„Pass auf dich auf. Bitte“ So erlebte unser Autor den CSD in Berlin – Folgen für Erfurt
„Alles gut bei dir? Hab‘ gerade gelesen, was auf dem CSD passiert ist.“ „Omg, es tut mir so leid. Pass auf dich auf. Bitte.“ „Seid ihr wohl auf? Geht es dir und den anderen gut?“ Ich realisierte erst, dass etwas Schlimmes passiert ist, als ich gegen 23 Uhr mit zahlreichen Nachrichten von Freund:innen auf meinem Handy konfrontiert wurde.
CSD in Berlin endete aprubt
Wenige Stunden zuvor hatte der Tag noch ganz anders ausgesehen. Um 14 Uhr sahen wir uns zunächst die Parade mit tausenden lachenden und bunt geschmückten Menschen in Schöneberg an. Später liefen wir mit in Richtung Siegessäule. Es war ein ausgelassener Tag. Ein Tag der Vielfalt, des Einstehens für Gleichberechtigung. Ein Tag, um Freunde zu treffen und mit allen gemeinsam ein buntes Deutschland zu feiern. Ein Deutschland, in dem queere Personen sicher sein sollen.
Die Musik aus den CSD-Wagen stoppte
Wir waren gerade von der Siegessäule in Richtung Brandenburger Tor unterwegs, als die Musik aus den CSD-Wagen stoppte und darauf hingewiesen wurde, das Gelände geordnet zu verlassen. Dem leisteten alle Folge. Es war gegen 22.30 Uhr. Auf den gigantischen Videoleinwänden am Brandenburger Tor blinkt in überlebensgroßen schwarzen Lettern auf gelbem Grund „Evacuation!“. Es war spät. Theoretisch war der CSD gefühlt sowieso vorbei. Deshalb irritierte es uns zunächst nicht so sehr, dass zehntausende Menschen in Richtung Unter den Linden die Parade verließen.
Selbst zu diesem Zeitpunkt realisierten wir das Ausmaß der Geschehnisse nicht. Ja, wir haben viel Polizei, Feuerwehr und Blaulicht gesehen. Das verunsicherte uns jedoch nicht, weil die Polizei den ganzen Tag präsent war. Ich fühlte mich sicher. Auch aufgrund des hohen Aufgebots.
Anschlag auf den CSD
Eine halbe Stunde vorher verübte ein 21-jähriger Mann einen Anschlag auf den CSD. Der Täter fuhr gegen etwa 22 Uhr mit einem Fahrzeug in eine Menschengruppe im Tiergarten. Eine Frau starb, nach aktuellem Stand wurden mindestens 16 Menschen verletzt, teils schwer und lebensbedrohlich; einige Medien sprechen inzwischen von bis zu 29 Verletzten.
Christopher Street Day in Berlin abrupt abgebrochen
In der Folge wurde der Christopher Street Day in Berlin abrupt abgebrochen. Auch Richard Geleitsmann, der Sprecher des CSD Erfurt demonstrierte friedlich in Berlin. Er empfand die ganze Situation befremdlich. „Ich war direkt tatsächlich wahrscheinlich keine 300 Meter von dem Ort entfernt, als das Ganze passierte.“ Geleitsmann war zu dieser Zeit im Tiergarten, allerdings auf der anderen Seite des Parks, auf dem Weg gen Brandenburger Tor.

„Und auf einmal hörten wir die Durchsagen der ganzen Lkw und Bühnen, die auf der Straße des 17. Juni standen: Evakuierung. Die Veranstaltung ist abgebrochen. Auf einmal sind von jetzt auf gleich gefühlt Millionen Rettungswagen und Polizeiautos unterwegs.“ Geleitsmann und seine Freund:innen erfuhren von dem Attentat, während sie das Gelände verließen. Sofortmeldungen ploppten auf ihren Handys auf.
„Sie hat den Menschen wirklich geholfen“
In Erfurt wurde am nächsten Tag eine Mahnwache organisiert, an der laut Geleitsmann mehr als 400 Menschen teilnahmen. „Und das war eine sehr gute Mahnwache. Ich glaube, sie hat den Menschen wirklich geholfen, zusammenzustehen und der Trauer gemeinsam begegnen zu können.“+
Konsequenzen für CSD Erfurt
Über mögliche Konsequenzen für den CSD Erfurt habe das Team zunächst nur am Rande gesprochen. Klar ist für Geleitsmann aber: „Wir werden noch einmal mit den Ordnungsbehörden und der Polizei sprechen.“ Ein erstes Kooperationsgespräch hat es bereits gegeben. Hier werden normalerweise Route, Baustellen und Sicherheitskonzept gemeinsam durchgegangen. Genau diesen Austausch wolle man nun erneut suchen.
An der grundsätzlichen Planung des CSD soll der Vorfall jedoch nichts ändern. „Unser CSD soll stattfinden“, sagt der CSD-Sprecher. Eine Berichterstattung, wonach unklar sei, ob der CSD überhaupt stattfinde, habe im Team für Verwunderung gesorgt. „Also, nein: Der findet auf jeden Fall statt. Und natürlich werden wir alles dafür tun, dass er sicher ist.“
Umfassende Sicherheitsplanung
Wie die Polizei Erfurt mitteilt, gehört eine umfassende Sicherheitsplanung ohnehin zur Vorbereitung solcher Veranstaltungen. Polizeisprecher Denny Schlee verweist auf Erfahrungen etwa mit dem Straßenkarneval und vergangenen Demonstrationen: „Man muss immer schauen, wie man so eine Veranstaltung absichert und welche Maßnahmen sinnvoll und nötig sind.“
Zusammenarbeit fest etabliert
Die Zusammenarbeit mit dem Veranstalter sei dabei fest etabliert. Dazu gehören konkrete Sicherheitskonzepte und Maßnahmen, die verhindern sollen, dass Fahrzeuge ungehindert in Bereiche mit vielen Menschen gelangen können. „Polizei und Veranstalter arbeiten da eng zusammen.“
Eine besondere Gefährdungsbewertung für den CSD in Erfurt gebe es aktuell nicht. Dafür müssten konkrete Hinweise vorliegen, dass eine bestimmte Gefahr unmittelbar bevorstehe. „Aber eine abstrakte Gefahr, die haben wir ja mittlerweile immer“, sagt Schlee. Vor Veranstaltungen werde deshalb regulär geprüft, ob konkrete Hinweise vorliegen. Für die Besucher:innen bedeutet das aus Sicht der Polizei: Der CSD wird auch künftig von einem größeren Einsatz begleitet. „Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.“
Gefährdungsbewertung für CSD Erfurt
Für den CSD Erfurt bleibt damit nach dem Berliner Anschlag vor allem eines: die Balance zwischen Sicherheit und dem Anspruch, eine offene Demonstration für queeres Leben zu ermöglichen. Richard Geleitsmann setzt dabei auf Austausch mit den Behörden. „Und natürlich werden wir alles dafür tun, dass er sicher ist.“ Der CSD soll stattfinden – aber nach einem Tag in Berlin, der vielen gezeigt hat, wie schnell aus einer Feier eine Ausnahmesituation werden kann, wird die Frage nach der Sicherheit wohl noch einmal sehr viel lauter gestellt werden.
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