Text: Dirk Petermann
Die Farbe wirkt verblasst, der Putz bröckelt, Fensterreihen ziehen sich wie blinde Augen über die Fassade. Draußen kämpft sich Gras durch den Asphalt, drinnen frisst sich der Verfall leise voran. Wasser dringt ein. Der Kulturpalast von Unterwellenborn steht still. Er ist zu groß, um übersehen zu werden, zu bedeutend, um vergessen zu sein. Doch seit Jahren sich selbst überlassen – ein Ort im Dornröschenschlaf.
Kulturpalast Unterwellenborn sorgt für neue Konflikte
Dabei ist das historische Gebäude mehr als nur ein leer stehendes Objekt. Er ist Projektionsfläche für Erinnerungen, Hoffnungen und Konflikte. Denn zwischen Eigentümer, engagiertem Verein und Behörden verhaken sich Interessen. Im Buch „Max braucht Gesellschaft“ von Christoph Liepach wird das Bauwerk als „Denkmal von nationaler Bedeutung“ bezeichnet. Ideen gab es viele, Bewegung kaum. So bleibt der Koloss zurück. Es ist ein Relikt voller Geschichten, das darauf wartet, wieder zum Leben erweckt zu werden. Doch mit jedem Jahr wächst die Frage, ob noch genug Zeit bleibt.
Vandalismus steht Tür und Tor offen
Steffen Palm, zweiter Vorsitzender des Vereins „Kulturpalast Unterwellenborn“, gehört selbst nicht zur „Generation Kulturpalast“. Der 64-Jährige kam erst viele Jahre nach der Wende in die Region und lernte das Gebäude erst 2016 kennen. „Ich habe mich in das Gebäude verliebt“, sagt er rückblickend. Über Friedenskonzerte, die der Verein noch im Palast organisieren durfte, fand er schließlich den Weg in den Verein und kurze Zeit später in den Vorstand.
Heute ist Palm vor allem für Fördermittel zuständig. Mit Erfahrung aus den 1990er-Jahren gelingt es dem Verein immer wieder, Gelder einzuwerben, etwa für Projekte in der Gasmaschinenzentrale, dem heutigen Vereinssitz, der ebenfalls ein denkmalgeschütztes Industriegebäude ganz in der Nähe ist. Doch genau darin liegt das Dilemma. Während der Verein aktiv ist und Kultur organisiert, bleibt das eigentliche Herzstück verschlossen.
Engagement hält Hoffnung für Kulturpalast
Bis 2019 hatte der Verein noch Zugang zum Kulturpalast. In dieser Zeit wurden Veranstaltungen organisiert, Räume nutzbar gemacht und sogar Infrastruktur finanziert. „Wir haben das Geld, das wir eingenommen haben, wieder ins Haus gesteckt“, betont Palm. Dazu gehörten die Stromversorgung, Pumpen im Keller gegen eindringendes Wasser und erste Sicherungsmaßnahmen. Vieles sei über ehrenamtliches Engagement gelaufen.
Dann kam der Bruch:
Im Frühjahr 2019 hat uns der Eigentümer rausgeschmissen.
– Steffen Palm, zweiter Vorsitzender des Vereins Kulturpalast Unterwellenborn
Die Gründe seien unklar, mutmaßlich habe es Misstrauen gegeben. Seitdem steht das Gebäude weitgehend ungenutzt und ungeschützt. Die Folgen sind sichtbar. „Da stehen Tür und Tor offen“, sagt Palm. Zwar gebe es Menschen, die das Gebäude nur erkunden wollten, aber manche randalieren eben auch. Gleichzeitig fehle es an grundlegender Sicherung durch den Eigentümer. Auf Anfrage wollte sich eine Vertreterin der Immo‑Möbel GmbH & Co. KG von Geschäftsführer Knut Schneider inhaltlich nicht äußern. Man liege im Rechtsstreit mit dem Landratsamt des Kreises Saalfeld-Rudolstadt.
Leer stehendes Gebäude ist längst kein stiller Ort mehr
Dafür ist die Positionierung der zuständigen Landespolizeiinspektion in Saalfeld umso klarer. Aus polizeilicher Sicht zeigt sich ein klares Bild: Der leer stehende Kulturpalast ist laut Sprecher Severin Lehmann längst kein stiller Ort mehr. Vielmehr stehe das Gebäude regelmäßig im Fokus von Einsätzen.
Zahlreiche Fälle von Hausfriedensbruch
Im Zeitraum von 2022 bis April 2026 registrierte die Polizei nach eigenen Angaben insgesamt 40 Fälle von Hausfriedensbruch. Besonders auffällig ist der sprunghafte Anstieg im Jahr 2025 mit allein 27 Verfahren. Hinzu kommen fünf Fälle von Sachbeschädigung sowie vier Diebstähle. „Bei allen genannten Taten handelt es sich um Straftaten, die häufig im Zusammenhang mit leer stehenden Gebäuden auftreten“, erklärt Lehmann. In den meisten Fällen blieben die Täter unbekannt, vereinzelt konnten jedoch Personen ermittelt werden.
Zwischen Rave-Club und Liebhaber-Kino: 30 Jahre Saalgärten in Rudolstadt
Für die Polizei ist die Lage eindeutig. „Bei dem Gebäude handelt es sich um ein sehr großes, leer stehendes Objekt, an dem es wiederholt zu den oben genannten Straftaten gekommen ist.“ Kontrolliert werde der Kulturpalast im Rahmen der Streifentätigkeit, allerdings nur von außen. Gleichzeitig habe man den Eigentümer mehrfach darauf hingewiesen, das Gebäude besser zu sichern. Denn genau hier liegt ein zentraler Punkt. Die Verantwortung für die Sicherung des Areals liegt beim Eigentümer. Auch mögliche Videoüberwachung falle ausschließlich in dessen Zuständigkeitsbereich.
Polizei weist auf bessere Objektsicherung hin
Der deutliche Anstieg der Fallzahlen seit 2025 könnte laut Polizei auch mit einem veränderten Anzeigeverhalten zusammenhängen. Der Kulturpalast habe sich überregional einen Namen gemacht, nicht als Kulturstätte, sondern als Ziel für Neugierige, Abenteurer und Vandalen, sagt Lehmann. Es handle sich um einen „bundesweit bekannten Lost Place“, der immer wieder unbefugt betreten werde, mit allen Folgen, die ein solcher Ort mit sich bringe.
„Ich glaube, dass er irgendwann das Interesse verloren hat“
Dabei war die Ausgangslage einst vielversprechend. Als der Kulturpalast 1994 vom heutigen Eigentümer übernommen wurde, habe es ein Nutzungskonzept gegeben, von Kongresszentrum bis Hotel. Doch Rückschläge wie ein teurer Wasserschaden und Streitigkeiten über Abgaben hätten das Engagement offenbar gebremst. „Ich glaube, dass er irgendwann das Interesse verloren hat“, so der zweite Vereinsvorsitzende Palm.
Eine Enteignung hält er für unwahrscheinlich. „Das ist zu komplex, zu teuer, politisch heikel.“ Die Hoffnung des Vereins liegt stattdessen auf einer neuen Initiative, der Gründung einer Stiftung. „Eine Stiftung hat ganz andere Möglichkeiten, Geld einzusammeln als ein kleiner Verein“, erklärt Palm. Gemeinsam mit privaten Mitstreitern will der Verein in den kommenden Wochen eine unselbstständige Stiftung ins Leben rufen. Ziel ist es, Kapital zu bündeln – langfristig genug, um als ernsthafter Verhandlungspartner auftreten zu können.
Eine neue Stiftung gibt Anlass zur Hoffnung
„Wir als Verein könnten den Kulturpalast weder kaufen noch betreiben.“ Dafür brauche es eine größere Struktur, getragen von öffentlicher Hand, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Erste Signale aus der Region seien positiv, von der Kommune über den Landkreis bis hin zum Stahlwerk.
„Aufgeben wäre keine Option“
Trotz aller Schwierigkeiten bleibt Palm optimistisch, auch wenn er den langen Atem kennt, den dieses Projekt braucht. „Aufgeben wäre keine Option“, sagt er. Zwar habe die öffentliche Hoffnung in den vergangenen Jahren spürbar nachgelassen, doch genau dagegen arbeite der Verein bewusst an. „Präsenz zeigen, Veranstaltungen organisieren, das Thema wachhalten“, betont Palm.
Thüringer DDR-Kulturpalast und Ikone bekommt literarisches Denkmal
Der Kulturpalast selbst bleibt für ihn mehr als eine Ruine. „Die Seele dieses Hauses kam nie von oben. Die haben die Menschen geschaffen.“ Ob diese Seele noch einmal neues Leben bekommt, ist offen. Aber Palm formuliert es persönlich: „Wenn ich die Hoffnung nicht hätte, dann würde ich dieses Ehrenamt nicht machen.“
Verein bekommt ein anderes, fast überraschendes Gesicht
Nach den Einblicken von Steffen Palm bekommt der Verein mit Katja Goschütz ein anderes, fast überraschendes Gesicht. Die Vorsitzende ist ebenfalls keine Zeitzeugin des Kulturpalastes. Goschütz stammt wie Palm nicht aus Thüringen und hatte ursprünglich kaum Berührungspunkte mit dem Gebäude. „Eigentlich gar keinen“, sagt sie offen.
„Ich fand das total ergreifend.“
Ihr erster und bislang einziger Besuch liegt Jahre zurück, noch vor der Corona-Pandemie, im Rahmen eines Friedenskonzerts. Und doch hat dieser eine Eindruck gereicht. Besonders der Theatersaal ist ihr in Erinnerung geblieben: „Ich fand das total ergreifend. Ich fand das wirklich schön und ich finde es traurig, dass es nicht mehr genutzt wird.“ Dass sie heute an der Spitze des Vereins steht, hat weniger mit persönlicher Geschichte zu tun als mit Verantwortung für die Gegenwart. „Die Motivation ist das Engagement dieser ganzen Mitglieder“, sagt sie. Sie habe erlebt, wie viel Herzblut im Verein stecke, und wollte nicht zulassen, dass das aufgegeben wird.
Inhaltlich denkt Goschütz den Kulturpalast konsequent aus Sicht der Region. Es geht ihr weniger um nostalgische Rückschau als um konkrete Lebensqualität. Der Leerstand bedeute vor allem eines: fehlende Angebote vor Ort. „Wenn wir heute etwas erleben wollen, müssen wir nach Erfurt oder Jena fahren.“
Visionen sollen Kulturpalast wiederbeleben
Ihre Vision ist deshalb bewusst alltagsnah. „Ich wünsche mir einen Ort für Konzerte, Comedy, Theater. Es geht darum, dass die Menschen kurze Wege haben“, sagt sie. Der Kulturpalast soll wieder ein Haus für alle werden: „Egal ob Kinderbasteln, Lesung oder Konzert, dass man alles wieder attraktiv machen kann.“ Damit knüpft sie an die ursprüngliche Idee des Hauses an, das schon zu DDR-Zeiten ein breites Spektrum kultureller Nutzung bot. Doch Goschütz geht noch einen Schritt weiter und betont die gesellschaftliche Dimension. Der Erhalt des Gebäudes sei auch eine Frage der Anerkennung.
Verfall ist eine Missachtung der Lebensleistung der Ostdeutschen
Der Verfall habe Symbolkraft, im negativen Sinne. „Es ist eine Missachtung der Lebensleistung der Ostdeutschen, wenn dieses Haus untergeht“, sagt sie deutlich. Der Kulturpalast stehe exemplarisch für das, was Menschen in der Region über Jahrzehnte aufgebaut und mit Leben gefüllt hätten.
Thüringens elektronische Szene erlebt im Vogue 2.0 in Rudolstadt ein Club-Revival
Tatsächlich ist das Gebäude auch architektonisch eine Ausnahmeerscheinung. Von den einst rund 2000 Kulturhäusern der DDR existieren heute nur noch wenige – und der Kulturpalast Unterwellenborn nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Er gilt als eines der letzten Häuser dieser Größenordnung mit originalem Orchestergraben und komplexer Bühnentechnik.
Kulturpalast in Thüringen wird neu gedacht
Für Goschütz ist genau das Verpflichtung: nicht nur bewahren, sondern neu denken. Der Kulturpalast soll kein Museum werden, sondern wieder ein lebendiger Ort. Die emotionale Bindung, die viele in der Region verloren haben, wollen sie wieder aufbauen – durch Nutzung, nicht durch Erinnerung allein. Dass sie selbst nur einmal im Gebäude war, wirkt dabei fast sinnbildlich. Der Kulturpalast ist längst kein gelebter Ort mehr, sondern eine Idee, die neu mit Leben gefüllt werden muss. Und genau darin sieht sie ihre Aufgabe.






















