Zwangsarbeit war das öffentlichste Massenverbrechen im Nationalsozialismus, das den Leuten am wenigsten als solches bewusst ist“, zitiert Dorothee Schlüter, Sprecherin des Museums für Zwangsarbeit in Weimar, den Historiker Janosch Steuwer. Laut Schlüter gibt es zwar seit Jahrzehnten wissenschaftliche Forschung und lokale Initiativen, aber erst mit dem Museum in Weimar existiert ein zentraler Bildungsort, der die gesamte Bandbreite des Themas in den Blick nimmt.
NS-Zwangsarbeit: Neue Perspektiven im Museum Weimar
Das im Mai 2024 eröffnete Museum versteht sich als Ankerpunkt der Aufklärung. Es will nicht nur erinnern, sondern gesellschaftlich wirksam werden. Dass dies gelingt, zeigen zahlreiche Rückmeldungen von Betroffenen und Angehörigen aus dem In- und Ausland. „Sie fühlen sich mit ihrem Schicksal endlich repräsentiert und nicht länger allein gelassen“, sagt Schlüter. Im Zentrum steht dabei nicht nur die Zeit der Zwangsarbeit selbst – sondern insbesondere das Leben danach.

Weimar, 19. November 2024: Im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus fand die Podiumsdiskussion „Education in Motion: Zwangsarbeit – Eine NS-Verbrechensgeschichte in Europa“ in Kooperation mit der Stiftung EVZ statt. Die Veranstaltung begann mit einer Keynote von Dr. Daniel Logemann, gefolgt von einem Fachgespräch mit Dr. Michael Gander, Anke Heelemann und Dr. Nicolas Moll unter der Moderation von Jens Schley. Diskutiert wurde die europäische Dimension der NS-Zwangsarbeit und ihre Bedeutung für heutige Erinnerungskulturen. / Foto: Henry Sowinski
Das soll auch eine neue Veranstaltungsreihe im Museum transportieren. Sie trägt den Titel „Befreit. Und dann?“ und geht der Frage nach, wie ehemalige Zwangsarbeiter:innen mit dem Ende des Krieges lebten – oder leben mussten. Sie ist Teil des Formats „In Gesellschaft.“, das seit 2021 offen und dialogisch der NS-Zwangsarbeit und ihren Spuren in die Gegenwart nachgeht.
„Zwangsarbeit war zwar mit der Befreiung vorbei, blieb aber doch existent in den Lebensläufen“
„Wir wollten 2025 nicht nur das Kriegsende feiern und im Gedenken an die Jahre 1933 bis 1945 verharren“, erklärt Dorothee Schlüter. „Denn die Zwangsarbeit war zwar mit der Befreiung vorbei, blieb aber doch existent in den Lebensläufen.“ Viele Menschen hatten ihre Familien verloren, ihre Heimat war zerstört oder lag im stalinistischen Einflussbereich. Einige blieben in Deutschland – aus Notwendigkeit oder aus eigener Entscheidung. Ihre Erfahrungen aber wurden selten gehört, ihre Geschichten blieben „randständig“, wie die Sprecherin sagt.

2020 startete Gesprächsgast Patrick Figaj das Projekt „Tadschu“. Es ist die Aufarbeitung der Geschichte seines Großvaters, der aus Polen stammte, in Deutschland ziviler Zwangsarbeiter war und später als heimatloser Ausländer in der Nähe von Mannheim lebte.
Viel zu wenig ist in Deutschland darüber bekannt, was ehemalige Zwangsarbeiter:innen auch nach dem Krieg bewegte“, so Schlüter. Die Veranstaltungsreihe bringt daher biografische Perspektiven auf die Bühne, die oft nicht Teil des öffentlichen Gedenkens sind – und schlägt die Brücke zur Gegenwart.
Leben nach der Zwangsarbeit: Reihe startet in Weimar
Am 19. Juni um 18.30 Uhr findet im Boris-Romantschenko-Saal des Museums die erste Ausgabe von „Befreit. Und dann? Leben nach der Zwangsarbeit – in Deutschland geblieben“ statt. Drei Gäste geben persönliche, wissenschaftliche und künstlerische Einblicke. Unter den Podiumsgästen: Patrick Figaj. Der Journalist geht in seinem Podcast-Projekt „Tadschu“ der Geschichte seines Großvaters nach, einem polnischen Zwangsarbeiter, der später in Deutschland als heimatloser Ausländer lebte. Die Spurensuche fördert lange verschwiegene Familiengeschichten zutage und war für den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis nominiert.
Weimar zeigt, wie Zwangsarbeit Biografien bis heute prägt
Mit ihm ins Gespräch kommt Jadwiga Kamola. Die Historikerin und Kuratorin verankert Erinnerung an NS-Zwangsarbeit in einem postmigrantischen Kontext. Ihre Ausstellungen und Publikationen machen die Perspektive der Betroffenen sichtbar – über Herkunft, Generationen und gesellschaftliche Marginalisierung hinweg. „Kamola hat als eine der ersten die Erfahrungsgeschichte der ehemaligen Zwangsarbeiter:innen in die kuratorische Arbeit deutscher Ausstellungsorte eingebracht“, so Schlüter.
Zudem auf dem Podium ist Per Leo. Der Historiker und Autor verarbeitete in seinem Roman „Flut und Boden“ die eigene Familiengeschichte – und damit auch die Frage nach Täterschaft. Seine Literatur durchbricht gängige Narrative der Entlastung und eröffnet neue Möglichkeiten, über Verantwortung zu sprechen, so die Museumssprecherin. „Er fragt nicht nur: Wie wurde Opa ein Nazi? Sondern auch: Warum wurde Opas Bruder keiner?“
„Wir setzen auf ein offenes Forum mit sorgfältig kuratierten Gäst:innen“
Die Veranstaltung soll bewusst kein klassisch-historischer Vortrag werden, erklärt Dorothee Schlüter: „Wir setzen auf ein offenes Forum mit sorgfältig kuratierten Gäst:innen aus verschiedenen Bereichen und Disziplinen.“ Und weiter: „Die Zwangsarbeit hat mitten in der Gesellschaft stattgefunden und sollte auch in der Gesellschaft diskutiert werden.“

2020 startete Gesprächsgast Patrick Figaj das Projekt „Tadschu“. Es ist die Aufarbeitung der Geschichte seines Großvaters, der aus Polen stammte, in Deutschland ziviler Zwangsarbeiter war und später als heimatloser Ausländer in der Nähe von Mannheim lebte.
Moderiert wird der Abend von der Journalistin Nora Hespers, die seit 2014 die Geschichte ihres Großvaters und dessen Erfahrungen mit dem NS-Regime in ihrem Podcast zum Leben erweckt. Der Eintritt ist frei. Auch wenn das Gespräch aufgezeichnet und später online abrufbar sein wird – das Ziel sei der Austausch im Hier und Jetzt. „Es geht nicht nur um das Speichern, sondern darum, gemeinsam zu überlegen, was wir aus der Geschichte für unser Zusammenleben ableiten möchten“, betont Schlüter.
Weimar zeigt, wie Zwangsarbeit Biografien bis heute prägt
Die zweite Ausgabe der Veranstaltungsreihe folgt im August. Dann soll der Blick über Deutschland hinausgehen. Auf dem Podium wird unter anderem die Historikerin Sarah Grandke über Diasporageschichten bis nach Australien sprechen. Außerdem wird Evelina Rudenko, ehemalige Mitarbeiterin der 2022 verbotenen russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, erwartet. „Auch hier wollen wir zeigen, dass Zwangsarbeit eine Geschichte ist, die Millionen Menschen weltweit verbindet – als Betroffene, als Nachkommen, als Gesellschaft“, so Schlüter.
Rechtspopulismus versuche, das Gedenken zu delegitimieren
Dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern fortwirkt – in Biografien, Strukturen und Debatten – ist ein zentrales Anliegen des Museums. Gerade in einer Zeit wachsender rechtspopulistischer Tendenzen sei die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kein rein moralischer Akt. „Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte ist eine Voraussetzung für eine lebendige Demokratie“, sagt Dorothee Schlüter, die bemerkt, dass der Rechtspopulismus versuche, das Gedenken zu delegitimieren – durch Begriffe wie „Schuldkult“ oder Forderungen nach einem Schlussstrich.
Dem will das Museum in Weimar eine andere Haltung entgegenstellen: Eine kritische, auf gesellschaftliche Verständigung zielende Erinnerungskultur. „Unser Grundgesetz ist eine direkte Folge der NS-Verbrechen“, sagt Schlüter. „Und das Thema Zwangsarbeit eignet sich besonders, um die gesellschaftliche Verankerung von NS-Verbrechen und deren Aktualitätsbezüge aufzuzeigen.“ Denn wenn heute wieder Menschen nach ökonomischer Nützlichkeit bewertet werden – etwa im Asylrecht –, werde deutlich, wie dringend die historische Reflexion gebraucht wird.
Weimar beleuchtet lange verschwiegene Lebensgeschichten
Die Veranstaltung „Befreit. Und dann?“ am 19. Juni bietet eine gute Gelegenheit, jenseits von Fakten und Zahlen über Lebenswege nach 1945 ins Gespräch zu kommen. Sie rückt eine bislang marginalisierte Perspektive in den Mittelpunkt – und erinnert daran, dass die Geschichte der NS-Zwangsarbeit nicht mit der Befreiung endete.

2020 startete Gesprächsgast Patrick Figaj das Projekt „Tadschu“. Es ist die Aufarbeitung der Geschichte seines Großvaters, der aus Polen stammte, in Deutschland ziviler Zwangsarbeiter war und später als heimatloser Ausländer in der Nähe von Mannheim lebte. FORUM-2024-Zwangsarbeit-als-Firmengeschichte-Foto-Kathleen-Boettcher
Zwangsarbeit in Weimar: Geschichte als Gegenwart denken
Mit ihrer Verbindung von Forschung, biografischer Erzählung und gesellschaftspolitischer Relevanz zeigt die Reihe exemplarisch, warum das Museum für Zwangsarbeit in Weimar ein so wichtiger Ort geworden ist: nicht nur als Erinnerungsort, sondern als Impulsgeber für ein gemeinsames Nachdenken über Verantwortung, Geschichte und Gegenwart.
Hard Facts:
- Befreit. Und dann?:
- Wann: 19. Juni | 18.30 Uhr
- Wo: Boris-Romantschenko-Saal im Museum für Zwangsarbeit in Weimar | Eintritt: frei
- Mehr Informationen findest du Hier:
