Die Frau aus Weimar, die Gold herstellen wollte: Was Thüringer Archive über eine rätselhafte Frau enthüllen
13. Juni 2026 • Geschrieben von
Florian Dobenecker
Goethe, Schiller, Herzogin Anna Amalia – Weimar hat kein Problem mit großen Namen. Schwieriger wird es bei Dorothea Juliana Wallich. Dabei experimentierte die Frau schon mit Chemie, als an Klassik in der Residenzstadt noch nicht zu denken war. Sie schrieb Bücher, arbeitete in Laboren, bewegte sich zwischen Fürstenhöfen, Bergwerken und alchemistischen Zirkeln – und verschwand trotzdem fast vollständig aus dem historischen Gedächtnis. Bis Alexander Kraft kam.
Die Alchemistin von Weimar
Der promovierte Chemiker und Wissenschaftshistoriker hat sich über Jahre durch Thüringer Archive gearbeitet und mit „Die Alchemistin von Weimar“ nun die Biografie einer Frau veröffentlicht, die laut Kraft „besser als viele Männer“ gewesen sein soll – zumindest wenn man dem berühmten Arzt und Chemiker Georg Ernst Stahl glaubt. Wie Alexander Kraft erzählt, stieß er eher zufällig auf Wallich. „Ich war eigentlich mit biographischen Forschungen zu Georg Ernst Stahl beschäftigt“, sagt er. In Briefen und Büchern habe Stahl die Weimarerin mehrfach erwähnt, „und sie als gute Chemikerin, besser als viele Männer, bezeichnet“.Akten in Gotha, Meiningen, Rudolstadt
Das war der Moment, in dem Kraft tiefer grub. Im wörtlichen Sinn. „Dann habe ich recherchiert, wo man eventuell noch mehr über sie finden kann“, sagt er. Was folgte, klingt ein wenig wie die historische Version eines Dachbodenfunds: Akten in Gotha, Meiningen, Rudolstadt, Kirchenbücher aus Weimar, Schneeberg oder Arnstadt. „Zum Teil sehr viel Material, was sich wahrscheinlich seit 300 Jahren niemand mehr angeschaut hat.“ Und plötzlich taucht sie wieder auf: Dorothea Juliana Wallich, geboren 1657, Ehefrau eines Gerichtssekretärs, Alchemistin, Autorin und offenbar ziemlich durchsetzungsstark. Eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert ausgerechnet in einer Männerdomäne behauptete. „Frauen konnten ja zum Beispiel nicht auf einer Universität studieren“, sagt Kraft. Wallich habe dennoch experimentiert, publiziert und Kontakte zu den führenden Chemikern ihrer Zeit gepflegt. Dass sie kinderlos war und aus wohlhabenden Familienverhältnissen stammte, habe ihr Freiräume verschafft und als Kind eine gute Ausbildung. Ihr Mann sei offenbar so überzeugt von ihren Fähigkeiten gewesen, „dass er 1693 seine gute Stelle in Weimar aufgab und mit ihr zusammen nach Schneeberg (im Erzgebirge) ging“.Die Frau aus Weimar die Gold herstellen wollte
Dort wurde aus der Weimarerin eine Art Bergbaualchemistin. Gold herstellen wollte sie auch – oder zumindest die Fürsten davon überzeugen, dass sie es könne. Konflikte mit männlichen Konkurrenten inklusive. „Streitigkeiten mit anderen Alchemisten wurden oft mit harten Bandagen geführt“, erzählt Kraft. Mehrfach habe sie erreicht, „dass ihr Konkurrent und nicht sie vom Herzog entlassen wurde“. Ein Satz, der klingt, als hätte das 17. Jahrhundert bereits seine eigenen Intrigenserien produziert.Als erster Mensch thermochrome Effekte beschrieben
Besonders fasziniert den Chemiker aber etwas anderes: Wallich beschrieb offenbar als erster Mensch thermochrome Effekte von chemischen Verbindungen – also Stoffe, die ihre Farbe durch Temperatur verändern. „Das ist auch kaum bekannt“, sagt Kraft. Heute steckt genau dieses Prinzip unter anderem in intelligenten Gläsern und modernen Technologien.Krämerbrückenfest 2026 in Erfurt: Darauf könnt ihr euch am Freitag freuenUnd trotzdem kennt in der Klassikerstadt bis heute kaum jemand ihren Namen. „Dorothea Juliana Wallich ist in Weimar überhaupt nicht präsent“, sagt Kraft. Ihre Bücher seien jahrhundertelang unbeachtet geblieben, viele Akten schlicht vergessen worden. Selbst die Orte ihres Lebens sind nur noch ungefähr zu lokalisieren. Nach ihrer Hochzeit lebte sie wohl dort, „wo heute die Rückseite des Schillermuseums auf die Windischenstraße trifft“.
Vor der Weimarer Klassik
Vielleicht liegt genau darin die Pointe dieser Geschichte: Während Weimar bis heute vor allem mit seiner Klassik glänzt, zeigt Kraft eine ganz andere Seite der Stadt. Eine frühere, rauere, experimentellere. „Die Zeit der Weimarer Klassik ist ohne die Vorgeschichte nicht vollständig zu verstehen“, sagt er. Lange bevor Goethe kam, wurde hier bereits geforscht, experimentiert und gestritten. Und mittendrin: eine Frau mit Forscherdrang, die zwischen fürstlichen Laboren, Bergwerken im Erzgebirge, alchemistischem Schwindel und wissenschaftlichen Entdeckungen navigierte.Hard Facts:
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