Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland – Erfurter Museum wird zum Sex-Shop
Das Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt wird zum Sexshop – zumindest für einen Sommer. Wie die Stadt Erfurt mitteilt, zeigt die Ausstellung „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“ vom 6. August bis 25. Oktober 2026 Fotografien von Karen Weinert und Thomas Bachler. Im Mittelpunkt stehen Läden, die seit dem Ende der DDR zum ostdeutschen Alltag gehören, inzwischen aber langsam verschwinden.
Provinzlust im Volkskundemuseum in Erfurt
Die Ausstellung basiert auf dem gleichnamigen Buch der Kulturwissenschaftlerin Uta Bretschneider und des Historikers Jens Schöne. Für ihre Recherche haben die beiden Betreiberinnen und Betreiber:innen von Erotikshops in der ostdeutschen Provinz interviewt. Herausgekommen ist eine Geschichte über Selbstständigkeit, Diskretion, Digitalisierung – und die erstaunliche Karriere eines Geschäftsmodells, das nach 1989 zunächst geradezu explodierte.
Früher hieß der Laden trotzdem „Sex-Shop“
In Oschatz etwa führt Eike Wächtler-Rudolph den 1990 gegründeten Familienbetrieb in zweiter Generation, laut einem Text der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Laden liegt nicht gerade im Schaufenster der Stadt, ist aber auch kein Geheimversteck: Große Schilder weisen den Weg. „Ich verkaufe die Sachen und gut ist“, sagt die Betreiberin über ihr Selbstverständnis. Schmuddelig sollte es bei ihr nie zugehen. Lieber hell, freundlich und auch für Frauen ansprechend. Früher hieß der Laden trotzdem „Sex-Shop“ – schließlich musste man sich von der Konkurrenz abheben.
Auch Patrick Heidler betreibt seinen Erotikshop seit 1990. Allerdings liegt seiner in einer Gegend, in der selbst Google Maps vermutlich kurz innehält: irgendwo zwischen Herzberg und Falkenberg, umgeben von Feldern. Seine Eltern räumten einst den Kaninchenstall aus und machten daraus einen Sexshop. Die ersten Waren holten sie mit einer Tasche voller Bargeld in Flensburg. Der Andrang war enorm. „Hier waren Himmel und Menschen“, erinnert sich Heidler. In den ersten Jahren wurden Magazine und Videokassetten zu Preisen verkauft, die heute absurd wirken.
Fachgeschäft für Ehehygiene
Der Boom hielt nicht ewig. Das Internet übernahm vieles, die Kundschaft wurde älter, und immer mehr Läden verschwanden. In Herzberg versucht Heidler bis heute, sich gegen den Niedergang zu stemmen – unter anderem mit einem auffällig beklebten Auto und dem Slogan „Fachgeschäft für Ehehygiene“. Besonders erfolgreich war die Werbekampagne offenbar nicht überall.
Stück ostdeutscher Wirtschaftsgeschichte
Die Ausstellung erzählt damit nicht nur von Erotik, sondern von einem Stück ostdeutscher Wirtschaftsgeschichte. Von Menschen, die nach 1989 plötzlich Unternehmer wurden, von der Suche nach Waren und Kundschaft und von einem Geschäft, das zwischen Neugier, Diskretion und Internetkonkurrenz seinen Platz behaupten musste. Oder, wie Heidler es formuliert: „Ich bin der Letzte, der das Licht ausmacht, sozusagen.“
Eröffnet wird die Ausstellung am 6. August um 18 Uhr mit einer Lesung von Uta Bretschneider im Museumshof. Wer also schon immer wissen wollte, was ein Kaninchenstall, die D-Mark und ein Sexshop gemeinsam haben: In Erfurt gibt es diesen Sommer Antworten.
Hard Facts:
- Wann: 6. August bis 25. Oktober
- Wo: Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt | Juri-Gagarin-Ring 140a | Erfurt
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