Text: Dirk Petermann
Wer die ostthüringische Discoszene der 90er kennt, dem ist der Name „Schopfe“ heute noch ein Begriff. Für viele war sie mehr als ein altes Gebäude auf dem Land. Sie war Treffpunkt, Erlebnis, Gemeinschaft, aber vor allem Partyhochburg.
Die „Schopfe“ in Kleingeschwenda bis heute Kultstatus
Alles begann im Jahr 1977, als der Vater von Marcel und Monique Räthe die Gaststätte in Kleingeschwenda eröffnete. „Unten war die Kneipe, oben die Küche und Räume als Kantine für Schüler. Wir haben als Kinder praktisch mit der Schopfe gelebt“, erinnert sich Schwester Monique. Das Haus mit Keller, Erdgeschoss und Obergeschoss war damals ein lebendiger Ort. Kinderstimmen mischten sich mit dem Duft von Thüringer Klößen, und die Dorfgesellschaft kam zusammen.
Mit der Wende kam die Disco ins Dorf
Nach der Wende, Anfang der 1990er Jahre, erwachte das Gebäude nach kurzem Leerstand zu neuem Leben – nun als Diskothek „Schopfe“, betrieben von Veranstalter Nico Ludwig. Kurze Zeit später eröffneten Marcel und Monique ihre eigene Gaststätte „Zur Schopfe“ an anderer Stelle im Dorf. „Die Namensgleichheit war purer Zufall“, sagt Marcel Räthe. „Aber irgendwie passte es ja – beide Orte hatten Energie.“ Der Begriff stammt laut den Räthe-Geschwistern übrigens vom Wort „kleine Scheune“. In dieser betreibt das Geschwisterpaar noch heute einen mobilen Partyservice.

Ein Fotoalbum von Bardame Kathleen Jahn zeigt das Innenleben der Kleingeschwendaer Diskothek Schopfe. Foto: Archiv Kathleen Jahn
Damals zog die benachbarte Disco-Gäste aus dem ganzen Bundesland an: „Manchmal standen 600, 700 Leute im Flachbau. Das kann man sich heute kaum vorstellen“, erzählt Kathleen Jahn, die mit zwölf Jahren die längste Zeit als Bardame in der Schopfe gearbeitet hat. Warum so lang? „Es war einfach eine unglaubliche Atmosphäre, da war man mit Leib und Seele dabei. Jeder Abend war besonders, die Leute, die Musik, der Zusammenhalt im Team – da wollte man einfach nicht weg.“
„Es war eigentlich nur ein Hobby“
Nico Ludwig betrieb die Diskothek von September 1993 bis Mai 2004. Zunächst als spontane Idee unter Freunden, die sich aus Unzufriedenheit mit anderen Locations entwickelte. „Es war eigentlich nur ein Hobby“, sagt er rückblickend, „aber das Konzept ist bombastisch aufgegangen.“ Die Disco wurde schnell zu einem überregional bekannten Treffpunkt, auch weil sie bewusst offen für alle war: „Da konnte jeder rein – vom Traktorfahrer bis zur Schickimicki-Tussi.“ Mit dem festen DJ Volker Schmidt und feierwütigen Gästen entstand eine besondere Atmosphäre, die der Dittersdorfer Ludwig als „einfach nur geil“ beschreibt. „Nur Nazis mussten draußen bleiben.“
Betrieb geprägt von Improvisation
Gleichzeitig war der Betrieb geprägt von Improvisation: Die Räume wurden durch den gelernten Tischler und seine Mannschaft eigenhändig umgebaut, am Wochenende zur Disco und unter der Woche anfangs noch als Schulspeisung genutzt. Das Disco-Team bestand zu Hochzeiten aus zehn bis 15 festen Mitarbeitern, die alle flexibel Aufgaben übernahmen: Barservice, Garderobe, Auf- und Abbau, Organisation von Partys. Jeder half überall. Doch nicht alles verlief friedlich, erinnert sich Annika Rothe, die ebenfalls jahrelang zur Stammbesetzung gehörte.
Ab und zu gab es Ärger mit Anwohnern wegen nächtlicher Ruhestörung und Schlägereien. – Annika Rothe
„Die Musik war laut, die Leute euphorisch. Das führte manchmal zu Beschwerden, aber es gehörte dazu. Wir haben das immer ernst genommen und versucht, Kompromisse zu finden.“ Die Atmosphäre war eben einmalig: ausgelassen, dicht gedrängt, voller Musik und Lachen. Rothe fügt hinzu: „Es war ein Zusammenhalt, den es heute so kaum noch gibt. So wie wir damals feierten, passiert das heute nicht mehr. Diese Unbeschwertheit hat alles besonders gemacht.“

Marcel Räthe zeigt auf den Standort der ehemaligen Diskothek „Schopfe“ in Kleingeschwenda. Foto: Dirk Petermann
Gleichzeitig bestimmten feste Rituale den Ablauf: Ein Intro signalisierte den Beginn, „The Boxer“ von Simon & Garfunkel markierte jedes Mal den Anfang des Abends, erinnert sich Annika Rothe. Paulchen Panther kündigte mit „Wer hat an der Uhr gedreht“ das Ende einer jeden Veranstaltung an, fügt sie hinzu. Fasching war die größte Party, mit kreativen Kostümaktionen, Maskenbällen und jeder Menge Spaß.
Nach über einem Jahrzehnt war Schluss
Die Geschichte der Diskothek endete im Frühjahr 2004 nach zwölf Jahren mit der Abschlussveranstaltung. Kathleen Jahn fasst die Gefühle zusammen: „Es war eine Zeit, die nie wiederkommt. Doch die Stimmung, die Menschen, das Lachen, das bleibt für immer.“ Annika Rothe fügt hinzu: „Das Gebäude platzte aus allen Nähten. Aber trotz allem Chaos war es pure Freude, die Leute über ein Jahrzehnt ausgelassen feiern zu sehen.“
„Es war ein Stück Wir“
„Es war ein Stück Heimat, ein Stück Jugend, ein Stück Wir“, sagt Kathleen Jahn melancholisch. Und genau das bleibt: Wehmut, Dankbarkeit, Freude – alles gleichzeitig, wie der Duft von Thüringer Küche, die ersten Bassschläge der Diskothek und das Lachen von damals, das durch die Räume hallt, auch Jahrzehnte später.

Im Jahr 2008 kamen die Bagger: Die ehemalige Diskothek „Schopfe“ wurde in Kleingeschwenda dem Erdboden gleichgemacht. Foto: Archiv Nico Ludwig
Das Ende kam nicht aus mangelndem Erfolg, sondern durch äußere Umstände: Konflikte mit Anwohnern, steigende Auflagen und fehlende Investitionen der Gemeinde. „Wir waren der Gemeinde ein Dorn im Auge“, sagt der 53-Jährige Ludwig. Als umfangreiche Sanierungen gefordert wurden, ohne langfristige Perspektive, zog er die Konsequenz: „Die Investition habe ich nicht mehr gesehen, dann haben wir zugesperrt.“
Die „Schopfe“ bleibt unvergessen
Trotz aller Schwierigkeiten blickt der ehemalige Betreiber positiv zurück: Die „Schopfe“ sei bis heute über den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt hinaus Gesprächsthema, geprägt von einer Zeit, „die viele nie vergessen werden“. Digital lebt die Disco weiter. Denn online versammeln sich auf einer Social-Media-Plattform über 500 ehemalige Gäste, die Fotos, Erinnerungen und die Magie unvergesslicher Nächte teilen.
