Theater im Rausch: Jenaer Gruppe bringt „Gemetzel“ auf die Bühne
19. Juni 2026 • Geschrieben von
Lutz Granert
Gerade wer das moderne, zuweilen schrille Theaterangebot in Jena kennt, wird sich bei den bisherigen Aufführungen einer Laientheatertruppe aus der Saalestadt etwas verwundert die Augen reiben. TheateRRausch brachte bereits die traditionsreichen Stücke „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch und „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal auf die Bühne und nun steht mit „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza ein weiteres populäres Stück in den Startlöchern, das sogar schon verfilmte wurde.
Apropos: Woher der eigentümliche Name kommt, ist nicht abschließend geklärt. Theatermacher Steve Kußin, der auch die Improvisation an den Donnerstagen leitet, war wohl bei der Namensgebung beteiligt. Und auch berauscht hat die Truppe bereits gespielt – bei der letzten Aufführung von „Biedermann und die Brandstifter“. Jonas Petsch erinnert sich: „Die alles auflösende Schlussszene besteht aus einem Abendessen, bei dem wir die Becher bei den Aufführungen bis dahin nur mit Traubensaft gefüllt haben.
TheateRRausch bringt Klassiker in neuem Anstrich auf die Bühne
„Wir setzen fernab von experimentellem Avantgarde-Theater auf klassische und dialoggetriebene Stoffe, denen wir einen eigenen Anstrich geben wollen. Unser Augenmerk liegt dabei besonders auf dem Storytelling. Die Rückmeldungen waren bisher sehr positiv: Das Publikum fühlte sich, denke ich, gut unterhalten – und war vielleicht positiv überrascht von unseren Darbietungen“, sagt Jonas Petsch dazu, der seit zweieinhalb Jahren für TheateRRausch auf der Bühne steht und sich zusammen mit Matti Tennert (Regisseur des neuen Stücks) um die Außendarstellung kümmert.Jena erlebt ein Laientheater voller überraschender Momente
Ins Leben gerufen wurde die unter dem Dachverband der Freien Bühne Jena e.V. firmierende Laientheatertruppe im Oktober 2022 und spielte erstmals öffentlich im Rahmen des Kultürchen, des „Kulturellen Adventskalenders“ in Jena im Dezember 2022. Weitere einzelne Auftritte folgten, bis nach dem Auerworld-Festival im Sommer 2024 auch wegen rauschhafter Reaktionen des Publikums mehr produziert wurde und damit auch mehr Regelmäßigkeit in den Spielplan der Truppe kam- TheateRRausch aus Jena bringt „Der Gott des Gemetzels“ auf die Bühne. Foto: Matti Tennert
- TheateRRausch aus Jena bringt „Der Gott des Gemetzels“ auf die Bühne. Foto: Matti Tennert
- TheateRRausch aus Jena bringt „Der Gott des Gemetzels“ auf die Bühne. Foto: Matti Tennert
TheateRRausch zeigt, wie Theater und Wein die Bühne verbinden
Doch bei der Dernière befand sich darin echter Wein – weswegen die Auseinandersetzung zwischen Matti, der Brandstifter Willi spielte, und mir als Schmitz im angetrunkenen Zustand noch feuriger und böser geriet.“ Es kommt auch hin und wieder vor, dass sich das Ensemble auch ganz ohne Alkohol in einen Rausch spielt, gerade wenn sich während der Aufführungen spontane Ideen oder Impulse ergeben und von der geübten und geprobten Routine abgewichen wird.Theater lädt neben Studierenden auch Ältere zum Mitspielen ein
Bei den Kostümen greift TheateRRausch entweder auf den Fundus der Freien Bühne Jena e.V. zurück oder – wenn dort nichts so richtig passt – auch auf die Untiefen des persönlichen Kleiderschranks. Hier finden sich zuweilen schrille und exzentrische Textilien, die dann bei der Aufführung präsentiert werden. Kleine Investitionen werden bei Requisiten-Notstand aus eigener Tasche getätigt, weswegen Spenden bei den kostenfreien Aufführungen sehr willkommen sind.Premiere unter freiem Himmel: Gotha bringt erstmals Open-Air-Theater auf Schloss FriedensteinAuch wenn vereinzelt Berufstätige älteren Semesters mit dabei sind, setzt sich das Ensemble zu einem Großteil aus Studierenden der Friedrich-Schiller-Universität Jena zusammen. Dadurch gibt es im Team eine gewisse Fluktuation. Zu den offenen Proben mit Improvisationen und Arbeiten an aktuellen Stücken an jedem Donnerstag dürfen, können und sollen auch Neulinge niederschwellig einmal (Laien-)Theaterluft schnuppern. „Da die Räumlichkeiten an der Carl-Zeiss-Straße derzeit wöchentlich wechseln, ist es das Beste, wenn sich Interessierte direkt bei uns melden“, so die Verantwortlichen von TheateRRausch.
TheateRRausch lässt traditionelle Stücke lebendig und frisch wirken
Entscheidungen über neue, passende Stücke werden im Team basisdemokratisch abgestimmt. So kam auch das pointierte Vier-Personen-Stücks „Der Gott des Gemetzels“ auf den Spielplan. Darin geht es um zwei Elternpaare, die bei einem gemeinsamen Treffen einen Streit ihrer jeweiligen Kinder beilegen wollen – sich dabei aber selbst immer stärker in die Haare bekommen.Im Kulturschlachthof belebt TheateRRausch populäre Dramen neu
Da die letzten Stücke im Kulturschlachthof Jena nahe des Saalbahnhofs immer gut besucht wurden, geht TheateRRausch auch bei den Aufführungen des populären französischen Kammerspiels von im Schnitt 50 bis 60 Gästen aus. Daneben steht dieses Jahr auf dem Auerworld-Festival (23. bis 26. Juli) auch ein Stück für Kinder an: „Naomi und die Nacht“.Hard Facts:
- Der Gott des Gemetzels
- 19./20./26./27. Juni um 20 Uhr (Einlass: ab 19.30 Uhr)
- Kulturschlachthof Jena e.V., Fritz-Winkler-Straße 2b, 07743 Jena
- Eintritt frei, Spenden erbeten
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