mit ihr und entschieden anschließend, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Aus einem freundschaftlichen Zusammenschluss wurde eine bewusste künstlerische Gemeinschaft von Frauen. Wir haben immer gesagt: „Nicht gegen Männer, sondern für Frauen“, sagt Förster. Und sie präzisiert: „Wir haben keine ‚Kunst für Frauen‘ gemacht, sondern wir machen als Frauen Kunst.“

Männlich geprägte Kunstszene

Das klingt heute selbstverständlich. In der subkulturellen Kunstszene der DDR war es das keineswegs. Jene Kreise, die sich selbst als besonders offen, alternativ und frei verstanden, waren laut Förster stark männlich geprägt und misogyn. Ein Satz ihrer Mitstreiterin Gabriele Stötzer (mittlerweile mit dem weltweit renommiertesten Preis für moderne Kunst, dem Goslarer Kaiserring, ausgezeichnet) bringt das damalige Frauenbild der Szene auf den Punkt: „Frauen waren damals entweder Musen oder Matratzen“.

Punk-Attitüde: „Do it yourself.“

Die Künstlerinnen setzten diesem Bild etwas entgegen – nicht mit einem fertigen Programm, sondern durch ihre gemeinsame Praxis. Sie arbeiteten mit Super-8-Film, Performance, Text, Zeichnung, Druck und selbst entworfenen Objekten. Eine bestimmte Technik oder ein einzelnes Medium sollte ihnen niemand vorschreiben. Förster beschreibt diese Haltung als eine Art Punk-Attitüde: „Do it yourself.“ Und: Man musste nicht alles perfekt beherrschen, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

Einfach war das nicht. Die Gruppe bewegte sich außerhalb der offiziellen Kunststrukturen der DDR. In jener sogenannten Off-Szene, die sich ihre eigenen Räume und Öffentlichkeiten schuf. Schon die Organisation einer Veranstaltung konnte problematisch werden. Wer außerhalb der vorgesehenen Strukturen mit mehreren Menschen etwas auf die Beine stellte, musste laut Förster mit Verfolgung wegen „Staatsfeindlicher Gruppenbildung“ oder „politischer Untergrundtätigkeit (PUT)“ rechnen.

Kunst im DDR-Untergrund

Was genau passieren würde, war oft unberechenbar. Es drohten Ordnungsstrafverfahren, Überwachung und Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit bis hin zu Haftstrafen. Die Künstlerinnen wussten um diese Gefahr, ließen sich davon aber nicht abhalten. Die Flucht in die Öffentlichkeit war eine Überlebensstrategie.

Ein enges Netzwerk ostdeutscher Städte

Gleichzeitig existierte ein enges Netzwerk zwischen den unabhängigen Kunstszenen in Erfurt, Berlin, Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt. Man besuchte Ausstellungen, fuhr zu Lesungen in Wohnzimmern und traf sich bei Filmvorführungen. Erfurt war dabei keineswegs bloß die Provinz, aus der man möglichst schnell in die Hauptstadt verschwinden wollte.

Monika Andres, Name Stadt Land, 1988, SKD, Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona. Foto: Christiane Wagner (Fotostudio Wagner), 1989.

Förster erinnert sich an eine lebendige Kunstszene: Die erste selbstorganisierte Ausstellung fand 1984 in der Kürschnergasse statt. Künstlerinnen wie Cornelia Schleime, Gabriele Stötzer und Monique Förster stellten neben Punks wie C.D. Spinne aus. Mit der Vernissage eröffnete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) den OV (Operativen Vorgang) HERBERGE, um die Kunstszene umfassend zu überwachen, zu kriminalisieren und mittels Zersetzung zu zerschlagen. Ziel: „Liquidierung Treffort“.

Die erste Ausstellung 1984 in der Kürschnergasse

Treffpunkte wurden deshalb oft Erfurter Keller, die ohnehin ein eigenes Kapitel waren. Bands spielten in Gewölben, Veranstaltungen wurden kurzfristig organisiert und vieles geschah ohne offizielle Genehmigung. Eine Geschichte ist Förster besonders in Erinnerung geblieben: zum sogenannte Bananenkeller, später das erste AJZ in Erfurt.

Bis mitten in der Nacht plötzlich die Polizei auftauchte

Der Anlass war eine Geburtstagsfeier. „Ein Freund, der bei der iga (internationale Gartenbauausstellung) arbeitete, lieh sich für den Abend einen großen Tresen aus. Einer seiner Kollegen war eingeweiht – allerdings unter der Bedingung, dass das Möbelstück anschließend zurückgebracht würde“, erinnert sich Förster. Also wurde der Tresen in den Keller geschafft, die Party konnte beginnen. Bis mitten in der Nacht plötzlich die Polizei auftauchte. Alle mussten verschwinden, der Keller wurde versiegelt. Und der Tresen? Der saß fest. Ein bürokratisches Problem, das sich im Untergrund offenbar nicht immer elegant lösen ließ.

Gabriele Stötzer Römisches Korsett | Coca-Cola Kleid 1990 Akteurin: Monique Förster. Foto: Bernd Hiepe

Hinter solchen Anekdoten steckt allerdings ein ernster Hintergrund. Förster erzählt auch von einer Veranstaltung in der Bibliothek in der Erfurter Marktstraße: einer nicht offiziell eingestuften „Modenschau“. Zahlreiche Menschen wollten hinein, doch hatte die Staatssicherheit einen Großteil der Eintrittskarten aufgekauft. Das Publikum bestand dadurch vor allem aus inoffiziellen Mitarbeitern, während die eigentlichen Besucher:innen draußen abgewiesen wurden. Der Journalist Michael König berichtete 1989 darüber in der Thüringer Landeszeitung. Anschließend durfte er nach Försters Darstellung bis zur Wende nicht mehr allein zu Rechercheterminen gehen.

Eine Modenschau, deren Karten die Stasi aufkaufte

Dass die Künstlerinnen trotz dieser Bedingungen eine so vielseitige Bildsprache entwickelten, zeigt die Ausstellung besonders eindrücklich. Ihre Filme sind dabei nicht einfach Dokumentationen vergangener Aktionen. Sie sind eigenständige Kunstwerke, in denen Kostüme, Texte, Körper, Bewegungen und Alltagsgegenstände miteinander verschmelzen.

Mutterschaft, Freundschaft, Gewalt

Ein Beispiel ist der Film „Frauenträume“ von 1986. Während der gleichnamige Film von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1955 Frauenträume vor allem mit der Suche nach einem Mann verband, ging es der Erfurter Gruppe um andere Träume, Wünsche und Ängste. Mutterschaft, Freundschaft, Gewalt und die Überwindung persönlicher Krisen stehen im Mittelpunkt. Dabei handelt es sich um „ungehörige Träume“ frei nach Helga Königsdorf, die sich an den Realitäten des Alltags reiben.

Frauenträume (Das Bündel), 1986, Künstlerinnengruppe Erfurt/Monique Förster, Super-8-Film (still), 26:37 min

Auch der Tod bekommt bei der Gruppe eine eigenwillige Bildsprache. In „Die Geister berühren“ werden Redewendungen wie „ins Gras beißen“ oder „den Löffel abgeben“ wörtlich und bildlich durchgespielt. Das kann absurd, albern und grotesk sein – und ist gerade deshalb mehr als bloßer Klamauk. Gesellschaftliche Vorstellungen werden überzeichnet, bis ihre Mechanismen sichtbar werden.

In Sammlungen und Museen in der ganzen Welt verteilt

Neben den Filmen bilden Kostüme, Plakate, Kalender und Dokumente weitere Schwerpunkte der Ausstellung. Sie zeigen, wie konsequent die Gruppe unterschiedliche Medien miteinander verband. Besonders wichtig ist Förster dabei, dass die erhaltenen Filme nicht den Eindruck vermitteln, das Werk der Künstlerinnen habe ausschließlich aus bewegten Bildern bestanden. Vieles andere sei schlicht nicht in derselben Form erhalten geblieben, oder sei in Sammlungen und Museen in der ganzen Welt verteilt.

Das rekonstruierte Wandbild im Keller des Kunsthauses

Auch das rekonstruierte Wandbild von Monika Andres im Keller des Kunsthauses gehört zu den zentralen Elementen der Ausstellung. Es zeigt die Gründungsmitglieder der Künstlerinnengruppe und verbindet die Schau unmittelbar mit dem Gebäude. Hinzu kommen die Fliesenarbeiten von Stötzer, Kyselka und Heyner, die aus der damaligen Eigenleistung beim Ausbau des Kunsthauses hervorgingen.

Monika Andres‘ Wandbild im Keller erzählt die Geschichte der Erfurter Gruppe. Foto: Florian Dobenecker

Für Förster liegt darin eine besondere Qualität. An anderen Orten müsse man die Arbeiten zunächst aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang lösen. Sie vergleicht das mit etwas, das man aus seinem Gehäuse nimmt. Im Kunsthaus dagegen füge sich alles zusammen: „Hier im Kunsthaus wirkt für mich alles wie aus einem Guss. Der Inhalt und der Ort passen einfach zusammen.“ Und wie will man schließlich ein original Wandgemälde an einen anderen Ort bringen?

Die Künstlerinnengruppe Erfurt kehrt in das Haus zurück, in dem ihre Geschichte begann


Das Haus ist eben nicht nur ein Raum, in dem Kunst ausgestellt wird. Es gehört selbst zur Geschichte der Gruppe. 1990 entstand das Kunsthaus Erfurt in der Michaelisstraße, während sich die politischen und persönlichen Lebensumstände der Künstlerinnen grundlegend veränderten. Aus einer freien, projektbezogenen Zusammenarbeit wurde eine neue Verantwortung: Ein Haus musste betrieben, finanziert und mit Leben gefüllt werden. Förster beschreibt das als einen Umbruch, dessen Folgen die Gruppe zunächst unterschätzt hatte.

Paris, Rotterdam, Amsterdam

Auch die gemeinsame künstlerische Arbeit veränderte sich. Einige Mitglieder gingen ins Ausland oder in andere deutsche Städte, andere entwickelten neue berufliche Wege. Gleichzeitig erhielt die Gruppe Einladungen zu internationalen Veranstaltungen, unter anderem nach Paris, Rotterdam und Amsterdam. 1994 endete langsam die kontinuierliche Zusammenarbeit – nicht als endgültiger Bruch, sondern weil sich die Biografien auseinanderentwickelten. Erst später kamen wieder gemeinsame Performances und Ausstellungen hinzu, etwa „Hosen haben Röcke an“ in der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) im Jahr 2021 oder die Beteiligung bei der 13. Berlin Biennale.

Verena Kyselka Die Nachrichtensprecherin 1989 Akteurin: Verena Kyselka. Foto: Bernd Hiepe

Dass die Arbeiten der Erfurter Künstlerinnengruppe heute in den großen Kulturinstitutionen gezeigt werden und bei einer jüngeren Generation anschlussfähig sind, freut die Kuratorin. Vor allem ihre feministischen Forderungen seien weiterhin aktuell. Förster erzählt, sie habe gemeinsam mit einer jüngeren Besucherin noch einmal die Forderungen der „Frauen für Veränderung“ angesehen, die von Frauen der Künstlerinnengruppe im Herbst 1989 mitbegründet wurden. Das Ergebnis habe sie ernüchtert: „Es war verblüffend und eigentlich furchtbar zu erkennen, dass 90 Prozent dieser Themen nach all den Jahren noch immer genauso aktuell sind“.

Super-8-Filme, Kostüme und Stasi-Akten

Die Ausstellung ist deshalb keine abgeschlossene Geschichte hinter Glas. Sie zeigt, wie eine Gruppe von Frauen unter schwierigen Bedingungen eigene Formen der Kunst und Zusammenarbeit entwickelte – und wie vieles davon bis heute weiterwirkt. Wer durch die Räume geht, kann sich zunächst einfach von den Filmen, Kostümen und Bildern mitnehmen lassen oder sich über die Dokumente tiefer in den historischen Kontext einarbeiten. Eine festgelegte Leserichtung gibt es nicht.

Darin liegt die Stärke dieser Schau

Vielleicht liegt gerade darin die Stärke dieser Schau: Sie präsentiert die Künstlerinnengruppe nicht als Fußnote einer männlich dominierten Kunstgeschichte, sondern als eigenständige, vielgestaltige Position. Und sie tut das an einem Ort, der selbst Teil dieser Geschichte ist. Das Wandbild hängt nicht einfach irgendwo an einer Museumswand. Es gehört zu diesem Haus, zu seinen Veränderungen und zu den Menschen, die hier Kunst gemacht haben.

Filme, Kostüme und Fliesenarbeiten füllen das Kunsthaus Erfurt. Foto: Florian Dobenecker

Ihre Kunst ging hier direkt in revolutionäre politische Praxis über. Zum Beispiel ihre größte Performance, wie Monique Förster selbst betont, die DDR-weit erste Besetzung einer Bezirkszentrale des Ministeriums für Staatssicherheit am 4. Dezember 1989. Aus diesem Grund ist die künstlerische und historische Tragweite der Künstlerinnengruppe Erfurt enorm. Sie steht für eine Kunstform, bei der Mut, Körperlichkeit, Feminismus und politischer Widerstand unlösbar miteinander verschmolzen.

Künstlerinnengruppe Erfurt hat aus ihrem Leben Kunst gemacht

Kunsthistorisch ist ihr Beitrag zur Emanzipation und zur Kunst der Diktaturüberwindung auf einer Stufe mit den großen Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts anzusiedeln. Denn die Künstlerinnengruppe Erfurt hat aus ihrem Leben Kunst gemacht. Dass sich dieses Leben nun ausgerechnet am Ursprungsort noch einmal so unmittelbar nachvollziehen lässt, ist tatsächlich etwas Besonderes.

Hard Facts:

  • Was: Ausstellung „Aus Leben Kunst machen“ | Exterra XX
  • Wo: Kunsthaus Erfurt, Michaelisstraße 34
  • Wann: Läuft noch bis zum 13. November

Mehr Cooltur-News aus Thüringen:

Image
Image
Image