„Licht aus!“ – Die Nacht in Thüringen soll wieder dunkel werden
Sabine Frank kennt die Nacht. Als Initiatorin und Beauftragte des Sternenparks Rhön wirbt sie seit Jahren dafür, künstliches Licht im Freien so weit wie möglich zu reduzieren – und zwar nicht nur im Schutzgebiet selbst. Ihr Vorschlag klingt zunächst radikal, ist aber pragmatisch gemeint: Kommunen sollen ihre Straßenbeleuchtung nachts weitgehend abschalten, etwa zwischen 23 und 5 Uhr. Denn ein Gesetz, das dauerhaftes Licht verlangt, gibt es nicht – abgesehen von Zebrastreifen und den Scheinwerfern fahrender Autos.
Wer nachts abschaltet, spart bares Geld
Sabine Franks Argumente sind erstaunlich handfest. „Wussten Sie, dass nächtliche Beleuchtung bei vielen Gemeinden den Hauptstromverbrauch ausmacht? Hier kann man richtig sparen – zumal die meisten Menschen nachts ab 23 Uhr sowieso zu Hause sind und sich nicht mehr im Freien aufhalten“, sagt sie. Wer doch losziehe, komme mit einer Taschenlampe und etwas Eigenverantwortung bestens zurecht. Immer mehr Bürgermeister – auch außerhalb der Rhön – teilten diese Sicht, berichtet die Sternenparkbeauftragte.
Angst vor der Dunkelheit? Ein Missverständnis.
Aber fürchten sich die Menschen nicht vor der Dunkelheit? Frank widerspricht: Zu ihren Sternenführungen kämen schließlich viele Gäste, und einschlafen könnten die meisten auch im Dunkeln. Gemeint sei ein anderes Gefühl – die Sorge, zufällig Opfer einer Straftat zu werden. Mit Lichtverhältnissen habe das wenig zu tun. „Tendenziell ‚unsicher‘ fühlen sich manche Menschen, wenn sie alleine unterwegs sind an einsamen Orten oder zu einsamen Zeiten und niemand im Notfall zur Hilfe eilen kann“, erklärt sie. Sicherheit entstehe durch Gemeinschaft – tagsüber wie nachts.
Frank stützt sich auf ihre langjährige Arbeit in der Fuldaer Opferambulanz und auf Polizeistatistiken. Frauen, die im öffentlichen Raum zu Schaden kämen, seien meist Opfer von Partnergewalt. Häusliche Gewalt bleibe die größte Bedrohung. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter habe erst im April 2026 bestätigt, dass Täter überwiegend aus dem privaten oder familiären Umfeld stammten. Die Vorstellung vom fremden Angreifer im Dunkeln nennt Frank ein „verbreitetes Fehlbild“.
Künstliches Licht hilft den Tätern
Dazu trage auch die Berichterstattung bei, die zwischen „beleuchteter und unbeleuchteter Nacht“ nicht unterscheide. Licht schütze nicht – im Gegenteil: „Sie ermöglicht potenziellen Tätern, zufällige Opfer – die alleine unterwegs sind – und deren Umgebung besser zu erkennen und einzuschätzen und so ungestörter zu agieren.“ Auch Stalker, Exhibitionisten und Einbrecher profitierten von Beleuchtung, die sie nicht mitbringen müssten.
Licht aus: Frankreich macht es vor
Dass Nachtabschaltung funktioniert, zeigen laut Frank Erfahrungen aus dem In- und Ausland. Über 20.000 französische Kommunen praktizieren sie bereits, darunter größere Städte. Polizeistatistiken und wissenschaftliche Studien belegten übereinstimmend: Weder Kriminalität noch Unfallzahlen steigen. Viele Anwohner schätzten sogar die zurückgewonnene Nacht.
Lichtverschmutzung: Das bedeutet sie für Igel, Falter und Sternenhimmel
Es gehe um weit mehr als Stromkosten, betont Frank. „Der beliebte nachtaktive Igel steht auf der Roten Liste. Er und viele Nachtfalter zählen zu den Hauptopfern der Lichtverschmutzung. Deren Raupen sind die wichtigste Nahrungsquelle vieler Tiere, darunter auch der Gartenvögel.“
Lichtglocken oder Skyglow sind eine ernst zu nehmende Gefahr
Das künstliche Licht werde direkt in den Himmel abgestrahlt und durch Partikel in der Luft und Wolken reflektiert. „Es kommt zu den charakteristischen ‚Lichtglocken‘ über Städten und Gemeinden, die schon von weitem sichtbar sind. Diese Lichtverschmutzung nennt man auf Neu-Deutsch: Skyglow. Die harmlose Folge ist, dass in der Stadt kein Sternenhimmel mehr zu sehen ist. Viel schlimmer ist aber, dass das Licht nicht nur direkt in die Städte zurückstrahlt sondern auch weit ins Umland reflektiert und die dunkle Landschaft erleuchtet. Viele Insekten und andere Beutetiere sind aber auf den Schutz der Dunkelheit angewiesen. Das Licht nutzt nur den Raubtieren und Jägern – wie bei den Menschen auch. Das natürliche Gleichgewicht wird gestört mit fatalen Folgen für das gesamte Ökosystem“, zeigt sie die Zusammenhänge auf.
Selbst Stadtbäume werfen ihre Blätter im Winter nicht mehr ab – „die künstlich längeren Tage durch Lichtverschmutzung sind schuld“, sagt Frank.
Wie viel Licht der Mensch wirklich braucht
Zwei Zahlen bringen es auf den Punkt: Die Sonne leuchtet mit rund 120.000 Lux, ein strahlender Vollmond mit 0,3 Lux. „Damit können wir hervorragend sehen“, sagt Frank. Die Lichtglocken über Städten übertreffen den Mondschein um ein Vielfaches. Im Immissionsschutz gilt Kunstlicht längst als schädliche Umwelteinwirkung – gleichgestellt mit Lärm oder Luftverschmutzung.
Deshalb sollte es immer öfter heißen: Licht aus!
Ihr Fazit fasst die Sternenparkbeauftragte so zusammen: „Nächtliche Dunkelheit ist gut für die Natur und Umwelt. Sie ist gut für unseren Geldbeutel. Sie ist gut für unsere Gesundheit, weil wir besser schlafen können. Sie schenkt uns – bei gutem Wetter – einen schönen Sternenhimmel.“ Deshalb ist ihr Appell: „Licht aus!“ Weitere Informationen zum Thema, Kontakte und mehr zum Sternenpark Rhön findet ihr hier.
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