Als Sibylle Grundeis und ihr Sohn einmal Hausaufgaben erledigen wollten, deutete der Junge vehement nach draußen. Widerwillig folgte die Mutter seinem Insistieren und sah, wie die untergehende Sonne den Horizont in Rosa tauchte. „Ein wunderbarer gemeinsamer Moment, den mein Sohn und ich in diesem Augenblick geteilt haben und der zeigte, wie wichtig eigene Gedanken manchmal sein können“, so die Jenenserin.
Kunsthandwerk in Thüringen: JenCeramics in Jena
Die Künstlerin belegte den dritten Platz beim Stadt Lab-Ideenwettbewerb und erhielt damit den Zuschlag für ein kleines Geschäft in der Unterlauengasse, wo sie seit Juli 2025 ein Keramikstudio betreibt. Doch in dieser Alltagsepisode steckt mehr: Die innere Auseinandersetzung zwischen normierter Pflicht und künstlerischer Selbstentfaltung bestimmte bis vor Kurzem ihr Leben.
Zeichnen als Zufluchtsort
Sibylle Grundeis nahm gern Stifte und Pinsel in die Hand, als ihre Familie sie zu guten Leistungen in der Schule drängte. „Kunst war schon früh mein Zufluchtsort. Hier musste ich nicht ‚funktionieren‘, sondern durfte auch mal Fehler machen und in meinem eigenen Tempo lernen“, blickt sie heute darauf zurück. „Ich bin ein visueller Mensch, habe schon damals bewusst beobachtet, genau hingeschaut und konnte mich völlig in eine Zeichnung vertiefen und alles um mich herum vergessen.“
Sie begann in ihrer Freizeit zu zeichnen. Künstlerisch zu arbeiten wurde ein Teil ihrer Persönlichkeit, denn sie wusste schon früh, dass sie ein anderes Leben führen wollte. Die selbstbewusste Kreative wollte ausbrechen aus dem Korsett mit klassischen Rollenverteilungen und sicherem Job, die der künstlerischen Seite die Luft zum Atmen nehmen.
Inspiration durch eine Keramikkünstlerin
Die Ausbildung und der Einstieg ins Berufsleben war für Sibylle Grundeis zunächst eine Gratwanderung. Neben ihrem Studium der Freien Kunst an der Bauhaus Universität Weimar und der ISIA in Florenz, in dem sie bereits zahlreiche grafische Arbeitsmethoden und verschiedene Druckverfahren anwandte und einen künstlerisch-gesellschaftskritischen Blick entwickelte, war ihr Staatsexamen und ihre anschließende Arbeit als Kunstlehrerin am Gymnasium ein Kompromiss.
Atelier und Kursraum auf kleinem Raum
„Das Unterrichten empfand ich als erfüllend, aber das Schulsystem selbst ist zu stark reglementiert und zu wenig schülerzentriert“, fasst die Jenenserin ihre Erfahrungen zusammen. Sie mietete ein kleines Atelier in der Kulturfabrik Apolda, wo sie sich im Atelierverband schnell zuhause fühlte. Durch den Austausch mit ihrer Atelier-Nachbarin, der Keramikkünstlerin Susanne Worschech, fand sie zum Werkstoff Ton. „Das Material hat etwas Archaisches an sich, weil es direkt aus der Erde kommt. Es ist anschmiegsam und weich und wird warm, wenn es mit den Händen geformt wird. Das ist ein wunderbares Gefühl.“

Foto: Matthias Eckert
So fertigte sie neben ihrer Arbeit als Lehrerin erste Schmuckstück-Unikate und seit 2019 Keramikstücke in dezentem grünem Farbspektrum mit klaren Linien und Flächen, mit denen sie auch auf Kunstmärkten gut ankam. Als die Kulturfabrik Apolda Ende 2024 schloss, tat sich mit der Ausschreibung zum Jenaer StadtLab-Ideenwettbewerb eine neue Chance auf: Ein offenes, künstlerisches Keramikstudio mit sichtbar gemachten Arbeitsprozessen gab es bis dahin im Zentrum der Saalestadt nicht – und sie belegte mit diesem Konzept den dritten Platz.
Sibylle Grundeis bringt kreative Keramikkunst nach Jena
Seit Juli betreibt sie mit JenCeramics ihren kleinen, gerade einmal 13 Quadratmeter messenden Atelierladen in der Unterlauengasse. Seit Oktober bietet sie auch Töpferkurse an und ist nun komplett selbstständig, ohne absichernden „Brot-Job“. Mit drei Kindern in einer Patchworkfamilie ein Wagnis, aber Sibylle Grundeis hat mit nunmehr 41 Jahren und Ein-Frau-Unternehmerin zu ihrer Berufung gefunden.
JenCeramics bringt neue Kunstideen nach Thüringen
Ihre Entwicklung ist jedoch noch nicht zu Ende. „Ich sehe mich hier in drei verschiedenen Rollen. Durch die Keramik bin ich bereits Kunsthandwerkerin. Seit Kurzem bin ich auch Kursleiterin und ich möchte als nächstes meine künstlerischen Projekte weiterentwickeln“, blickt sie in die Zukunft. Durch das große Schaufenster, in dem sie regelmäßig beim Arbeiten beobachtet werden kann, lädt ihr Laden, Atelier und Kursraum mit familiärer Atmosphäre jedenfalls zum Erleben von Keramik ein.
Hier findest ihr das Atelier:
- Wo: Saalstraße 9, Ecke Unterlauengasse | Jena
- Öffnungszeiten: 9.30 bis 15 Uhr (Mo, Mi, Do, Fr) | Freitag zudem 16.30 bis 19.30 Uhr
- Event: 22. November, 14-19 Uhr | Vorfreude – Kunst, Handwerk und Wein | Lichtenhainer Str. 6, Jena
- Weitere Einblicke und Infos bei Instagram
- Hier geht es zu den Keramikkursen
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