Für Geküsste Regenwürmer und schlafendes Gemüse ist Thüringen ein Spezialfall
„Thüringen ist beim Thema Schulgarten gewissermaßen ein Spezialfall, weil Thüringen das einzige Bundesland in Deutschland ist, in dem der Schulgarten ein fester Bestandteil des Lehrplans ist“, erklärt Sara Reichau, Referentin für Presse, PR und Politik beim Sozialunternehmen Acker, im t.akt-Gespräch. „Die Voraussetzungen sind also schon mal gut.“
Was Thüringer Kinder im Schulgarten lernen
Das Sozialunternehmen „Acker“ will es möglich machen, „dass jedes Kind den Wachstums- und Wertschöpfungsprozess von Lebensmitteln mit den eigenen Händen erleben kann. Aber auch Erwachsene sollen erfahren, wie wertvoll unsere Natur ist und wie viele Ressourcen in frischem Gemüse stecken – für eine Gesellschaft, die weiß, was sie isst“, heißt es auf der Internetseite von Acker.
Kindern alles Wichtige über den Gartenbau beibringen
Aber wie groß ist die Unwissenheit über den Gartenbau bei Kindern heute wirklich? „Was die Unwissenheit angeht: Da fangen wir bei den Lehrerinnen und Lehrern an, nehmen sie an die Hand und bilden sie so aus, dass sie dann den Kindern alles Wichtige über den Gartenbau beibringen können“, sagt Sara Reichau. „Nicht jeder ist ein Spezialist für dieses Thema – muss man auch nicht. Dafür sind wir ja da, um das zu ändern. Und das macht auch noch Spaß.“
Derzeit betreut Acker 46 Schulen und zehn Kitas in Thüringen. Das fange damit an, dass man mit den Verantwortlichen vor Ort das Schulgelände genau anschaue und prüfe: „Gibt es dort überhaupt mögliche Ackerflächen oder ist der Einsatz von Hochbeeten sinnvoller?“ Wenn es dort mögliche Ackerflächen gebe, analysiere man Bodenproben. Außerdem biete Acker Fortbildungen und Workshops für die Lehrerinnen und Lehrer und bespreche, welches Saatgut oder welche Jungpflanzen eingesetzt werden sollen, führt die Pressesprecherin von Acker aus. Darüber hinaus werde umfangreiches Unterrichtsmaterial zur Vorbereitung und Begleitung des Schulgartens geliefert. Und ehrenamtliche AckerCoaches kämen etwa viermal im Jahr an jede Schule, um bei Pflanzungen zu unterstützen und sich mit den Beteiligten auszutauschen.
Acker betreut 46 Schulen in Thüringen beim Schulgarten
Das alles sei nur möglich, weil starke Partner – Krankenkassen, Stiftungen, öffentliche Förderer und Firmen – einen Großteil der Kosten übernähmen. Für die Schulen bleibe so nur ein relativ kleiner Eigenanteil übrig.
Das ist beliebtes Gemüse aus Thüringens Schulgärten
Und was für Gemüse wird in den Schulgärten in Thüringen angebaut? „Wir legen Wert darauf, dass der Anbauplan möglichst vielfältig ist, also bunt, kindgerecht und streng aus ökologischer Züchtung“, sagt Sara Reichau. „Außerdem sollte es möglichst oft etwas zu naschen geben für die Kinder. So werden unter anderem Buschbohnen in den Farben Blau, Gelb und Grün, Feuerbohnen, Mairübe, roter Malabarspinat, Popcornmais und Zuckermais angebaut. 30 Sorten Gemüse im Schnitt.“

Dafür arbeitet Acker mit einem großen Bio-Saatgut-Hersteller in Hessen zusammen und bezieht Jungpflanzen aus elf verschiedenen Bio-Gärtnereien.
„Gemüse muss schlafend gepflanzt werden“ – Kinder ackern
Wie die Schulgärten bei den Kindern ankommen? Sara Reichau überlegt kurz und meint dann: „Die Reaktionen der Kinder sind sehr vielseitig. Oft sind sie enttäuscht, wenn ihnen gesagt wird, dass sie aufhören müssen mit dem Pflanzen, weil die Zeit um ist. Und ein Spruch eines Kindes aus Thüringen ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es meinte sinngemäß: ‚Ich habe heute ganz viel gelernt! Am witzigsten war, dass man ganz viel Gemüse eigentlich schlafend pflanzen muss – gemeint war liegend – das macht auch total viel Sinn, weil es sich dann vor dem Wachsen nochmal richtig ausruhen und ganz viel Kraft sammeln kann!‘“
51 Prozent der Kinder essen dank Schulgarten mehr Gemüse
Doch Acker führt auch regelmäßig wissenschaftliche Befragungen zur Wirkung der Programme unter Schülerinnen und Schülern, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrern durch, und die Ergebnisse ähneln sich nach Angaben der Pressesprecherin sehr: 66 Prozent gaben an, die Schülerinnen und Schüler seien begeistert vom Gemüseanbau. Und 61 Prozent der Schülerinnen und Schüler wüssten am Ende, wie sich Pflanzen entwickeln, was sie zum Wachsen brauchen und wann welches Gemüse Saison hat, beginnt Sara Reichau einige Beispiele aufzuzählen. Außerdem gaben 61 Prozent der Befragten an, dass die Kinder im Laufe der Zeit ihre positive Einstellung zur Natur stärkten.
„Sie verlieren zunehmend die Scheu und Ängste vor Berührungen mit der Erde oder Insekten. Ein besonders plastisches Beispiel hierfür ereignete sich an einer Schule in Thüringen: Da haben zwei Jungs einen Regenwurm geküsst – aber es ist leider keine Prinzessin daraus entstanden“, ergänzt sie lächelnd, bevor sie fortfährt: „59 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind stolz auf die Ernte und trauen sich zu, selbstständig Gemüse anzubauen. Und 51 Prozent essen mehr Gemüse.“
Warum zwei Jungs in Thüringen einen Regenwurm küssten
Nach Vorzeige-Projekten in Thüringen gefragt, zählt Sara Reichau unter anderem das Staatliche Regionale Förderzentrum Johann Heinrich Pestalozzi in Nordhausen, die Staatliche Grundschule Teistungen und die Kita Butzemannhaus in Mühlhausen auf, betont aber: „Im Grunde ist jedoch jeder Schulgarten ein Erfolg für sich.“
Erfolgreiche Projekte in Thüringen und eine Einladung
Generell könne aber jede Grundschule und jede Kita in Thüringen auf Acker zukommen, wenn es Zeit, Lust und ausreichend Fläche für das möglichst langfristige Programm gebe.
„Wir versuchen dann, einen Förderpartner zu finden, damit die Kosten nicht so hoch sind und die Schule nicht selber nach einem Sponsor suchen muss“, erklärt Sara Reichau. „Aber was die Kinder angeht: Alle, die schon laufen können, sind uns willkommen.“
Mehr Infos: www.acker.co
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Originally posted 2016-08-21 10:46:20.