Text: Dirk Petermann
Der Bass dröhnt noch in der Erinnerung, auch wenn die Lichter längst ausgegangen sind. Sven Hecht steht vor dem alten Gebäude in Engerda, in dem er als Jugendlicher Anfang der 2000er wilde Nächte und seine erste große Liebe erlebte. In den 1980er-Jahren wohnte er als Kind im ersten Stock, direkt über der Gaststätte, die später mit der Disco zur überregionalen Legende wurde.
Ein Ort der mehr ist als Musik und Tanz
„Wir haben immer im nahegelegenen Jugendklub vorgeglüht und sind dann runter in den Tanzsaal gegangen. Hier habe ich mich das erste Mal richtig verliebt“, erzählt der 46-Jährige. Für ihn war der Ort mehr als Musik und Tanz. Er war Kulisse seiner Jugend, seiner ersten großen Gefühle. Sein Vater Gerald Hecht (74) und seine Mutter Vroni (73) leben heute nur wenige Schritte entfernt, im diagonal gegenüberliegenden Haus, das sie nach ihrer Zeit in der Gaststätte bezogen und zu einem größeren Wohnhaus umbauten. Noch heute leben die drei Hechts unter einem Dach.
Vom Koch zur Legende
1982 kamen Gerald und Vroni Hecht eher zufällig an diesen Ort im Hexengrund. Gerald, frisch gebackener Küchenmeister vom Panorama-Hotel in Oberhof, suchte einen Neuanfang, auch aus gesundheitlichen Gründen für Sven. Als Nachfolger des Betreibers Günther Hodes wurde er am Ortseingang fündig.
Das altehrwürdige Gebäude in Engerda war heruntergewirtschaftet. „Der Saal war praktisch nur noch Dach und Fassade, der Rest Schutt“, erinnert sich Gerald Hecht. Mit enormem Einsatz bauten sie Anfang der 80er alles neu auf. Bald galt die Gaststätte als eine der besten der Region: bis zu 350 Gäste, mehrere Theken, Bedienung am Platz, ständig die DDR-Politprominenz zu Gast. „Das war ein Kraftakt“, betont der gelernte Koch.
Engerda in Thüringen schreibt Clubgeschichte
Legendär wurden Hechts Auftritte im Saal: flambierte Schweinekeulen, hausgemachte Kroketten für Hunderte, exotische Themenabende mit chinesischer Küche – in der DDR eine Sensation. Doch Freizeit gab es kaum. 1986 kam der Moment, der alles veränderte: „Da stand mein kleiner Sohn draußen und weinte.“ „Vati, ihr habt keine Zeit mehr für mich.“ „Da wusste ich: Es reicht!“
Thüringen war Bühne für Familien, Politik und Bass
Trotz des Ausstiegs blieb Gerald Hecht dem Haus verbunden und half aus, wenn Not am Mann war. Die 1990er Jahre brachten seiner Erinnerung nach Aufbruch und Kontrollverlust zugleich. Zeitweise tauchten Gruppen aus der rechtsextremen Szene auf, etwa aus Jena, aus denen später der NSU hervorging. Hecht Senior berichtet nüchtern: „Die kamen aus Richtung Jena.“ Ob konkrete Verbindungen bestanden oder Leute wie Beate Zschäpe mit dabei waren, ließe sich heute nicht nachweisen, er vermutet es aber.

Engerda in Thüringen schreibt Clubgeschichte neu
Foto: Dirk Petermann
Auch in dieser turbulenten Zeit gab es Momente von Fürsorge und Skurrilität. Bärbel Hausburg, Nachbarin der Familie Hecht und Bewohnerin des Hauses direkt gegenüber des Saals, erinnert sich: „Während einer Veranstaltung ist ein Mann sturzbetrunken in den Wiedbach gefallen. Er war völlig durchnässt und voller Schlamm. Ich habe ihn bei uns übernachten lassen. Das halbe Haus war danach verschmutzt. Am nächsten Morgen war er plötzlich verschwunden.“ Auch an einen Trabi, der an einem lauten Abend im Bach landete, erinnere sich noch das ganze Dorf, genauso wie an den Wartburg, der vor der Disco aufs Dach gedreht wurde“, ergänzt Nachbar Gerald Hecht und schüttelt den Kopf.
„In dieser Zeit waren neun Kinder hier geboren worden“
Das Gebäude selbst hat eine Geschichte, die weit über die Discojahre hinausreicht. Errichtet um 1900, diente es zunächst als Gaststätte unter Rudolph Köhler, bevor Ernst Oder, Großvater von Wolfgang Oder, den Saal von 1930 bis 1955 betrieb. „Mein Großvater betrieb die Kneipe 25 Jahre lang. In dieser Zeit waren neun Kinder hier geboren worden“, erzählt der 69-Jährige Wolfgang Oder. „Das war kein Gasthaus im klassischen Sinne. Das war unser Lebensmittelpunkt.“ Der Handwerker ergänzt: „Hier verbindet sich Dorfgeschichte mit Familiengeschichte. Generationen haben hier gelebt, geliebt und gefeiert.“
Entwicklung zur überregional bekannten Diskothek
In den 1990er und frühen 2000er Jahren entwickelte sich der Saal zu einer überregional bekannten Diskothek. Im Jahre der Wende übernahm Jutta Jablonski die gastronomische Leitung des Saals. Von Mai 1991 bis 1995 prägten unter ihrer Verantwortung DJs wie Mike Schröder und Ralf Streibert die Musikszene und den Sound der damaligen Partynächte. Heute ist die 66-Jährige selbst weiterhin gastronomisch tätig und betreibt eine Gaststätte in Schwarzburg.

Engerda in Thüringen schreibt Clubgeschichte neu
Foto: Dirk Petermann
Nach Jablonski folgte Kurt Lemser. Der heute 74-Jährige war von 1995 bis 2002 in Engerda aktiv und erinnert sich noch gut. „Wir hatten strenge Regeln: keine Szene-Uniformen, keine gefährlichen Gegenstände. Wer sich nicht daran hielt, kam nicht rein. „Sieben Jahre lang herrschten Respekt, Musik und ausgelassenes Feiern. Zu dieser Zeit hieß der Club noch „Hexe“. Nach Lemser übernahm Christian Otto aus Großkochberg und gab dem Laden zusammen mit seinem Mentor Lemser seinen bis heute nachwirkenden Namen: „Witch Club“. Die musikalische Ausrichtung traf den Nerv der Zeit: House, Techno, Drum and Bass.
Energie, Kreativität und Teamgeist
Sven Hecht erinnert sich: „Mike Schröter und Ralf Streipert waren meine Lieblings-DJs. Wenn die aufgelegt haben, war die Tanzfläche voll.“ Stammgast Christin Brückner aus Teichel ergänzt: „Mein Lieblings-Discjockey war DJ Gee-K. Sein Album ‚Too Long‘ habe ich heute noch. Genau die Musik, zu der wir gefeiert haben“, erinnert sich die 38-Jährige. Betriebswirt Christian Otto beschreibt seine Zeit nüchtern, aber leidenschaftlich: Nicht die Musik war entscheidend, sondern das engagierte Personal. Die „Mädels und Jungs“, die den Club lebendig und am Laufen hielten. In Spitzenzeiten feierten bis zu 1.100 Gäste, betreut von rund 25 Mitarbeitenden. Der 49-Jährige bezeichnet den Club als „jugendverlängernd“, als einen Ort voller Energie, Kreativität und Teamgeist.
„Es hat Geld gekostet, aber es hat Spaß gemacht“
Ein Beleg dafür, wie international aufgestellt der Club war, sind die Boogie Pims, die für zwei Stunden pro Auftritt schon damals einen mittleren vierstelligen Betrag verlangten. „Die hatten Tourneen rund um die Welt hinter sich. Kurz vorher noch in Sydney und Melbourne standen sie bei uns in diesem Dorfclub auf der Bühne“, erzählt Otto stolz. „Es hat Geld gekostet, aber es hat Spaß gemacht. Für die Jugendlichen hier war das ein Highlight, das sie nie vergessen haben.“

Engerda in Thüringen schreibt Clubgeschichte neu
Foto: Dirk Petermann
Jördis Streipert, die ebenfalls gegenüber der ehemaligen Disco wohnt, erinnert sich: „Der Witch Club hatte eine besondere Atmosphäre: verwinkelt, gemütlich, intim, mit Rückzugsorten neben der Tanzfläche.“ Legendär sei Klofrau Brigitte Respondek, genannt „Itchen“, gewesen. „Itchen hatte Herz, Wucht und Humor zugleich. Wer bei ihr nicht spurte, konnte schon mal einen nassen Waschlappen ins Gesicht bekommen“, erinnert sich Streipert.
„Das Gefühl von damals bekommst du nicht zurück“
Die Club-Geschichte endete, als wirtschaftliche Zwänge ihn nicht mehr tragbar machten, erzählt der letzte Betreiber Christian Otto. Doch sein Geist lebt weiter. Anwohner Sven Hecht sagt: „Es war unsere Szene. Heute ist vieles schnelllebiger. Das Gefühl von damals bekommst du nicht zurück.“
Engerda öffnet Türen im Kopf
Trotz allem ist da noch etwas, das geblieben ist. Christian Otto trägt den Witch Club bis heute in sich. Zu seinem anstehenden 50. Geburtstag spielt er mit dem Gedanken, noch einmal eine Veranstaltung aufleben zu lassen – kleiner, persönlicher, mit den Menschen von damals. Mit „seinen Mädels“ aus dem Service, wie er sie nennt. „Das wird kein Comeback, aber ein Echo“, sagt der Unternehmer versöhnlich.

Engerda in Thüringen schreibt Clubgeschichte neu
Foto: Dirk Petermann
Heute gehört das Gebäude dem 64-jährigen Rudi, der es kurz vor der Corona-Pandemie kaufte: „Ich kannte den Vorbesitzer, war aber selbst nie Teil dieser Clubzeit. Die Geschichten im Gebäude faszinieren mich.“ Alte Fotos, Baupläne und die Chronik von Autorin Heike Fischer zeigen die vielen Etappen der wechselnden Betreiber, Pächter und Besitzer. „Jede Phase brachte neue Impulse“, meint der aktuelle Eigentümer.
Ein Stück Thüringer Clubgeschichte, das unvergessen bleibt
Der Saal von Engerda ist kein Museum, kein Denkmal im klassischen Sinn. Er lebt weiter – in Erinnerungen, Geschichten und Menschen, die ein Stück ihres Lebens hier verbrachten. Der Witch Club mag geschlossen sein, doch die Nächte, das Team und der Geist dieser Disco leben in jeder Erinnerung weiter – ein Stück Thüringer Kulturgeschichte, das unvergessen bleibt.


