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NS-Vergangenheit trifft Techno-Lost-Place: Weimar bekommt neuen Kulturort

4. August 2026 • Geschrieben von Florian Dobenecker
Die Sendehalle in Weimar war NS-Weihestätte, DDR-Funkhaus und illegaler Technoclub – jetzt wird sie zum Kulturort. Foto: Martin Kranz

Die Sendehalle in Weimar ist kein Gebäude, das sich mit einem einzigen Etikett zufriedengibt. Rund 5.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, ein großer Sendesaal, Foyers, Wandelgang, etwa 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Untergeschoss: Der Komplex ist groß genug für mehrere Leben – und hat sie auch gelebt.

Zeitreise durch 90 Jahre deutsche Geschichte

Martin Kranz nennt Führungen durch das Haus deshalb eine „Zeitreise durch 90 Jahre deutsche Geschichte“. Das ist keine schlechte Beschreibung für einen Ort, an dem nationalsozialistische Architektur, DDR-Rundfunk, Leerstand und Subkultur so dicht aufeinanderfolgen.

Ehemalige Nationalsozialistische Gedächtnishalle

Die Geschichte beginnt mit einem Kapitel, das besonders sensibel betrachtet werden muss. Die Nationalsozialisten planten das Gebäude als Nietzsche-Gedächtnishalle direkt neben dem Nietzsche-Archiv. Adolf Hitler ließ einen pseudoreligiösen Bau mit Apsis, Kreuzgang und gewaltigem Kreuzgewölbe errichten, gedacht als architektonische Weihestätte für den von der NS-Ideologie vereinnahmten Friedrich Nietzsche.

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Frontansicht Portal der Sendehalle 2025. Martin Kaufmann
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Müll im Moderatorenstudio im Erdgeschoss Januar 2025. Nora Klein
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Langer Wandelgang im Obergeschoss 2025. Martin Kranz
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Großer Sendesaal 2025. Martin Kaufmann
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Begrüßung des ehemaligen Technischen Leiters des Funkhauses der DDR durch die Gäste des Sommerfestes Juli 2026. Elena Kaufmann
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Großer Sendesaal: Ein Konzert des HfM Jazz Festival 2026. Elena Kaufmann
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Die Sendehalle jetzt als Kulturort in Weimar. Martin Kranz

„Das Haus erzählt das, das erlebt man, das spürt man dort“, sagt Kranz. Genau deshalb soll diese Vergangenheit nicht verschwinden: „Ich halte nichts davon, Geschichte zu verstecken, sie abzureißen oder auf diese Weise verschwinden zu lassen.“ Entscheidend sei vielmehr die Kontextualisierung – gerade in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen, Schulklassen und Studierenden, die in der Sendehalle stattfindet und stattfinden soll.

Vom Denkmal zum Funkhaus zum Leerstand

Danach wechselte das Haus seine Rolle erneut. Auf die NS-Geschichte folgten rund 50 Jahre Rundfunkgeschichte, später der Verkauf 2006 an den russischen Investor Igor Chartschenko und ein jahrelanger Leerstand. Aus dem einstigen Funkhaus wurde ein Lost Place. Kurzzeitig ein illegaler Technoclub. Heute ist die Sendehalle wieder zugänglich – allerdings nicht als museal eingefrorenes Denkmal.

Vom Leerstand zur Bühne

Schon in der Interimsnutzung finden Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Tagungen, Festivals und Bildungsformate statt. Nutzbar sind perspektivisch etwa 2.000 bis 2.500 Quadratmeter Kultur- und Veranstaltungsfläche; der große Sendesaal aus dem Jahr 1974 soll nach der Sanierung rund 150 bis 170 Menschen fassen.

Die Vergangenheit soll dabei nicht hinter frischer Farbe verschwinden. „Die eigentliche Herausforderung bei einem Ort wie diesem, der diese vielen historischen Schichten so sichtbar macht, ist, dass er eben nicht totsaniert wird“, sagt Kranz. Graffitis, Zeichnungen und Kunstwerke aus alten Tonbändern sollen ebenso als Spuren erhalten bleiben wie andere Zeugnisse jüngerer Geschichte. Kranz nennt sie „Schaufenster der Geschichte“. Geplant ist außerdem keine klassische Dauerausstellung, sondern eine mediale Geschichtserzählung. Ein historischer Audiowalk soll gemeinsam mit der Bauhaus-Universität und dem MDR entstehen.

Sendehalle verwandelt sich in „dritten Ort“

Wenn die eigentliche Sanierung 2027 beginnt und die Generalsanierung wie geplant Mitte 2029 abgeschlossen ist, soll die Sendehalle vor allem eines werden: ein „dritter Ort“. Also ein frei zugänglicher Treffpunkt neben Wohn- und Arbeitsort, ohne Konsumzwang. Ein Stadtteiltreff existiert bereits, bei dem Nachbarn zusammenkommen, reden und Brettspiele spielen. Dazu sollen Kultur, Bildung, Wissenschaft und Kreativarbeit kommen.

Mit Geschichte in die Zukunft

„In einer Zeit, in der wir immer digitaler leben, immer stärker in virtuellen Welten unterwegs sind, glauben wir, dass Orte, an denen direkte, persönliche Begegnung möglich ist, immer wichtiger werden“, sagt Kranz. Seit fünf Jahren arbeitet er ehrenamtlich an diesem Projekt, unterstützt von rund 150 Helferinnen und Helfern. „Es ist beides“, sagt er über seine Rolle: „eine riesige Verantwortung, und es macht zugleich eine riesige Freude.“ Vielleicht ist genau diese Ambivalenz die passendste Beschreibung für ein Haus, das seine Geschichte nicht loswerden will, sondern mit ihr weiterlebt.

Hard Facts:

  • Segnung der Sendehalle
  • Datum: Samstag, 15. August 2026
  • Zeit: 15:00 Uhr
  • Eintritt: Kostenlos
  • Wo: Stiftung Sendehalle Weimar / Humboldtstraße 36a

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