Anders als Text sind Fotografien ein deutungsoffenes Kommunikationsmittel, lösen beim Betrachten unterschiedliche Emotionen aus, lassen die Gedanken kreisen. Das Medium fasziniert die weit gereiste Erfurterin Nora Klein seit jeher, die letztes Jahr in Zusammenarbeit mit der Journalistin Sonja Hartwig ein aufsehenerregendes Fotobuch veröffentlichte: Für das Langzeitprojekt „Wer bist du, Tod?“ besuchte das Duo, das sich seit einer gemeinsamen Zeit in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kennt, insgesamt acht sterbende Menschen deutschlandweit.
Wer bist du, Tod?
Unter ihnen war auch eine ältere Dame namens Marianne, die sich im Palliatus Hospiz in Weimar vom Leben verabschiedete – alleinstehend ohne Angehörige, aber nicht allein, sondern liebevoll umsorgt. Wie die anderen Portraitierten kommt sie ausführlich zu Wort und legt direkt das tabuisierte Dilemma offen: „Nur nicht über den Tod sprechen! Man sagt stattdessen irgendwann: Frau Soundso ist gestorben. Damit ist es erledigt.“
Acht Jahre Arbeit für ein Foto-Buch
Wie die meisten Menschen hat sich auch Nora Klein lange Zeit keine Gedanken übers Sterben gemacht: „Ich habe so gelebt, als würde es immer so weitergehen. Doch dann bin ich mutig vorangeschritten und habe mich ehrenamtlich am christlichen Hospiz ‚St. Martin‘ in Erfurt engagiert. Später habe ich dann eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin gemacht. Im Umgang mit todkranken Menschen habe ich eine große Lebendigkeit erlebt, eine große Tiefe in den Gesprächen“, erinnert sich die heute 41-Jährige.
Zuvor hatte sie beim Bildband „Mal gut, mehr schlecht“ zum Thema Depressionen mit Sonja Hartwig zusammengearbeitet, die die Essenz aus oft stundenlangen Sprachaufzeichnungen von Betroffenen destillierte. Nora Klein informierte anschließend mit einer Betroffenen in Vorträgen in ganz Deutschland über das Thema. So musste Nora Klein für das existenzielle Fragen berührende Nachfolgeprojekt keine große Überzeugungsarbeit leisten. Mit Fördermitteln von der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen und der Stiftung Kulturwerk der VG Bildkunst stürzten sie sich 2017 gemeinsam in die Arbeit und traten zunächst an ambulante und stationäre Hospizdienste heran.
Intime Einblicke in die individuelle Gedankenwelt
„Es waren lange Kommunikations- und Abstimmungsprozesse, die von Vorgesprächen über die Einreichung eines Exposés mit der Vorstellung des Projekts bis hin zu Kontakt mit den Sterbenden und ihren Familien reichten, die dafür natürlich auch offen sein mussten“, erinnert sich Nora Klein. Die im Buch vorgestellten Personen wurden einzeln in regelmäßigen Abständen immer wieder besucht – und nur eine Person zur selben Zeit. Das erklärt die lange Entstehungszeit von insgesamt acht Jahren. Das Ergebnis sind intime Einblicke in die individuelle Gedankenwelt und in den Alltag der Sterbenden.
Einfache Dinge schätzen lernen
Eine Begegnung mit Ulrike, die durch ihre Leukämie-Erkrankung körperlich stark eingeschränkt war, ist Nora Klein besonders in Erinnerung geblieben. „Wir haben uns einmal zusammen in einem Café getroffen und sie bestellte sich einen Eiskaffee. Das klingt erst einmal alltäglich – aber sie hat ihn auf eine ganz besondere und intensive Weise genossen und sich über diesen Ausflug sehr gefreut. Die große Dankbarkeit, mit der sie diese einfachen Momente zu schätzen wusste, das Wenige, was für sie möglich ist, hat mich persönlich sehr berührt.“
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Die studierte Fotojournalistin begleitete nicht nur die Sterbenden in ihrem Umfeld fotografisch, sondern hielt zudem medizinische Hilfsmittel oder die Umgebung mit ihrer Kamera fest. Auch abstrakte Fotografien wie aufsteigender Rauch oder ein Streifen zarter, grüner Blätter in Form von Flügeln sind unter den über 100 Fotos im Buch zu finden. „Der Tod und das Sterben sind ungreifbar, unkontrollierbar und wir assoziieren damit Begriffe wie Aura, Unendlichkeit, Wiedergeburt, natürlichen Kreislauf oder die Veränderung eines Zustands, den Übergang in eine andere Dimension. Diese abstrakte Ebene wollte ich visuell einfließen lassen.“
Nora hat weniger Angst vorm Tod
Nora Klein selbst hat während des Langzeitprojekts auch viel über sich selbst gelernt – und begonnen für den Fall ihres Todes wichtige Entscheidungen zu treffen. Sie hat sich Gedanken gemacht, wo sie bestattet werden möchte, und ist mit ihrem Partner ins Gespräch gekommen über das Thema Organspende. „Das sind Entscheidungen, die sonst die Angehörigen treffen müssen und bei ihnen für Stress sorgen, weil sie oft nicht wissen, wie der oder die Verstorbene es gewünscht hätte. Meine Angst vor dem Tod hat sich jedenfalls durch das Projekt etwas verkleinert.“
Hard Facts:
- „Wer bist du, Tod?“ (Verlag: Hartmann Books, Preis: 34,- Euro) wurde mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet und ist inzwischen vergriffen. Letzte Exemplare sind in der Kunsthalle Erfurt erhältlich.
- Weitere Informationen zu den Projekten unter www.wer-bist-du-tod.de und www.malgutmehrschlecht.de.




