K.o.-Tropfen. Vergewaltigungsdroge. Knockout-Tropfen. Egal wie sie genannt werden – sie sind Realität und eine Gefahr für Menschen, insbesondere im Partykontext, wo sie schnell und unbemerkt in Drinks gelangen können. Die Tropfen – in der Regel handelt es sich dabei um die Droge Gamma-Hydroxybutyrat (GHB), auch bekannt als Liquid Ecstasy, oder deren Vorstufe Gamma-Butyrolacton (GBL) – wirken schnell und setzen die betroffenen Personen binnen kürzester Zeit außer Gefecht.
Welche Signale auf K.o.-Tropfen hindeuten können
Auch Thüringer:innen sind vor dem Betäubungsmittel nicht gefeit. So sollen erst vor wenigen Tagen einer jungen Frau auf einem Festival in Lauchröden (Wartburgkreis) K.o.-Tropfen verabreicht worden sein. Die Polizei ermittelt und mahnt zur Vorsicht.
Auch das Veranstaltungsteam des Medival, wo es zu dem Vorfall gekommen sein soll, warnt und verurteilt „den Missbrauch der Substanzen aufs Äußerste“, wie es in den sozialen Medien heißt. „Unser Festival ist in diesem Sommer nun schon die zweite Veranstaltung im Wartburgkreis, bei der es einen Verdacht auf K.o.-Tropfen gegeben hat“, schreiben die Festival-Organisator:innen auf Instagram.
K.o.-Tropfen: Wenn der Clubbesuch zur Bedrohung wird
Auch im Club Kalif Storch in Erfurt soll es bereits zu Verdachtsfällen gekommen sein. Bereits im vergangenen Jahr warnte das Team des Kulturortes vor den geruch- und geschmacklosen Tropfen, die besonders im Partykontext schnell und unbemerkt in offene Getränke gelangen können. Wir sprachen deshalb mit Sarah Wolfram, der Awareness-Koordinatorin des Kalif Storch.
Im ersten Teil unseres Interviews klärt sie über reale Erfahrungen, Unsicherheiten und Warnsignale auf. Wie erkennt man mögliche Fälle – auch wenn Betroffene selbst es oft nicht merken? Und was kann helfen, gefährliche Situationen frühzeitig wahrzunehmen? Ein Gespräch über das, was oft im Verborgenen bleibt – und warum genau deshalb hingeschaut werden muss.
Das Thema K.o.-Tropfen bleibt oft im Verborgenen, obwohl es viele betrifft. Wie häufig kamen solche Vorfälle denn schon im Kalif vor? Und wie erkennt Ihr, dass es sich darum handeln könnte?
Glücklicherweise sind uns im Kalif Storch nur wenige Vorfälle bekannt, bei denen der Verdacht auf K.o.-Tropfen bestand. Es kommt also nicht häufig vor – aber wenn es passiert, ist es natürlich sehr ernst zu nehmen. Wir hatten einzelne Situationen, in denen Personen plötzlich und ohne erkennbaren Grund sehr stark beeinträchtigt wirkten – beispielsweise ungewöhnlich benommen oder desorientiert, obwohl laut ihren Freund:innen oder auch nach eigenen Angaben nur wenig Alkohol konsumiert wurde. Oft wird beschrieben, dass der Zustand „von jetzt auf gleich“ gekippt ist – das kann ein Hinweis auf K.o.-Tropfen sein.
Auerworld-Festival startet nahe Apolda mit Details fernab des Mainstreams
Typische Anzeichen können unter anderem sein: plötzliche starke Übelkeit, Erinnerungslücken, Kreislaufprobleme oder ein „weggetretener“ Zustand. Es ist wichtig zu betonen, dass diese Symptome nicht eindeutig beweisen, dass K.o.-Tropfen im Spiel waren – sie können auch andere Ursachen haben. Aber genau deshalb ist ein sensibler Umgang so wichtig: Wir nehmen jede entsprechende Wahrnehmung ernst und handeln vorsorglich.
Manche Menschen wissen gar nicht, dass sie schon Opfer geworden sind. Gibt es öfter Fälle, in denen Gedächtnisverlust erst später bemerkt wird und sie sich daraufhin mit Euch in Verbindung setzen?
Bislang hat sich niemand im Nachhinein direkt bei uns gemeldet, um einen Verdacht auf K.o.-Tropfen zu schildern. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass so etwas nicht passiert. Im Gegenteil: Wir gehen davon aus, dass es – wie an vielen anderen Orten auch – eine hohe Dunkelziffer gibt. Denn die Hürde, sich nachträglich zu melden, ist groß. Viele fragen sich: „Bringt das überhaupt noch etwas?“ oder „Was, wenn ich mir das alles nur einbilde?“ Oft ist da auch ein Gefühl von Unsicherheit, Scham oder einfach Sprachlosigkeit – vor allem, wenn man sich an Teile der Nacht gar nicht mehr richtig erinnern kann.
Gerade deshalb ist es uns so wichtig, deutlich zu machen: Auch wenn du „nur“ ein komisches Gefühl hattest oder erst Tage später merkst, dass etwas nicht stimmt – du darfst dich trotzdem melden. Deine Wahrnehmung ist ernst zu nehmen. Es braucht Strukturen, bei denen klar ist: Du musst nicht alles ganz genau wissen oder erklären können – wir sind trotzdem da.
Oft sind die Anzeichen schwer zu erkennen, gerade für Außenstehende. Welche Symptome fallen besonders auf, wenn jemand betroffen ist?
Ja, das ist tatsächlich schwierig – denn oft wirken betroffene Personen einfach nur stark betrunken. Genau das macht es so schwer einzuschätzen. Besonders auffällig ist es aber, wenn sich der Zustand einer Person plötzlich und ungewöhnlich schnell verändert – zum Beispiel von scheinbar nüchtern zu stark beeinträchtigt innerhalb kurzer Zeit.
Weitere mögliche Anzeichen sind: starke Orientierungslosigkeit, Probleme beim Sprechen oder Gehen, extreme Müdigkeit, Übelkeit, Erinnerungslücken oder das Gefühl, „weggetreten“ zu sein. Außenstehende bemerken manchmal auch, dass die Person „nicht mehr richtig ansprechbar“ ist oder nicht mehr klar sagen kann, was passiert ist.
Wichtig ist: Es gibt kein klares Muster, und jeder Körper reagiert anders. Deshalb gilt für uns im Awareness-Team: Im Zweifel handeln wir lieber vorsorglich, nehmen die Person ernst und sorgen dafür, dass sie sich geschützt und begleitet fühlt – ganz unabhängig davon, was genau die Ursache ist. Denn auch ohne Gewissheit hat jede Person in so einer Situation ein Recht auf Unterstützung.
Manche Situationen bergen ein erhöhtes Risiko, das viele nicht bewusst wahrnehmen. Welche Warnsignale oder Situationen sollte man besonders im Blick behalten?
Es gibt bestimmte Situationen, in denen das Risiko für übergriffiges Verhalten oder den Einsatz von K.o.-Tropfen steigt – oft ohne dass es den Beteiligten direkt auffällt. Dazu gehören zum Beispiel: Wenn jemand ungewöhnlich schnell betrunken wirkt – besonders wenn wenig Alkohol konsumiert wurde oder der Zustand plötzlich umschlägt. Wenn eine Person sehr anhänglich oder übergriffig wird, etwa ständig zum Trinken animiert oder darauf besteht, jemandem etwas auszugeben – besonders wenn das Getränk schon geöffnet oder unbeaufsichtigt war.
Wenn jemand von der Gruppe getrennt wird oder allein unterwegs ist, z. B. nach einem Streit oder weil sie/er sich ausruhen wollte. Wenn eine Person versucht, jemanden aus dem Club oder in ruhigere Ecken zu bringen, obwohl die andere Person offensichtlich nicht mehr ganz klar ist. Wenn jemand körperlich sehr beeinträchtigt ist, sich kaum noch äußern kann, stark schwankt oder desorientiert wirkt – und andere das herunterspielen oder die Situation ausnutzen.
Wichtig ist auch: Manche Menschen setzen bewusst auf das Überraschungsmoment – gerade weil viele nicht mit einer Gefahr rechnen. Deshalb kann es helfen, eigene Grenzen und die anderer ernst zu nehmen, Unstimmigkeiten zu beobachten und im Zweifel andere oder das Personal einzubeziehen. Lieber einmal zu viel nachfragen oder Unterstützung holen, als wegzusehen.
