Im Sommer 1897 trifft Marie Seebach in St. Moritz auf die Krankenschwester Lotte Wernitz. Sie bittet Lotte, inkognito in ihrem Heim für mittellose Künstler:innen nach dem Rechten zu sehen. Doch nach Maries plötzlichem Tod übernimmt ihre Schwester Wilhelmine die Leitung des Heims, was zu Spannungen führt, denn sie scheint den alten Herrschaften nicht wohlgesonnen zu sein.
Ein Roman bringt Marie Seebachs Weimar zurück ins Licht
In ihrem neuen Roman „Die Villa in Weimar“ verbindet Michelle Marly historische Fakten mit literarischem Anspruch und erzählt eine Geschichte über Solidarität, Verlust und Hoffnung. Die Premierenlesung findet am 28. Mai in der Buchhandlung Eckermann in Weimar statt. Im Interview sprachen wir mit der SPIEGEL-Bestsellerautorin über Serien-Assoziationen, historische Orte und einer Frau, der tiefe Anerkennung gezollt werden sollte.
Bei Historienroman denke ich sofort an Sendungen wie „Downton Abbey“ oder „Bridgerton“. Geht es Ihnen ähnlich, oder haben sie andere berühmte Filme oder Bücher im Kopf, die ihnen in den Sinn kommen?
Natürlich denkt man heute vor allem an diese beiden Serien, aber es gab da ja auch noch wundervolle Verfilmungen der Jane Austen-Romane, wobei die – und natürlich auch „Bridgerton“ – zu einer anderen Zeit spielen als mein Roman.
Ist das historische Weimar ein Ort, der sie fasziniert?
Nicht nur das historische Weimar fasziniert mich, sondern auch das gegenwärtige. Als ich vor etwa zwanzig Jahren das erste Mal in Weimar war, fühlte ich mich wie in einem Disneyland für gebildete Erwachsene. Voriges Jahr bei meiner Recherchereise wurde ich von einer ganz eigentümlichen Magie erfasst – und ich habe mich in diese Stadt verliebt.
Es ist diese Anhäufung von Kultur aus einem ganzen Jahrhundert, was meines Erachtens so besonders ist, dazu kommt die Lebendigkeit, die von vielen jungen Leuten getragen wird, die heute in Weimar leben und studieren. Das ist toll!
Was macht für sie den Reiz an historischen Romanen aus?
Ich liebe Geschichte, also die historischen Hintergründe. Wir sollten viel mehr darauf achten und daraus lernen. Leider wird das heutzutage gerne vergessen. Und ich liebe die alten Geschichten von realen Persönlichkeiten, die so viel erzählen.
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Was war Ihr erster emotionaler Moment bei der Beschäftigung mit Marie Seebachs Lebensgeschichte – und hat er Eingang in den Roman gefunden?
Ich empfinde eine tiefe Bewunderung für diese Frau. Sie hat unglaublich hart gearbeitet und zu ihrer Zeit ein selbstbestimmtes Leben geführt. Ich hoffe, dass das in meinem Roman zu erkennen ist.
Wie viel dichterische Freiheit ist in „Die Villa in Weimar“ erlaubt – und wo haben Sie sich ganz bewusst an historische Fakten gehalten?
Die Lebensgeschichte von Marie Seebach entspricht den Tatsachen. Die meisten handelnden Figuren sind jedoch erfunden, bewegen sich aber sehr nah an Überlieferungen und tatsächlichen Begebenheiten. Vergessen Sie bitte nicht, dass es ein Roman ist und der natürlich einer gewissen Dramaturgie folgen muss, es ist eben kein Sachbuch.
Sie schreiben über eine Frau, die Künstler:innen ein würdiges Leben im Alter ermöglichen wollte. Was sagt das über ihren Charakter – und wie inspiriert er uns heute?
Die Inspiration sollte sein, Respekt vor dem Alter zu haben. Auch nicht so berühmte Künstlerinnen und Künstler haben in den meisten Fällen eine großartige Lebensleistung vollbracht, die misst sich ja nicht nur am Erfolg. Ich glaube, dass wir gerade in Deutschland einer gewissen Altersgruppe nicht die Würdigung entgegenbringen, die diese Menschen verdienen. In Frankreich etwa – oder in Italien – beobachte ich das anders.
Marie Seebach war ein Weltstar – heute aber weitgehend vergessen. Warum, glauben Sie, geraten gerade Künstlerinnen so oft in den Schatten der Geschichte?
Das liegt an den damals nicht vorhandenen Verbreitungsmöglichkeiten. Marie Seebachs Ehemann etwa war einer der größten Heldentenöre seiner Zeit, ein Freund Richard Wagners, aber wer kennt heute schon den Namen Albert Niemann? Da hatte es Enrico Caruso leichter, weil dessen Karrierebeginn praktisch mit der Erfindung der Schallplatte zusammenfiel.
Sarah Bernhardt, die ein paar Jahre nach Marie Seebach zum Weltstar wurde, war nicht nur eine brillante Schauspielerin, sondern auch eine großartige Werbestrategin in eigener Sache, zudem profitierte sie von ihren Rollen im Stummfilm. Ich glaube also, dass Künstler, die heute noch in irgendeiner Weise durch akustische oder Filmaufnahmen sichtbar sind, deutlicher im Gedächtnis bleiben – das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.
Im Jahre 1937 wurde mit dem Haus II des Marie-Seebach-Stift ein weiterer Bau in der Tiefurter Allee 37 eröffnet, der unter Kuratel von Emmy Göring und dem Protektorat des Nazi-Reichsmarschalls Hermann Göring stand. Was macht das ihrer Meinung nach mit dem Andenken und Werk von Marie Seebach?
Mein Roman spielt 1897 in dem Haus, das Marie Seebach kurz zuvor erbauen ließ. Sie starb im Jahr meiner Handlung, also in dem Jahr, in dem Hitler gerade einmal acht Jahre alt war. Ich sehe daher keinen Zusammenhang zwischen dem Andenken an diese großartige Frau und der Zeit des Nationalsozialismus.
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Für die Recherche meines Romans war es nicht notwendig, in die spätere Geschichte des Stifts einzutauchen, das zweite Haus habe ich auch nur von außen gesehen. Wenn ich es richtig verstanden habe, konnte die Marie-Seebach-Stiftung sowohl während des Nationalsozialismus als auch in der DDR eine gewisse Eigenständigkeit bewahren, aber wie genau jeweils die Personalien waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Zeit von 1933 bis 1990 war nicht mein Thema – und natürlich auch nicht das von Marie Seebach.
Das Heim, das Marie Seebach gründete, existiert noch immer – wie war es für Sie, diesen realen Ort heute zu besuchen?
Es berührte mich, wie hoch das Andenken an die Stifterin gehalten wird. An den Wänden im Eingangsbereich hängen viele Fotografien und Theaterplakate, außerdem sind einige Möbel wohl noch Originalstücke aus ihrer Zeit. Und der künstlerische Aspekt wird noch heute durch Veranstaltungen und Ausstellungen, letztlich auch durch die Auswahl der Bewohnerinnen und Bewohner aufrechterhalten. Der Besuch des realen Schauplatzes eines Romans ist aber immer besonders, meines Erachtens nach können auch Steine Geschichten erzählen – und deshalb schreibe ich übrigens historische Romane.
Wenn Sie Marie Seebach heute begegnen könnten – was würden Sie sie fragen?
Ich würde sie fragen, wie sie ihr Pensum durchstehen konnte. Ich meine, abends aufzutreten und nach der Vorstellung in eine Kutsche zu springen, um an einen anderen Ort und ein anderes Theater zu fahren, wo am nächsten Tag die nächste Vorstellung ansteht, muss Mitte des 19. Jahrhunderts unglaublich anstrengend gewesen sein. Tourneen sind heutzutage schon nicht immer einfach, aber mit den Verhältnissen damals natürlich überhaupt nicht vergleichbar.
Hard Facts:
- „Die Villa in Weimar“ erscheint am 27. Mai
- Buchpremiere: 28. Mai | Buchhandlung Eckermann in Weimar
- Weitere Infos zur Autorin: www.michelle-marly.com
