Neuer Erotik-Verlag: Psychologin aus Jena will den Sex der Thüringer verbessern
25. Juni 2026 • Geschrieben von
Lutz Granert
Dr. Madita Hoy ist eine Sexualwissenschaftlerin und Psychologin aus Jena. Sie hat den Verlag „Erotivity“ gegründet, in dem neben Büchern zum Thema (weibliche) Sexualität auch mehrere interaktive Spiele für Paare erscheinen sollen. Uns verrät die 39-Jährige, was guten Sex ausmacht und warum Humor jede Peinlichkeit im Bett rettet.
In deinem kürzlich veröffentlichten Buch „Aufruf zur sexuellen Meuterei“ sprichst du dich gegen ein „Funktionieren“, also gegen eine „Pflicht zum Orgasmus“, vielmehr für mehr Verständnis und Spaß beim Sex aus. Wie und wann spricht man Unzufriedenheit im Bett am besten an?
Erstmal finde ich wichtig klarzustellen: Sex der nicht nach Wunsch funktioniert, ist völlig normal. Oft passiert Folgendes: Nach der Verliebtheitsphase nehmen wir uns weniger Zeit für Sexualität. Wir wissen vielleicht recht gut, welche Knöpfe wir drücken müssen, um körperliche Erregung zu erzeugen. Mit der Zeit kann sich das aber routiniert und unbefriedigend anfühlen. In der Folge sinkt die Lust. Je länger diese Unzufriedenheit anhält, desto unangenehmer wird es, das Thema anzusprechen. Hinzu kommt die Angst vor der Frage: „Ja, wieso hast du das nicht gleich gesagt?“ Es ist wie bei einem Zahnarztbesuch, den man aufschiebt.
Hast du einen konkreten Rat?
Was Gespräche über Sexualität manchmal schwierig macht ist, dass sie schnell in Vorwürfen münden. Aussagen wie „Ich wünsche mir mehr oder kreativeren Sex“ verursachen oft Leistungsdruck. Hilfreich ist, mehr aus Neugier heraus zu kommunizieren. Man könnte also fragen: „Was war für dich eigentlich unser schönstes sexuelles Erlebnis und was hat es besonders gemacht?“. Dann kann man gemeinsam überlegen, was es brauchen würde, mehr davon in das aktuelle Sexleben zu bringen. Einige Dinge kann man direkt beim Sex ansprechen – etwa, wenn sich eine Berührung gerade nicht gut anfühlt. Wenn man allerdings schon länger in einer Routine steckt, aus der man herauskommen möchte, braucht es ein tiefer gehendes Gespräch, eher am Küchentisch.
Was ist deiner Definition nach ein gutes und was ein schlechtes Sexleben?
Geschlechtsunabhängig ist der Kern eines guten Sexlebens, dass man sich keinen Stress und Druck macht. Der allgegenwärtige Leistungsdruck besteht auch in unseren Schlafzimmern. Viele Glaubenssätze – dass man beim Sex gut aussieht, kreativ ist, zum Orgasmus kommt und offen miteinander redet – machen den ganzen Druck aus. Wenn man sich wieder darauf besinnt, was gerade im Moment das Schönste und Beste ist, wie man sich körperlich verwöhnen kann, dann ist das der Kern für guten Sex.
Sex ist nicht nur penetrativer Geschlechtsverkehr, auch wenn wir das im Sprachgebrauch als Synonym verwenden. Es ist viel mehr dabei: Knutschen, Rummachen, Streicheln, kleine Berührungen, die in einer Partnerschaft als schön, gut und wertvoll betrachtet werden sollten – und viel für die Intimität tun.
Bestehen zwischen beiden Geschlechtern Unterschiede in der Lust auf Sex?
Die Frage ist: Worauf haben wir eigentlich Lust? Wie Sexualität in unserer Gesellschaft „gelernt“ wird und die Bilder davon, mit denen wir aufwachsen, sind sehr vom male gaze (der männliche Blick, Anm. d. Red.) geprägt, wobei Penetration im Mittelpunkt steht. Unsere Sexualität ist sehr phallozentrisch – was, belegt durch wissenschaftliche Literatur, bei Frauen auch auf die Lust und die sexuelle Zufriedenheit schlägt.
Was bedeutet das für weibliche Sexualität?
Viele Frauen haben super viel Lust auf Sexualität, brauchen aber andere Reize oder Stimulationen. Wenn ein Mann in einer Beziehung nur großen Wert auf seine Bedürfnisse legt, also möglichst schnell seinen Penis in die Vagina stecken will, ist es auch wenig verwunderlich, warum das für die Frau nicht so befriedigend ist und sie weniger Lust hat mit der Zeit. Häufig setzt sich dann die Frau selbst oder ihr Partner setzt sie unter Druck, dass sie Lust empfinden muss. Das sorgt dann dafür, dass man sich als Frau noch weniger mit den eigenen Bedürfnissen auseinandersetzt, was man selbst beim Sex will.
Wenn ich mich von diesem Druck befreien kann und das für beide okay ist, kommt man ins Forschen und Spielen auf der Suche, was man stattdessen – außerhalb der Muster – erleben kann. Wenn man sich ehrlicher und emotionaler mit dem Thema Sexualität auseinandersetzt, kann es auch für viele Männer total befreiend sein, andere Seiten zu entdecken.
Herrscht bei gleichgeschlechtlichen Sex wegen der Vertrautheit mit dem Körper des oder der Anderen ein besseres Verständnis vor?
Unsere gelernten Geschlechterrollen haben ein viel größeren Einfluss als unsere Genitalien. Der starke Leistungsdruck ist in der Schwulenszene ganz stark verbreitet. Das habe ich durch die Rückmeldung eines schwulen Pärchens erfahren, das unser Spiel „Curious Touch“ gespielt und daraufhin langsamen und verspielten Sex hatte, der den Beiden wahnsinnig gut getan hat. Was sich für das Individuum gut anfühlt, ist trotzdem total individuell. Auf lange Sicht kommt man nicht drumherum darüber zu reden, was einem gefällt.
Eincremen mit Sonnenmilch kann man sehr ausgiebig und schön zu einem richtigen Genussritual ausdehnen. Sonne auf der Haut und zarte Berührungen zu spüren, kann ja auch hoch erotisch sein, ohne dass da ein penetrativer Akt dabei ist. Der kann nach stundenlangem Heißmachen auch zuhause nachgeholt werden.
Welche sexuellen Fantasien kommen in der Wissenschaft bei den Geschlechtern besonders häufig vor?
Ein verbreitetes Phänomen bei Frauen sind Überwältigungsfantasien, in denen sie gegen ihren Willen genommen werden. Dabei ist es wichtig, zwischen Fantasie in unserem Kopf und realem Erleben zu unterscheiden. Die Themen Sicherheit und persönliche Grenzen sind im Kopfkino geregelt, im Alltag gilt es dann, die „Spielregeln“ mit spielerischen Kämpfen oder anderen Praktiken und Signale festzulegen.
BDSM (sexuelle Praktiken, die auf Machtspielen und Lustschmerz basieren, Anm. d. Red.) sind bei allen Geschlechtern beliebt – und wir arbeiten gerade an einem neuen Spiel für Paare, das einen einfühlsamen Einstieg in diese Welt ermöglicht.
Du beschäftigst dich den ganzen Tag mit Sex. Wirst du des Themas nicht auch mal überdrüssig?
Nein, gar nicht. Und nur weil man sich viel mit diesem Thema auseinandersetzt, heißt es auch nicht, dass alles perfekt funktioniert. Ich bin ein ganz normaler Mensch und mir fällt es auch nicht immer leicht, alles umzusetzen – auch wenn ich weiß, es wäre gut. Sexualität ist unglaublich komplex und ich will mit meiner Arbeit vor allem eins: Mut machen darüber zu reden, auch wenn es mal nicht nach Plan läuft.

Dr. Madita Hoy, Sexualwissenschaftlerin und Psychologin aus Jena spricht offen über vermeintliche Tabu-Themen.

Dr. Madita Hoy, Sexualwissenschaftlerin und Psychologin aus Jena spricht offen über vermeintliche Tabu-Themen.

Dr. Madita Hoy, Sexualwissenschaftlerin und Psychologin aus Jena spricht offen über vermeintliche Tabu-Themen.
„Wir wachsen mit vereinfachten Ideen auf, die uns schaden“ – Asexualität im FokusViele Männer klagen über Erektionsprobleme. Ist bei sexuellen Funktionsstörungen eine fehlende Lubrikation, also mangelndes „Feuchtwerden“ das Äquivalent bei Frauen? Bei Frauen ist das häufigste Problem die ausbleibende Lust. Die Lubrikation läuft tatsächlich automatisierter ab als man denkt, hier besteht kein Zusammenhang zur eigentlichen Lust. Bei einer Studie wurden Frauen sowohl normale Pornos als auch Videos mit kopulierenden Affen gezeigt und in beiden Fällen wurde eine erhöhte Feuchtigkeit und Durchblutung der Vulva festgestellt: Die Vagina war dabei ein „Allesfresser“. Männer wiederum hatten nur bei den Pornos eine Erektion. Gibt es einen Trick, wie man bei Frauen einen vorgetäuschten Orgasmus erkennen kann? Es gibt einen ganz krassen Trick: Man kann die Person fragen! Das Problem ist mangelnde Kommunikation, weil wir verinnerlicht haben, dass Reden beim Sex ein Stimmungskiller ist. Wenn man aber direkte Rückmeldung erhält und auf eine ehrliche Ebene kommt, kann das sehr intim und anregend sein. https://youtu.be/wlHWS7-OUJw?si=poYq7qp2ZBjTa2dZ Darf im Bett auch gelacht werden? Es ist wissenschaftlich bestätigt, dass ein wichtiges Kriterium für großartigen Sex ist, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Gerade, wenn man etwas Neues ausprobiert und nicht alles funktioniert, ist ein humorvoller Umgang damit wichtig – und bricht den hohem Erwartungsdruck. Unser Maskottchen ist die „Spielkatze“, die das ganz gut in sich vereint: Sie kann gut genießen, holt sich die Berührungen, die ihr gut tun und zeigt durchaus stolz ihre Grenzen auf. Sex hat ja auch etwas Absurdes: Wenn man es wie ein Alien von außen betrachtet, sieht das ja auch reichlich komisch aus. Zwei Menschen liegen aufeinander und verlieren Körperflüssigkeiten, es gibt komische Geräusche – das ist schon zum Lachen. Sommer, Sonne – Outdoor-Sex in der Natur. Was ist dein Rat? Das wurde ich tatsächlich noch nie gefragt (lacht). Ich finde das Thema Konsens hier sehr wichtig. Also wie stelle ich sicher, dass ich niemand anderes mit meiner Sexualität belästige? Outdoor-Sex ist eine richtig tolle Sache – außer für die Person, die dann vielleicht unerwünscht reinläuft. Hier sollte man also Vorkehrungen treffen. Ich habe ja schon die Langsamkeit und das Zeit nehmen angesprochen.

Dr. Madita Hoy, Sexualwissenschaftlerin und Psychologin aus Jena spricht offen über vermeintliche Tabu-Themen.
Hard Facts zum Buch:
- gebunden, 237 Seiten, 19,50 €
- Weitere Infos unter: erotivity.de
- und Instagram: @erotivity.de
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