Nach der Premiere auf der diesjährigen Berlinale startet das an Schauplätzen in Thüringen gedrehte Drama „Etwas ganz Besonderes“ am 9. Juli im Kino. Regisseurin Eva Trobisch verrät, warum die Dreharbeiten in Greiz für viel Aufregung bei der Bevölkerung sorgten.
Eva Trobisch zeigt Greiz in Thüringen zwischen Verfall und Erinnerung
In den letzten Minuten ihres Familienportraits „Etwas ganz Besonderes“ rechnet Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Trobisch („Ivo“) ebenso ironisch wie pointiert mit Erzählkonventionen ab. Für eine TV-Castingshow flimmern dynamisch montierte und stilisierte Alltagsaufnahmen von Lea (Frida Hornemann) nicht über die große Leinwand, sondern wie beiläufig über den Bildschirm eines kleinen Laptops. Nicht im hippen Hollywood, sondern im grauen Greiz ist sie zuhause. Und ihr vermeintlich großes Gesangstalent entlädt sich in einer öden, aber zumindest fehlerfreien Performance der Ballade „Fix You“ von Coldplay – die mehr über ihr Innenleben verrät, als verlogene Bilder der Fernsehkameras.
Greiz wird im Kino zur Bühne für Schuld, Wandel und Verlust
Die von Leas Großeltern Christel und Friedrich geführte Pension „Waldblick“ ist kein florierender Familienbetrieb, sondern steht kurz vor dem Ruin. Nicht nur kerngesunde Pferde tollen im hauseigenen Gestüt herum, auch kranke müssen Geld einbringen. Zwischen Leas Eltern kriselt es, weil die hochschwangere Rieke (Gina Henkel) das Kind des Schulleiters (Florian Lukas) in sich trägt.

Bleibt Tante Kati (Eva Löbau) als Vertraute, die im sanierten Schloss Greiz eine Ausstellung zur einstigen DDR-Textilindustrie realisiert – sehr zum Ärger von Christel, die darin arbeitete und sich nach der eiskalten Abwicklung durch die Treuhand beruflich umorientieren musste. Und heute drohen die benachbarten Waldeigentümer – „Wessis!“ – mit Klage, weil der Borkenkäfer auch ihre „blühenden Landschaften“ in apokalyptisch anmutende Brachen verwandelt.
Wie ein Schloss in Greiz eine Familiengeschichte mitprägt
Schein und Sein liegen in „Etwas ganz Besonderes“ ebenso nah beieinander wie Prunk und Verfall, wenn Kameramann Adrian Campean in der Greizer Innenstadt frisch herausgeputzte historische Häuserfassaden neben verfallenden Altbauten mit abgebröckeltem Putz, auf den Straßen altes Kopfsteinpflaster mit Kleckerresten von Asphalt kontrastiert.
Thüringen liefert die Kulisse für ein Drama über Brüche und Herkunft
„Es ist eine sehr geschichtsträchtige Stadt, man kann an und in ihr deutsche Geschichte ablesen, die Wechsel der Systeme und ihre Bedeutung für die Menschen und die Infrastruktur“, so Eva Trobisch im Interview. Sie schrieb das Drehbuch ihres Films weitgehend in einer Datsche mit Blick über die Residenzstadt. Vermittelt über die Schulfreundin ihres aus Greiz stammenden Großvaters. „Von dort aus bin ich morgens losgelaufen, bin viel spaziert, habe recherchiert, Menschen getroffen und nachmittags bis nachts geschrieben.“
An insgesamt 27 Drehtagen, von März bis Mai 2024, wurde in Thüringen gedreht. Für die Kulisse des Hotels „Waldblick“ musste die Crew allerdings auf eine andere Stadt im Freistaat ausweichen. „Wir sind dann in Suhl fündig geworden. Von da aus haben wir auch die umliegenden Waldmotive gesucht.
Eva Trobisch verbindet in Thüringen Geschichte und Gegenwart
Ein lokaler Förster war uns dabei behilflich“, so die Berliner Filmemacherin, die auch von einer witzigen Anekdote während des Drehs zu berichten weiß. „Es gab eine Szene, in der es im Schloss brennt. Dafür kam ein SFX-Team und hat Schläuche durch die Räume gelegt, aus denen Rauch austrat, das Lichtdepartement hat ihrerseits flackerndes Licht hinter den Fenstern installiert.
Ein Film aus Thüringen erzählt von Ruin, Erinnerung und Aufbruch
Scheinbar sah es so überzeugend aus, dass uns die Feuerwehr am nächsten Tag erzählte, es wären trotz unserer Aushänge und Vorwarnungen, einige Anrufe bei ihnen eingegangen, bei denen Feuer im Greizer Schloss vermeldet wurde. Für diese Aufregung möchten wir uns ganz herzlich bei allen Greizern entschuldigen, zumal die Szene nicht einmal mehr im Film ist. Sehr traurig, aber so ist es manchmal.“

Ohne festgezurrtem Plot fließen in „Etwas ganz Besonderes“ – durch authentisch agierende Darsteller um die souveräne Newcomerin Frida Hornemann – Alltagsszenen aus dem Familienleben ineinander. Einige Handlungsfäden reißen ab, angedeutete Nebenplots wie etwa die Proben des Schultheaterstücks um „Die schlesischen Weber“ nach Heinrich Heine werden – um im Bild zu bleiben – nicht zu ende gesponnen.
Thüringen als Resonanzraum einer Familienkrise
Doch erfrischend mühelos, ehrlich und direkt arbeitet sich das mit unverstellten Dialogen aufwartende Drama auch an schweren Themen ab, etwa der Wertschätzung von Lebensleistungen und Kritik an fragwürdigen Fördertöpfen. Damit gelingt „Etwas ganz Besonderes“ ein vielschichtiger Blick ins Innenleben einer dysfunktionalen Familie, die als Spiegelbild der ostdeutsche Seele verstanden werden kann.
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