Ein feministischer Raum, vier Künstlerinnen, ein politischer Anspruch – und ein Flash-Day für den guten Zweck: Am 7. März öffnet das Erfurter Tattoo-Studio „yeahBABY!“ seine Türen für einen Aktionstag, der Körper, Kunst und Haltung auf einzigartige Weise verbindet.
Flash-Day im Tattoo-Studio yeahBABY! in Erfurt
yeahBABY! ist mehr als ein gewöhnliches Tattoo-Studio: Wie Studio-Mitbegründerin Jule Großmann alias Linienliebe erklärt, versteht sich yeahBABY! nicht nur als Ort für Tätowierungen, sondern als bewusst feministischer Raum und Safer-Space. Jule aka Linienliebe, Juliane alias Hobocat, Anna aka sixtyseconds.ink und Celine alias Mania Eudaimonia – das Studio ist wohl das einzige feministische Tattoo-Studio in Thüringen, mit vier Tätowiererinnen, die sich hier klar politisch und ästhetisch positionieren.
Tattoos, feministische Praxis und ein Aktionstag in Erfurt
Deshalb nutzen die vier gerne Aktionstage, um mit ihrer Kunst auch etwas Gutes zu bewirken. Der Frauenkampftag am 8. März ist also der perfekte Aufhänger für ein Unterfangen, das unter die Haut geht. Beim sogenannten „Flash-Day“ am 7. März werden vorab entworfenen Motiven tätowiert, die feministische Themen sichtbar machen. Die Hälfte des Erlöses geht an die NaturFreunde Thüringen, genauer an Leila, eine Frau mit Migrationserfahrung, die ehrenamtlich aktiv mit dem ,,Projekt für Frauen mit Fluchterfahrung“ ist. Sie schafft für Frauen, die auch von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, einen geschützten Raum.
Es ist ein Projekt, das alle vier Tätowiererinnen berührt und das perfekt zu yeahBABY! passt, weil sie Feminismus auch im Studioalltag leben. „Körperautonomie ernst nehmen und mit klarem Konsens arbeiten“, steht für Linienliebe im Fokus. Tätowieren ist für die Erfurterin keine bloße Dienstleistung, sondern Arbeit „mit und am Menschen“, die Respekt, Einfühlungsvermögen und informierte Einwilligung brauche.
yeahBABY! definiert feministische Tattoo-Kunst neu
Gerade weil Nähe unvermeidlich ist, setzt die Tätowiererin auf klare Kommunikation, genderinklusive Sprache und Grenzen gegenüber sexualisiertem Verhalten. Ziel sei ein möglichst diskriminierungsarmer Raum, in dem sich besonders FLINTA*-Personen sicher fühlen können. „Viele Kund*innen wissen nicht, dass sie jederzeit Bedenken äußern oder eine Sitzung beenden können – wir versuchen zu zeigen, dass jedes Gefühl valide ist“, fügt Jule an.
Ein Gefühl von Gemeinschaft und respektvollem Miteinander
Auch die Auswahl der Motive für den Flash-Day ist bei Linienliebe politisch aufgeladen. So entwirft sie gezielt Bilder mit Botschaft. Etwa ein Gesäß mit der Aufschrift „my ass my rules“ – ein Statement für Selbstbestimmung über den eigenen Körper, denn die Kund*innen sollen das Studio „gestärkt, selbstbewusst und selbstermächtigt“ verlassen, mit dem Gefühl, sich selbst etwas Gutes getan zu haben.
Im „yeahBABY!“-Team wird Feminismus nicht nur als Haltung, sondern als Praxis verstanden. Die zweite Studio-Mitbegründerin Juliane alias Hobocat beschreibt ihre Arbeit im feministischen Umfeld deshalb als „klare Positionierung gegen strukturelle Ausschlüsse in der lange männlich geprägten Tattoo-Szene“. Für sie bedeutet das vor allem Sicherheit und gegenseitige Aufmerksamkeit: „Idealerweise nehmen Besucher*innen ein Gefühl von Gemeinschaft und respektvollem Miteinander mit.“ Ihre Flash-Motive müssen handwerklich umsetzbar sein, zum eigenen Stil passen und zeitlich realistisch bleiben – politische Haltung und Professionalität schließen sich bei ihr nicht aus.
Flash-Day verbindet Kunst und Aktivismus in Thüringen
Auch Anna alias sixtyseconds.ink betont, dass Tätowieren in diesem Kontext mehr als Technik oder Kunst sei: „Ich würde behaupten, dass mich dieses Umfeld sehr empowert und gestärkt hat. Durch den Austausch mit Frauen und FLINTA*-Personen in der Branche, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, habe ich mich verstanden und ernst genommen gefühlt. Meine Arbeit ist dadurch nicht nur handwerklich, sondern auch sozial und politisch aufgeladen.“
Selbstbestimmung, feministische Haltung und politische Kunst
In einem FLINTA*-Umfeld habe sich ihr Blick auf Körper, Geschichten und Grenzen verändert. Tätowieren werde zur Care-Arbeit, zur Unterstützung von Selbstbestimmung. Sie wünscht sich, dass Besucher*innen am Ende des Tages nicht nur ein Motiv, sondern eine positive Erfahrung mitnehmen: „Idealerweise gehen sie mit Zufriedenheit – sowohl mit sich selbst als auch mit dem eigenen Körper – nach Hause“, bemerkt Anna.
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Auch Celine alias Mania Eudaimonia versteht yeahBABY! als Gegenmodell zur traditionellen Szene. Für sie ist es „nicht nur ein Tattoo, sondern auch Care-Arbeit und das Einstehen für eine politische Position. Teil eines von Frauen geführten Studios zu sein, bedeutet für mich, der tradierten Kunst- und Tattooszene, welche von männlichen Artists dominiert wird, ein Gegenmodell zu bieten.“
Wie Tattoos in Erfurt politisch aufgeladen werden
Ihre Kunst beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld zwischen normativer Schönheit und dem, was oft als „hässlich“ gilt. In einem feministischen Umfeld sei es einfacher, solche Normen aufzubrechen: „Was Menschen als schön empfinden, ist keine feste Definition – es ist eine persönliche Empfindung“, betont Celine. Ihre Flash-Motive sollen deshalb sowohl technisch geeignet sein als auch die gemeinsame feministische Haltung widerspiegeln.
Tätowieren als körperliche, soziale und politische Praxis
Der Flash-Day im „yeahBABY!“-Tattoo-Studio in Erfurt am 7. März wird so mehr als ein Sondertermin im Kalender. Er ist Ausdruck einer Arbeitsweise, die Tätowieren als körperliche, soziale und politische Praxis begreift. Vier Künstlerinnen, ein Studio, ein gemeinsames Ziel: einen Raum zu schaffen, in dem Kunst unter die Haut geht – und Haltung gleich mit.
Hard Facts:
- 7. März | 10-18 Uhr – mit vorab Terminvergabe, genauere Infos bei Instagram
- Wo: yeah BABY! Tattoo-Studio – Nordhäuser Str. Erfurt
- Linienliebe, Hobocat, sixtyseconds.ink, Mania Eudaimonia











