Text: Andreas Abendroth
„Den Gästen wird ein kalter Schauer über den Rücken laufen.“ Frank Esche weiß, was er verspricht. Der Archivar und Autor steht zwischen Projektor, Aktenkopien und historischen Tatortfotos – bereit für eine Lesung, die nichts beschönigt. Sein neuer Band des Thüringer „Mord-Pitavals“ (Pitaval: Sammlung von historischen Strafrechtsfällen) führt tief hinein in reale Verbrechen – dorthin, wo Geschichte nicht in Jahreszahlen, sondern in Abgründen erzählt wird.
Thüringen zwischen Akten und Tatortfotos
Im mittlerweile vierten Sachbuch hat Esche 27 spektakuläre Kapitalverbrechen zusammengetragen. Tatorte: die ehemaligen Bezirke Erfurt, Gera und Suhl. Seine Grundlage sind keine Legenden oder literarischen Ausschmückungen, sondern Originalakten aus Archiven. „Das sind keine Romane“, betont Esche. „Das sind exakt rekonstruierte Fälle.“ Die Bandbreite ist verstörend: Raubmorde, Doppelmorde, Sexualverbrechen. Taten, die früher schlicht als „erschreckliche Übeltaten“ bezeichnet wurden – und die heute noch erschüttern.
Entscheidung über Leben und Tod
Doch Frank Esche geht es um mehr als Nervenkitzel. Seine Arbeit ist auch ein Blick in die deutsche Geschichte. Die Fälle reichen von der Zeit der Weimarer Republik über die NS-Diktatur bis in die DDR. Sie erzählen von Justizsystemen, die über Leben und Tod entschieden – und von Todesurteilen, die heute kaum vorstellbar sind. Was die Fälle so beklemmend macht: Ihre Motive sind zeitlos. Die Taten und die Motive der Mörderinnen und Mörder sind wie ein Spiegel ins heute und jetzt. Hass, Rache, Liebe, Eifersucht. Aber auch Existenzängste, sozialer Abstieg, Verzweiflung.
Menschen aus dem engsten Umfeld
Die Täter stammen aus allen Schichten. „Vom angesehenen Bürger bis zum angeblichen Taugenichts ist alles dabei“, sagt Esche. Oft sind es keine Fremden, sondern Menschen aus dem engsten Umfeld: Ehepartner, Verwandte, Nachbarn. Und manchmal trifft es völlig Unbeteiligte. Die Tatmittel? So banal wie brutal: Pistolen, Äxte, Rasiermesser. Oder Gift, ein Seil und bloße Hände.

Das Cover des im April erschienenen Thüringer Mord-Pitaval (Band 4) von Autor Frank Esche. Foto: Andreas Abendroth
Oftmals sind es Familiendramen, die sich im Vorfeld abspielen. Im Ergebnis kommt es dann zum „Doppelmord für eine Hochzeit“, „Die Ehefrau stand im Weg“ oder zum „Totschlag in einer völlig zerrüttenden Ehe“. In anderen Kriminalfällen kommt es zum „Doppelmord in einer Rudolstädter Gaststätte“, wird eine „Weibliche Leiche im Wasser bei Trusetal“ entdeckt oder es geht um den „Schnürsenkelmord in Nohra“.
Leser bauchen mehr als nur starke Nerven
Die Fälle im Mord-Pitaval sind nicht einfach die Wiedergabe der Akten, wo der Leser starke Nerven haben muss. Aufgezeigt wird, wie es zu den Mordumständen kam, wie die Ermittlungen und Prozesse verliefen, das Urteil ausfiel und es geht um das Schicksal der Mörder. Oftmals war der Prozess von der Tat, über die Ermittlungen, Forensik bis zum Urteil war viel, viel kürzer als in der heutigen Zeit.
„Ein besonderer Punkt sind immer die Hinrichtungen“
Manchmal wurde einfach „kurzer Prozess“ gemacht „Ein besonderer Punkt sind immer die Hinrichtungen. Hier gab es auch manchmal Pannen. Beispielsweise hat das Fallbeil nicht die richtige Stelle getroffen …“ Darüber hinaus haben viele der geschilderten Fälle Rechts- und Kriminalgeschichte weit über Deutschland hinaus geschrieben. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Diese Geschichten sind alt. Ihre Abgründe sind es nicht.
Mehr zum Thüringer Mord-Pitavals:
- 27 Kriminalfälle auf 262 Seiten
- ISBN: 978-3-912551-00-6
- Softcover | 16,95 Euro
- Das Buch und weitere Infos findet ihr hier!
