Plötzlich fällt Karl alles wieder ein. Der Sommer 1943. Der Frust über die deutsche Niederlage bei Stalingrad. Und die todesmutige Idee, Hitler zu stürzen. Karl und seine Schulfreunde verteilen Flugblätter gegen die Nazis, werden von der Gestapo verhaftet und eingesperrt. Mit Glück entgehen sie der Todesstrafe.
Karl Metzner: Vom NS-Widerstand zur DDR-Kirche
Das alles ist fast 20 Jahre her. Aus dem Teenager Karl ist ein erwachsener Mann geworden. Als Pfarrer kümmert er sich um eine kleine Gemeinde in der DDR. An damals denkt er kaum noch. Bis zu dem Tag, an dem er nach Berlin fährt und Bekanntschaft mit einem Stasi-Mitarbeiter macht. Der stellt ihn vor eine schwere Entscheidung …
Guter Cliffhanger, oder? Wer die Geschichte von Karl erfahren will, gar sehen, sollte sich den 29. März im Kalender ankreuzen. Ab 18 Uhr stellen Jochen Voit und Zeichner Hamed Eshrat die Graphic Novel „Nieder mit Hitler! oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ in einer Comiclesung im Theater Erfurt vor. Wir sprachen mit Voit über das Werk und eine etwas andere Lesung.
Was hat Sie dazu bewogen, diese Geschichte als Graphic Novel umzusetzen?
In dem Augenblick, als mir Karl Metzner diese unglaubliche Geschichte erzählt hat, war mir klar: Diese Story müssen wir unbedingt in vielfältiger Weise erzählen. Also wissenschaftlich fundiert, aber auch möglichst populär als Film und als Comic. Die Erfurter Jungs hatten ja damals „Nieder mit Hitler“ auf Schutzhütten im Steiger geschrieben. Damit hatten wir auch gleich den Titel gefunden.
Welche Parallelen gibt es zwischen Karls Widerstandsgruppe und der Weißen Rose, in dessen Rahmenprogramm die Lesung in Erfurt ihren Platz gefunden hat? Orientiert sich die Erzählung an den tatsächlichen Ereignissen?
Ich nenne die Erfurter Jugendwiderstandsgruppe manchmal auch die „Kleine Weiße Rose von Thüringen“. Das ist historisch bestimmt nicht ganz korrekt, aber damit will ich veranschaulichen, wie mutig diese fünf Schüler gewesen sind und, klar, sie hatten nicht diesen intellektuellen Background, sie waren 16 Jahre alt, aber sie wollten nichts weniger als Hitler stürzen. Das galt als „Hochverrat“ und darauf stand die Todesstrafe.
Wie unterscheidet sich die Arbeit an einer historischen Graphic Novel von anderen Comics?
Am Anfang steht die Recherche. Wir hatten das Glück, dass der Zeitzeuge Karl Metzner noch lebte und uns die Geschichte erzählen konnte. Übrigens war es einer seiner Klassenkameraden aus der Talschule, Gerhard Laue, der uns darauf aufmerksam machte.
Karl Metzner war viel zu bescheiden, um von sich aus damit rauszurücken. Dann haben wir, zusammen mit Studierenden der Uni Erfurt, Dokumente in Archiven gesucht und gefunden. Es war ein insgesamt dreijähriges Forschungs- und Vermittlungsprojekt, das Annegret Schüle vom Erinnerungsort Topf & Söhne, Christiane Kuller von der Uni Erfurt und ich zusammen durchgeführt haben.
Es entstanden ein Büchlein bei der Landeszentrale für politische Bildung, ein Film für den Schulunterricht, eine Webseite, ein Wikipedia-Artikel und am Ende die Graphic Novel mit dem Berliner Zeichner Hamed Eshrat.
Welche stilistischen oder erzählerischen Entscheidungen waren Ihnen beim Comic besonders wichtig?
Ich hatte die berühmte Szene vor Augen, in der die Weiße Rose ihre Flugblätter durch den Lichthof der Münchner Uni flattern lässt. Die ist ja dank diverser Spielfilme fest im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert. Und wir wussten, dass die Erfurter Schüler ihre Flugblätter aus der Straßenbahn am Domplatz geschmissen haben, und so stand unsere Entscheidung schnell fest, eine ähnlich ikonische Szene zu kreieren. Diese Doppelseite ist für mich der erzählerische Höhepunkt.
Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Ihnen als Szenarist und Zeichner ab? Gab es besondere Herausforderungen in der Aufarbeitung und Darstellung dieses Themas?
Die zwei Zeitebenen zu verzahnen, war sicherlich, die größte Herausforderung. Denn unsere Rahmenhandlung spielt in der DDR der 1960er Jahre, die eigentliche Erzählung aber in der Nazi-Zeit. Hamed Eshrat hat dies durch unterschiedliche Farbgebung gelöst. Natürlich gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen Texter und Zeichner.
Ich muss als Szenarist irgendwann loslassen und darf, sobald die Storyboard-Phase vorbei ist, nicht mehr rummeckern. Sobald es mit den Reichzeichnungen losgeht, sind Änderungswünsche eigentlich tabu, sonst gibt es schlechte Stimmung.
Was können wir aus der Geschichte für den heutigen Umgang mit Demokratie und Widerstand lernen?
Der Untertitel der Graphic Novel spielt auf die sogenannte Radfahrer-Mentalität an: nach oben buckeln und nach unten treten. Das ist eine Haltung, die sich unser Protagonist Karl nie zu eigen gemacht hat. Obwohl er, Fun Fact, großer Fan des Radsports war … Aber Karl hat, um im Bild zu bleiben, den aufrechten Gang in zwei deutschen Diktaturen geübt und ist daher für mich ein echtes Vorbild.
Der Comic handelt von einer Erfurter NS-Widerstandsgruppe. Welche Bedeutung hat er für die Demokratie und Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, vor allem in Thüringen?
Ich glaube, dass wir in Thüringen stolz auf diese Jungs sein können, die so viel riskiert haben im Widerstand gegen die Nazis. In der DDR hat man sie nicht gewürdigt, weil sie keine Kommunisten waren, sondern aus Elternhäusern mit ganz unterschiedlichen politischen Einstellungen stammten.
Heute leben wir in einer Demokratie und sollten uns ihrer erinnern. Seit neustem gibt es übrigens eine schöne Gedenktafel für die fünf am Haupteingang ihrer alten Schule – danke einer Initiative ihres Klassenkameraden Gerhard Laue, der heute noch in Wuppertal lebt.
Wie kann man sich das Zusammenspiel von Text und Bild während der Veranstaltung vorstellen?
Es wird eine interaktive Veranstaltung. Wir lesen eine halbe Stunde mit verteilten Rollen einige spannende Ausschnitte aus dem Comic, dann gibt’s ein kleines moderiertes Gespräch mit dem Publikum, gefolgt von einigen Infos zum historischen Hintergrund und einer unterhaltsam kommentierten Bilderschau zum Making-of.
Hard Facts:
- Lesung in Erfurt
- 29. März, 18 Uhr | Theater Erfurt, STUDIO.BOX
- Tickets: www.theater-erfurt.de
