Interview: Mara Joli Richter
Die Comiczeichnerin und Autorin Olivia Vieweg zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen Graphic-Novel-Szene. Für ihr aktuelles Projekt „Gottlos pilgern“ erhielt sie Anfang März im Schillerhaus Rudolstadt das Thüringer Arbeitsstipendium für Literatur. Geboren in Jena und heute lebend in Weimar, blieb sie – anders als viele junge Kreative, die nach Berlin oder Leipzig streben – bewusst in Thüringen, eine Entscheidung, die ihren Werdegang entscheidend prägte. „Mit 18 hätte ich Berlin tatsächlich auch ziemlich spannend gefunden. Das ist ja so das klassische Ziel: große Stadt, kreative Szene, viele Möglichkeiten“, erzählt sie. Leipzig kam kurzzeitig in Frage, doch erst Weimar überzeugte: „Die machen genau das, was ich eigentlich machen will.“ Der Entschluss fiel schnell – und bereut hat sie ihn nie.
Olivia Vieweg ist fest in der Thüringer Szene verankert
Heute ist Vieweg fest in der Thüringer Szene verankert. Die Comicwelt hier sei klein, aber eng vernetzt: „Leute, die gern zeichnen, treffen sich in kleineren Gruppen oder bei Zeichnertreffen.“ Eine große, sichtbare Szene gebe es jedoch nicht, und Ausstellungsmöglichkeiten seien begrenzt. Trotzdem eröffnen sich Chancen, wenn man den Mut hat, aktiv auf Leute zuzugehen. Durch ihre Veröffentlichungen hat Vieweg ein Standing, das vielen anderen fehlt. Gleichzeitig sieht sie Potenzial für die Region: Thüringen versucht, sich als Kindermedienland zu profilieren, und Comics könnten hier eine kostengünstige, kreative Nische sein.
„Es hat mich total umgehauen.“
Ihr aktuelles Projekt, der Comic „Gottlos pilgern“, ist ein sehr persönliches: Als Atheistin bereist sie katholische Wallfahrtsorte wie Lourdes. „Viele sind krank, manche sogar schwer krank, und sie hoffen dort auf Wunder“, berichtet sie. Die Orte betrachtet sie kritisch, doch gleichzeitig sei sie tief beeindruckt: „Es hat mich total umgehauen.“ Besonders fasziniert sie die kollektive Erfahrung und die Traditionen, die hier lebendig werden – etwas, das in ihrer ostdeutschen Sozialisation oft fehlte. „Man muss gar nicht nach Japan reisen, um eine krasse Exotik zu erleben. Man findet sie manchmal direkt vor der Haustür in Europa“, sagt sie.
Der Comic „Endzeit“ von Olivia Vieweg erzählt eine Zombie-Geschichte, welche in Thüringen spielt. Foto: Olivia ViewegDu hast einmal gesagt: „Comics sind auch Literatur.“ Begegnen dir trotzdem noch Vorurteile – dass Comics vielleicht weniger ernst genommen werden als klassische Literatur?
Ich finde, das ist deutlich weniger geworden. Aber das war ein langer Prozess. Ich glaube, die Comic-Szene selbst hat viel dafür getan. Vor zehn Jahren hätte sich wahrscheinlich kaum jemand getraut, einen Comic für ein Literaturstipendium einzureichen. Aber immer mehr Leute haben genau das gemacht – und sind mit Institutionen ins Gespräch gegangen.
Dadurch hat sich langsam etwas verschoben. Außerdem hat Deutschland einige sehr spannende Comic-Künstlerinnen und Künstler, die das Medium sichtbar gemacht haben. Auch große Zeitungen haben irgendwann angefangen, über Graphic Novels zu berichten. Dieser Begriff hat ja auch geholfen, das Medium ernster zu nehmen. Und letztes Jahr hat sogar ein Comic den Deutschen Sachbuchpreis gewonnen (“Die Frau als Mensch” von Uli Lust) – also eine Kategorie, die eigentlich für sehr wissenschaftliche Bücher gedacht ist. Man merkt also: Da bewegt sich etwas.
Was hat diese Bewegung deiner Meinung nach ausgelöst?
Früher gab es im deutschen Comicbereich vor allem Klassiker wie Asterix oder Lucky Luke. Viele Zeichner haben sich stark daran orientiert. Dann kam der Einfluss der Manga – und plötzlich hat sich eine völlig neue Welt geöffnet. Es entstanden Leute, die sich zwischen diesen beiden Einflüssen bewegt haben. Das trifft auch auf mich zu: Ich bin sowohl von westlichen Comics als auch von japanischen Manga geprägt. Und ich glaube, diese Mischung hat geholfen, das Medium aus der Nische herauszuholen.
Gab es einen Anime oder Manga, der dich besonders geprägt hat?
Ganz klar: Sailor Moon. Ich bin definitiv Teil dieser Generation. Diese Serie hat für mich unglaublich viel aufgemacht. Ich sage immer: Als Netflix später angefangen hat, Serien zu produzieren, wurde oft gelobt, dass sie „horizontal“ erzählen – also Geschichten, bei denen Figuren sich entwickeln und Handlungsstränge über viele Folgen hinweg zusammenhängen.

Zwischen Manga, Sailor Moon und Graphic Novel bewegt sich Olivia Vieweg in Weimar in eine Szene, die leise, aber sichtbar neue Wege geht. Foto: Olivia Vieweg Pressematerial
Aber viele Anime haben das schon Anfang der 90er gemacht. Auch Sailor Moon. Figuren durften älter werden, sterben, sich verändern. Manchmal wechselte sogar innerhalb der Serie das Genre: erst Comedy, dann plötzlich Horror oder Drama. Das fand ich immer großartig. Wenn man das mit klassischen Disney- oder Entenhausen-Comics vergleicht, merkt man, dass diese oft viel statischer sind.
Ich würde gern noch ein anderes Thema ansprechen. Du hast dich vor einiger Zeit öffentlich zu Trans- und Queerfeindlichkeit geäußert. Denkst du, dass Comics oder Fanfictions besonders geeignet sind, solche Themen zu verhandeln?
Ja, ich glaube schon. Ich kann nicht genau erklären, warum das so ist, aber ich begegne selten so vielen queeren und trans Menschen wie in der Comic- oder Manga-Szene. Fandom-Communities sind oft Safe Spaces. Und Fanfictions oder eigene Comics zu machen ist sehr niederschwellig. Man braucht kein großes Budget, kein Studio, keinen Verlag. Man kann einfach anfangen – egal in welcher Lebenssituation. Vielleicht liegt darin die Stärke dieses Mediums: Stimmen, die sonst vielleicht keinen Raum hätten, finden dort eine Möglichkeit, sich auszudrücken.
Wie siehst im Zuge dessen du die Aussagen von J. K. Rowling über Transmenschen – und verändert diese Debatte deiner Meinung nach den Blick auf Harry Potter?
Ich muss ehrlich sagen: Ich bin gar kein Harry-Potter-Fan. Ich habe die Bücher tatsächlich nie gelesen. Die Filme habe ich mit meinen Kindern ein paar Mal gesehen, aber das war es auch. Insofern habe ich da ein bisschen Glück. Ich weiß nämlich, dass es sehr schmerzhaft sein kann, wenn etwas, das man liebt, plötzlich mit problematischen Aussagen verbunden wird. Die Aussagen von Rowling sehe ich jedenfalls sehr kritisch. Ich finde es unnötig und schädlich, wenn jemand mit so viel Macht und Geld sich so stark gegen eine Minderheit positioniert. Warum macht man Menschen zum Feindbild, die überproportional oft Suizid begehen?
Aber ich kann nicht final entscheiden, wie Fans damit umgehen sollten. Manche gehen trotzdem ins Musical, andere stellen ihre Bücher bewusst ins Verschenkeregal. Ich finde es wichtig, dass die Auseinandersetzung vor allem auf höheren Ebenen stattfindet und nicht nur im Kosmos von Fan-Communities.
Lass uns zum Schluss noch einmal über deine eigenen Arbeiten sprechen. Dein Comic „Endzeit“ erzählt eine Zombie-Geschichte, die ausgerechnet in Thüringen spielt – und später verfilmt wurde. Wie war es, deine eigene Geschichte plötzlich als Film zu sehen?
Ich war relativ stark in den Prozess eingebunden und habe die Entwicklung sehr lange begleitet. Deshalb gab es gar nicht so viele Überraschungen. Der große Unterschied ist: Comics entstehen allein. Man sitzt im Grunde im eigenen Hamsterrad und arbeitet für sich. Film dagegen ist Teamarbeit. Und sobald viele Menschen beteiligt sind, muss man manchmal Dinge loslassen oder akzeptieren, dass sie anders umgesetzt werden. Es gibt Szenen, bei denen ich denke: Im Comic fand ich das eigentlich besser. Aber es gibt auch Momente im Film, die stärker geworden sind, als sie vorher waren.
Eine ganz andere Frage: Du hast auch das Buch „Katzen sind besser als Männer“ gemacht. Warum ist das so?
Das ist natürlich sehr augenzwinkernd gemeint. Das Buch war mein erstes, das ich gemacht habe – ich glaube 2009. Damals fand ich die Idee einfach lustig. Zum Beispiel: Katzen gehen immer im Sitzen aufs Klo. Oder sie bleiben völlig entspannt, wenn Deutschland ein Fußballspiel verliert, während alle anderen völlig ausrasten. Wenn ich heute darauf schaue, würde ich manche Dinge vielleicht ein bisschen anders machen. Aber ich finde das Buch immer noch ziemlich sweet.
Du greifst das Katzenthema ja immer wieder auf. Geht es auch darum, die große Katzen-Tradition im Internet weiterzuführen?
Wenn ich dazu beitragen kann – gerne. Ich zeichne diese Katze tatsächlich schon sehr lange. Und sie ist ein schöner Ausgleich, wenn man sich sonst mit Zombies und düsteren Geschichten beschäftigt. Ein paar dicke Katzen zu zeichnen, tut einfach gut. Letztes Jahr hatte ich übrigens ein lustiges Erlebnis: Ich dachte immer, viral gehen auf Instagram – das passiert mir sowieso nie. Und ich habe auch nie wirklich versucht, das zu erreichen. Dann habe ich einfach ein paar alte Postkarten hochgeladen, nur damit überhaupt mal wieder etwas auf meinem Account passiert. Und plötzlich hatte eine davon fast eine Million Views.

Ein beliebtes Motiv der Künstlerin sind dicke (süße) Katzen. Foto: Olivia Vieweg
Ich dachte nur: Was ist denn jetzt los? Und es war ausgerechnet nicht die Karte, von der ich gedacht hätte, dass sie besonders witzig ist. Aber offenbar hat sie einen Nerv getroffen. Das fand ich schön zu sehen – dass dieser Humor irgendwie universell funktioniert.
Zum Abschluss: Hast du ein Lieblings-Katzen-Meme?
Ja, ich glaube schon. Da gibt es dieses Meme mit der Katze im Cowboyhut, im Hintergrund sind Berge. (Und sie holt Luft, um den Klassiker “Country Roads” zu singen.)

