Große Wiedersehensfreude, gute Laune und eine ausgelassene Stimmung bestimmen viele Familienfeste. Auf solchen Feierlichkeiten zog eine Thüringerin schon im Grundschulalter los, um strahlende Gesichter und die rauschhaften Gefühle einzufangen und in emotionaler Erinnerung zu behalten.
Anna Kant bringt ihre Innenwelt in Erfurt auf die Leinwand
Ihre erste Kamera bekam Anna Kant von ihrem von der Fotografie begeistertem Vater im Alter von sechs oder sieben Jahren geschenkt, ihre ersten Motive waren geliebte Menschen aus ihrem Umfeld. Das Medium begleitet die Fotokünstlerin bis heute, auch wenn sie die Linse seit ihrer Volljährigkeit nicht mehr auf ihre Umwelt, sondern vor allem auf sich selbst richtet.
Grenzüberschreitende Kunst lädt im Kunsthaus Erfurt zur Reflexion ein
„Die Selbstinszenierungen vor der Kamera sind eine Therapie für mich“, erklärt Anna Kant, die sich nach ihrem Abitur für ein Studium der freien Kunst in Weimar entschied und heute hauptberuflich als Assistenz in einer Kunstgalerie arbeitet. Schon in ihrer Grundschulzeit erlitt sie eine erste Panikattacke. Es ist nicht die einzige geblieben: Immer wieder überkam sie eine Furcht vorm Erbrechen, die das einst beliebte Mädchen zunehmend ins Abseits drängte.
Thema Angst bestimmt ihre Fotos
Sowohl bei Lehrer:innen als auch Mitschüler:innen wurde sie immer mehr ausgegrenzt und gedemütigt, wurde gemobbt und ignoriert, was ihr sowohl körperlich als auch seelisch enorm zusetzte. „Hinter meinen Panikattacken steckt mit einer Emotophobie eine Angststörung, die aber erst mit 27 Jahren diagnostiziert wurde“, so Anna.
„Angst weiß“: Anna Kants Bilder berühren und provozieren
Kein Wunder, dass das Thema Angst generell ihre Fotos bestimmt: Bis Februar war ihre Serie mit dem doppeldeutigen Titel „Angst weiß“ in der Kunsthalle Erfurt ausgestellt. Auch für diese Schwarz-Weiß-Reihe fotografierte sie sich mit Selbstauslöser – nur zehn Sekunden bleiben ihr dabei, die zuvor überlegte Haltung direkt in Groß- oder Nahaufnahme vor der Kamera einzunehmen. Positionieren in einer Rolle ist dabei möglich – posieren wie bei einem Selfie nicht, Überraschungen sind die Regel – stilisiert-vollendete Bildkompositionen die Ausnahme.

Die Fotokünstlerin Anna Kant thematisiert psychische Gesundheit durch ihre Kunst. Foto: Anna Kant
„Entsprechend der Farbenlehre sollten Gelb, Rot und Blau nur in Verbindung mit den damit verbundenen Emotionen eingesetzt werden. Meine Angst ist weiß, daher habe ich auf Farbe verzichtet“, so Anna Kant. Ihr Alltag wird bis heute von ihrer spezifischen Angststörung bestimmt, manchmal sogar mit einem Gewinn.
Neue Orte zu entdecken ist das schönste Hobby
„Ich achte eher auf Details, laufe achtsam durch meine Umgebung und lebe bewusst und verspielt. Viele meiner Freunde vergleichen mich auch mit Amélie und ich sehe das als schönstes Kompliment, da ich genau diese sensible Art an mir schätze und liebe. Neue Orte zu entdecken ist das schönste Hobby.“
Anna Kant zeigt emotionale Selbstporträts aus Erfurt
Weitere Themen ihrer emotionalen, zum Nachdenken anregenden und psychologisch zu verstehenden Fotokunst sind Liebe und Schmerz. Nach dem Verlust ihrer ersten großen Liebe setzte die Wahl-Erfurterin beides in ihren Serien „Love & Pain“ (2012 bis 2014) um.
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Seit 2020 setzt sie sich in einer Serie thematisch mit Paraphilien, also von der Gesellschaft als „gestört“ eingestuften sexuellen Vorlieben auseinander, die von einem Haar- und Schuhfetisch bis hin zu schmerzbehafteten BDSM-Fantasien reichen. Ein Buch zu dieser Reihe ist in Arbeit, in Zusammenarbeit mit Betroffenen, Psycholog:innen und Kunsthistoriker:innen. Seit 2022 schreibt sie zu ihrer Fotografie auch Gedichte.
Ein Zeichen gegen Rechtsextremismus
Aktuell stellt sie zusammen mit der Künstlerin Kathleen Böttcher einige Werke im Kulturladen im Erfurter Rathaus aus. Die Ausstellung ist ein Teil des gemeinschaftlichen Kunst- und Kulturprojekts „Gold statt Braun“, welches mit Aktionen rund um den 8. Mai – dem Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus – ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzt.
Kintsugi und Kunst: Anna Kant zeigt Risse mit Gold in Erfurt
Ein goldener Draht, aus dem wichtige Schlagwörter rund um ein friedliches Miteinander geformt sind, durchziehen buchstäblich den ganzen Raum, in dem auch intime Großaufnahmen von Anna unter dem Motto „Freiheit“ hängen. „Ein Bild, auf dem Anna Risse im Gesicht hat und das sich bis über den Rahmen zieht, nimmt die Idee des japanischen Kintsugi auf, in der die Scherben einer zerbrochenen Keramikschale mit Gold repariert werden.

Anna Kant thematisiert Angst und Freiheit. Foto: Anna Kant
Auch unsere Gesellschaft hat Risse und Wunden – und diese können anstatt mit braunem Gedankengut mit freiheitlichen Zusammensein wieder gekittet werden“, erklärt Anna, die von weiteren Ausstellungen in Europa träumt, um für die zunehmende Zahl an psychischen Erkrankungen zu sensibilisieren.
Hard Facts:
- Ausstellung „Fragments of Gold“:
- bis 29. Mai im erfurtkultur-Laden | Fischmarkt 1
- Midissage: 5. Mai um 17 Uhr | www.annakant.de
