Das ehemalige Schauspielhaus in Erfurt war lange ein Leerstand mit ungewisser Zukunft. Heute ist es ein ganz besonderes Kultur-Experiment: Erfurter Bürger haben das Gebäude übernommen, organisiert als Genossenschaft KulturQuartier Schauspielhaus. Sie zählt inzwischen rund 930 Mitglieder, wie es auf der Homepage des Projektes heißt – ein Modell, das in dieser Größenordnung selten ist.
Komm tanzen – Im KulturQuartier Erfurt
Die Idee dahinter ist so schlicht wie ambitioniert: Kultur nicht nur konsumieren, sondern besitzen, gestalten, erhalten. Das Haus wird derzeit saniert. Künftig soll unter anderem Tanz, Theater, Radio und Kino vereinen. Doch schon jetzt wird es bespielt – nicht als fertiger Kulturtempel, sondern als offener Prozess. Das kommende Wochenende wirkt dabei wie eine Momentaufnahme dieses Prozesses. Statt eines klassischen Spielplans zeigt der KulturQuartier Erfurt e.V., was möglich ist, wenn Räume noch im Werden sind.
Ein Blick ins entstehende Innenleben
Am Freitagabend (8. Mai) startet das Programm mit einer Ausstellungseröffnung samt Artist Talk. Die Künstlerin Cornelia Erdmann arbeitet mit Licht, Linien und Alltagsmaterialien und nutzt den unfertigen Zustand des Hauses bewusst: Ihre Installation „Topologien des Dazwischen“ verschiebt Wahrnehmungen und macht sichtbar, wie sehr sich Räume im Wandel befinden.

Immer was los am KulturQuartier Schauspielhaus in Erfurt. Foto: KulturQuartier
Am selben Abend öffnet sich das Haus auch für eine Tanznacht. Unter dem Titel „Komm tanzen“ legt DJ Shepherd auf – kein Hochglanz-Club, sondern ein provisorischer Dancefloor im alten Schauspielhaus. Der Ansatz passt zur Idee des Quartiers: Schwellen abbauen, Nutzung ausprobieren, Publikum mischen.
Flohmarkt statt Foyer-Bar
Der Samstag beginnt deutlich bodenständiger. Beim Flohmarkt „Kuchen, Kunst & Krempel“ (13–18 Uhr) wird das Haus zum Treffpunkt für Trödel, Selbstgemachtes und Nachbarschaft. Statt Standgebühren bringen Teilnehmende Kuchen mit – ein Detail, das die Logik des Projekts ganz gut beschreibt: Beteiligung ersetzt klassische Strukturen.
Ambient, Techno und experimentellen Formen
Am Abend folgt mit einem Konzert von Toni Materne ein weiterer Perspektivwechsel. Seine elektronische Musik bewegt sich zwischen Ambient, Techno und experimentellen Formen – auch das ein Beispiel für die Offenheit des Ortes, der sich nicht auf eine Sparte festlegen will.
Ein Dreh am Regler, ein neuer Klang: Modular-Event in Erfurt macht süchtig nach Knöpfe drücken
Den deutlichsten Verweis auf die Vergangenheit des Hauses liefert schließlich der Sonntag (10. Mai). Mit „Schwanengesang oder Punkt Punkt Pause Punkt“ steht eine Matinee auf dem Programm, gespielt von Cornelia Heyse und Matthias Brenner. Das Stück, frei nach Anton Tschechow, erzählt von einem alten Schauspieler, der nach einer Vorstellung auf der Bühne vergessen wird – und dort, gemeinsam mit einer Souffleuse, auf sein Leben zurückblickt. Die Inszenierung greift damit fast beiläufig die Situation des Hauses selbst auf: ein Theater zwischen Vergangenheit und Neubeginn.
Zwischen Baustelle und Bühne
Was dieses Wochenende das KulturQuartier zeigt, ist weniger ein fertiges Programm als eine Haltung. Die Veranstaltungen (diesmal unterstützt von Drucker Fehldruck aus Erfurt) dienen hier nicht nur der Unterhaltung, sondern auch als Testlauf, als Einladung und als Mittel zur Finanzierung eines langfristigen Projekts. Oder anders gesagt: Das Schauspielhaus ist gerade weder Ruine noch fertiger Kulturort – sondern etwas dazwischen. Und genau darin liegt seine Besonderheit.
Hard Facts:
- 8. Mai 2026 | 21 bis 2 Uhr | KOMM tanzen mit DJ Shepherd
- 9. Mai 2026 | 13 bis 18 Uhr | Flohmarkt
- 9. Mai 2026 | 21 bis 23 Uhr | Toni Materne live
- 10. Mai 2026 | 11 Uhr | „Schwanengesang oder Punkt Punkt Pause Punkt“
- Weitere Infos findet ihr unter www.kulturquatrier-erfurt.de
