Rampenrevolte: Weimar verabschiedet Skatenacht – Thüringer Jugendkultur gerät unter Druck
Weimar gilt als Stadt der Hochkultur: Deutsches Nationaltheater Weimar (DNT), Kunstfest, Bauhaus und Klassik prägen das Angebot. Doch einmal im Jahr gehört der Theaterplatz, das kulturelle Herzstück der Stadt, den Skateboards, Bands und DJs. Der Verein „Brettern – Skaten und Mukke aus Weimar e.V.“ verwandelt den Platz zwischen DNT und Haus der Weimarer Republik seit 17 Jahren in einen Ort für Jugend- und Subkultur.
Letzte Skatenacht in Weimar?
Rund 20 Ehrenamtliche organisieren die Skatenacht – kreativ, engagiert, unentgeltlich. Sie schaffen Raum für Begegnung, gestalten ihre Stadt aktiv mit und machen sichtbar, welchen Wert solche selbstorganisierten Projekte für das kulturelle Leben haben. Doch genau diese Arbeit gerät zunehmend unter Druck.
Aus einer Idee für Skater wächst ein Verein
Aber erst mal zurück zum Anfang. Die Geschichte begann 2010. Eine Gruppe junger Skater:innen wollte einen Tag organisieren, der ganz ihrer Leidenschaft gewidmet ist. Dass daraus einmal ein etablierter Verein mit einer Veranstaltung auf einem der prominentesten Plätze Weimars entstehen würde, ahnte damals niemand. Es ging darum, der Subkultur und jungen Menschen in Weimar einen (Frei-)Raum zu geben, denn den gäbe es bis heute zu wenig, so Ivana Buhl, Vorstandsmitglied des Vereins.
Die Gruppe, die sich damals bereits auf dem Theaterplatz traf, „war vielen Konflikten und dem Unmut der Stadtgesellschaft ausgeliefert“, erinnert sich Hannes Hendrich, ebenfalls Vorstandsmitglied. Gemeinsam mit Sozialarbeitern und Streetworkern begann die Gruppe an der Idee für ein sichtbares Skate-Event zu arbeiten. Schon bald kamen Menschen hinzu, die Lust hatten, das Ganze mit Musik zu gestalten.
Die Skatenacht wird zur festen Größe
Nachdem verschiedene Sozialarbeiter:innen des Streetworkteam über Jahre Fördermittel für die Veranstaltung eingeworben hatten, wuchs der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit. 2021 gründeten die Beteiligten schließlich den Verein – kurz und liebevoll – Brettern. Dieser ist schnell zu einer wichtigen Säule für die Skate Community geworden.
Die letzte Skatenacht steht unter dem Motto „Rampenrevolte“
Anfangs begegneten viele der Idee mit Skepsis. Heute gehört das Stolpern über die Skatenacht fast zum Konzept. Wer auf dem Theaterplatz eigentlich Goethe und Schiller fotografieren wollte, trifft plötzlich auf Skateboards, bunte Dekorationen, Musik und Mitmachangebote – und bleibt nicht selten länger als geplant.
Am kommenden Samstag startet die 17. Skatenacht. Seit Mai laufen die Vorbereitungen. „Und plötzlich ist Juli“, schmunzelt Ivana. Dann beginnt die Bauwoche. Rampen werden gebaut, bemalt und T-Shirts werden bedruckt. „Hier kommt die Community eigentlich so richtig zusammen“, so Hannes weiter. Unter dem Motto „Rampenrevolte“ erwartet die Besucher:innen in diesem Jahr ein ganztägiges Programm. Im Mittelpunkt steht dabei nicht der sportliche Wettbewerb, sondern die Freude am gemeinsamen Erleben.
Förderdruck und Bürokratie setzen dem Ehrenamt zu
Doch genau dieses Engagement gerät zunehmend unter Druck. Kaum ist der Tag über die Bühne gebracht, kümmern sich Vereinsmitglieder um die Fördermittel für das kommende Jahr. Obwohl die Stadt Weimar Mittel für die Skatenacht im Haushalt vorsieht, reichen diese oft nicht aus. Gleichzeitig werden Förderprogramme knapper und die Antragsverfahren aufwendiger. Zeit und Energie fließen in Finanzierung und Bürokratie statt in die eigentliche Vereinsarbeit.
Warum der Verein die Skatenacht beendet
Die Entscheidung, mit der Skatenacht aufzuhören, ist deshalb keine Entscheidung gegen die Community. Vielmehr zieht der Verein die Konsequenz aus Rahmenbedingungen, die immer mehr Energie binden und gleichzeitig immer weniger Raum für Weiterentwicklung lassen. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Das Format ist über die Jahre gewachsen, gleichzeitig fehlt vielerorts der Nachwuchs.
„Wir haben zunehmend den Eindruck, dass das Bewusstsein dafür verloren gegangen ist, die eigene Community und städtische Räume aktiv mitzugestalten“, beschreibt Ivana die Stimmung im Verein. Zwar sei die Unterstützung während der Bauwoche und am Veranstaltungstag groß, langfristige Verantwortung übernähmen jedoch immer weniger junge Menschen. Aber auch für die Vereinsmitglieder selbst steht das Projekt an einem Punkt, wo sie kaum noch Entwicklungspotenzial sehen.
Ein Abschied als Auftakt für eine Neuausrichtung
Was vor 17 Jahren als Reaktion auf eine Lücke in der Jugend- und Subkultur in Weimar entstand, reagiert auch heute auf veränderte Rahmenbedingungen mit einer Neuausrichtung.
Die Unterstützung und Wertschätzung der Stadt sind da, und doch genügt es leider nicht im größeren Fördergefüge. Die Vereinsmitglieder erkennen die Notwendigkeit einer Neuausrichtung – sowohl aufgrund der zunehmend schwierigen Förderbedingungen als auch mit Blick auf die Nachwuchsentwicklung. Sie haben Lust, diesem Gefühl mit neuer Kraft und Kreativität zu folgen.
Nach der Skatenacht sollen neue Formate entstehen
Auch wenn „die Skatenacht endet, für die Zukunft werden wir uns wieder auf kleinere, aber vor allem neue Formate konzentrieren“, so Hannes. Vernetzungsarbeit wird dabei auf dem Programm stehen: Synergien schaffen und so gemeinsam wieder Größeres auf den Weg bringen. Bevor dieser Prozess beginnt, rollt jedoch noch einmal die Skatenacht über den Theaterplatz – als lebendiges Beispiel dafür, wie viel kulturelle Vielfalt ehrenamtliches Engagement in einer Stadt schaffen kann.
Hard Facts:
- Skatenacht: Samstag, 25. Juli 2026, von 14 bis 23 Uhr
- Ort: Theaterplatz Weimarer
- Kostenfreie Höhepunkte: Anfängerworkshop: 14 bis 16 Uhr | Konzerte ab 20 Uhr mit Sax Pisstols & Hyphen
- Weitere Tipps und Informationen findet ihr hier!
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