Thüringen feiert Cringe: Weimarer Festival macht abseitige Kunst sichtbar
„Ein wilder Ritt, eine krasse Sache. Wir haben wieder Shows eingeladen, die dem Fass den Boden ausschlagen“, kündigt sich das Cringe Fest in Weimar an. Das etwas andere, naja sagen wir mal, „Punk-Kunstfest“ lädt vom 2. bis 6. September in die Galerie Eigenheim im Weimarhallenpark ein und das Programm liest sich, als hätte jemand den Kulturbetrieb einmal kräftig in den Arsch getreten. Künstlerisches Kettensägen-Gemetzel zum Mitmachen trifft Vogel-Musical im Bergbau-Ambiente.
Kunst abseits des Kunstbetriebs
Das Festival, kuratiert von Luise Matthes aka baustelle3000 und traditionell in Kooperation mit der Galerie Eigenheim, versteht sich als Bühne für „randständige Positionen im Kunstbetrieb“. Und wenn der Kunstbetrieb an sich schon randständig ist, dann bitte „NOCH randständiger“, heißt es selbstironisch im Programm. Es geht um Kunst, die nicht geschniegelt daherkommt, um Shows, die zwischen Performance, Trash, Theater und kompletter Abseitigkeit herumturnen und sich bewusst abseits des klassischen Kunstbetriebs bewegen.
Klassenfahrt in die Hochkultur
Nur ist das Cringe Fest im dritten Jahr seines Bestehens selbst ein Teil dieses Betriebs geworden. Laut Luise Matthes ist genau dieser neue Kontext gerade besonders interessant. Das Kunstfest Weimar unterstützt die Veranstaltung in diesem Jahr offiziell und hat sie damit ein Stück weit in seine Strukturen aufgenommen. „Ich schau mir das ganz entspannt an. Ich genieße es wie einen Ausflug. Es fühlt sich wie eine Klassenfahrt in die Hochkultur an“, sagt Matthes. Sie finde es spannend, einmal hinter die Kulissen eines großen Kunst-Festivals zu schauen. „Wenn es für jede Sache direkt ein Team gibt und so. Das ist schon interessant anzusehen.“

Der Witz an der Sache: Das Cringe Fest wollte nie in den klassischen Kunstbetrieb passen. Es geht um Weirdos, um schräge Biografien, um Performances, bei denen man sich fragt, ob das gerade Kunst, Show oder kompletter Wahnsinn ist. Im Programm stehen in diesem Jahr unter anderem ein Kettensägen-Workshop, Trash Tarot, Hautgestaltung, Bier Bingo, ein Horror-Musical und eine Video Lecture Performance. Das passt ziemlich gut zum Selbstverständnis des Festivals – und ziemlich schlecht zum Bild einer glattpolierten Kulturveranstaltung, wie man sie beim Kunstfest in Weimar vermutet.
Punk funktioniert auch ohne großes Budget
Matthes selbst sieht den neuen institutionellen Rahmen deshalb mit einer Mischung aus Neugier und Distanz. „Ich selber weiß auf jeden Fall, dass ich meine Veranstaltung auch mit einem Budget von 50 Euro durchziehen könnte“, sagt sie. Unterstützung und auch Förderung zu bekommen, sei natürlich angenehm. Entscheidend sei aber, dass man die Fähigkeit nicht verliere, auch ohne großes Geld etwas auf die Beine zu stellen: „Wenn es kein Budget mehr gibt, muss man es trotzdem irgendwie hinkriegen können, so wie davor auch.“ Das sei Punk.
Unterstützung auf Augenhöhe
Der Kontakt mit der neuen Leitung des Kunstfests sei dabei „mega angenehm, ganz horizontal“ gewesen. Die neue Doppelspitze sei zunächst nach Weimar gekommen und habe sich bei den lokalen Kunstakteur:innen vorgestellt. „Es ist ein Duo aus zwei jungen Frauen, die das jetzt machen. Und allein das hat mich interessiert. Außerdem haben sie nicht einfach nur das Büro vom Vorgänger übernommen, sondern sich erst mal Weimar angeguckt.“ Dabei ging es schnell auch um das Cringe Fest. Eine der beiden Kunstfest-Intendantinnen, Katharina Germo, habe angeboten, die Veranstaltung zu unterstützen – allerdings ohne ihr den eigenen Charakter zu nehmen.

Matthes durfte das Festival weiterhin Cringe Fest nennen, die eigenen Plakate gestalten und das Format selbstbestimmt kuratieren. „Der Haken ist halt, dass jetzt eine fette Sponsorenleiste auf den Postern ist.“ Und das, sagt Matthes, „fühlt sich schon anders an als handgemalte Punkplakate.“ Die Sponsorenleiste wird damit fast zum Symbol des diesjährigen Festivals: Die Institution finanziert die Anti-Institution. Der Mainstream lädt die Randerscheinung ein. Und die Randerscheinung nimmt das Geld – solange sie ihr eigenes Ding machen darf.
„Schunkelnd in den Schacht der eigenen Heimatgefühle“
Genau dort wird der Widerspruch sichtbar: Das Festival bekommt in seiner dritten Auflage Fördergeld und Infrastruktur, ohne seine Punk-Attitüde aufgeben zu müssen. Gleichzeitig verändert die Einbindung in den etablierten Kulturbetrieb den Kontext. Matthes will deshalb nicht grundsätzlich sagen, dass eine solche Kooperation falsch sei. Im Gegenteil. Denn Geld könne auch etwas ziemlich unpunkiges ermöglichen: faire Bezahlung.
Ein Vogelmusical über ein gespaltenes Land
Besonders sichtbar wird das bei der Uraufführung von „BÄM: Abgebrochene Orte – Ein Vogelmusical“, die Matthes selbst auf die Beine gestellt hat. Gemeinsam mit Jens Ausderwäsche und sh.itgirl3000 schickt sie das Publikum am Samstagabend „schunkelnd in den Schacht der eigenen Heimatgefühle“ und stellt dabei eine ziemlich große Frage: „Das Land ist tief gespalten, wie sollen wir uns verhalten?“
Trotzdem würde die Festival-Kuratorin nicht jedes Geld nehmen. Sollte das Cringe Fest im kommenden Jahr wieder Teil des Kunstfests sein, wolle sie genauer hinschauen, was dort sonst passiert: „Laden die irgendwie peinliche Sachen ein oder so? Weil man ist ja dann in einem nächsten Kontext drin.“ Für sie bleibt die Entscheidung eine Frage des Einzelfalls.
Cringe trifft Mainstream
Ist das Cringe Fest nun im Kultur-Mainstream angekommen? Matthes hat darauf eine typisch ironische Antwort: „Ich denke, schon – das beweist die Sponsorenleiste“, erklärt sie lachend ganz im Cringe-Fest-Duktus. Das Kunstfest signalisierte, das DYI-Festival auch im kommenden Jahr unterstützen zu wollen; auch einige Künstler:innen hätten bereits Interesse bekundet.
Vom Rand hinein in die Hochkultur
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe des Cringe Festes: Abseitige Kunst muss nicht zwingend abseits bleiben. Die Szene, sagt Matthes, sei ohnehin riesig und „ein nicht endender Quell an Verrückten“. Das junge Weimarer Kunst-Festival sitzt damit gerade ziemlich genau auf jener Grenze, die es selbst immer wieder infrage stellt. Zwischen handgemalten Punkplakaten und Sponsorenleiste, zwischen 50-Euro-Budget und Festivalstruktur, zwischen Rand und Institution. Oder, wie Matthes es formuliert: „Ich will da auch nicht ideologisch sagen: ‚Machen wir nicht.‘“ Schließlich hat die Hochkultur die Cringe-Leute gerade erst hereingelassen. Jetzt muss man schauen, was passiert, wenn die randständigen „Verrückten“ plötzlich einen offiziellen Eingang haben.
Hard Facts:
- Wo: Gärtnerhaus im Weimarhallenpark / Galerie Eigenheim, Asbachstraße 1, 99423 Weimar
- Wann: 2. bis 5. September 2026
- Programm: Performances, Workshops, Konzerte, Theater und künstlerische Interventionen
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