Interview: Jade Pannier
Nicht zum ersten Mal kündigt die Schlager-Ikone, bekannt durch Hits wie „Wer Liebe lebt“ oder „Und heut‘ Nacht will ich tanzen“, ihren Rückzug an. Doch diesmal, so scheint es, gibt es kein Comeback. Aus der Kunstfigur „Michelle“ ist die gebürtige Baden-Württembergerin Tanja Hewer nach mehr als 30 Jahren herausgewachsen.
Michelle kommt ein letztes Mal nach Erfurt
Seit ihrem 19. Lebensjahr steht sie in der Öffentlichkeit, hat Krisen durchlebt, Kinder bekommen, Promis gedatet und sich im Sinne des Zeitgeists regelmäßig neu erfunden. Das Spiel ist für sie durchgespielt. Auf typische Fragen im Interview reagiert die 53-Jährige gelangweilt, fast schon genervt. Die Entscheidungen, die Bühnenkarriere an den Nagel zu hängen, sei lange gewachsen und könnte einer Midlife-Crisis nicht ferner sein, sagt sie. Eine gute Nachricht für die Thüringer Fans gibt es dennoch.
Besinnlichkeit statt Glamour
Michelle geht, wie sie einst kam: mit einem Knall. Denn ein Abschied wäre kein Abschied, ohne eine letzte große Tour. Auf dem Weg durch insgesamt 20 Konzerthallen in Deutschland und Österreich haben auch die Thüringer Fans Gelegenheit, Lebewohl zu sagen. In der Erfurter Messehalle, wo Michelle mit ihrer einzigartigen Stimme, eingängigen Botschaften und extravaganten Bühnenshows viele Male begeistert hat, will sie am 27. Januar ausgewählte Klassiker sowie Songs ihres Abschiedsalbums „Flutlicht“ ein letztes Mal live spielen.
Die Abschiedstour bedeute der Schlager-Ikone viel. „Die Bühne ist absolut nicht mehr in meinem Universum“, betont sie dennoch. Im Gespräch nimmt der Begriff „Universum“ erheblichen Raum ein. Meditation, Praxis-Zirkel und „Energie-Medien“ geben der Sängerin Ruhe und Sicherheit. Zu Hause habe die Spiritualität die schillernde Schlagerwelt schon lange verdrängt, sagt sie. Zwischen Klangschalen und Waldgeräuschen freut sie sich hier auf ein neues Kapitel. Als Oma, als Hundebesitzerin und vor allem mit Zeit und Energie für eigene Projekte.
Hallo Michelle. Wie geht es dir jetzt gerade und mit welchen Emotionen gehst du in deine letzte Tour?
Die letzte Tour ist schon etwas ganz Besonderes, weil so viele Menschen in den Städten wissen, dass es ihre letzte Möglichkeit sein wird, mich live auf der Bühne zu erleben. Wenn es nach mir ginge, würden wir sechs Stunden spielen, allein um sicherzugehen, dass wirklich jeder seinen Lieblingssong hört und alles dabei ist, was für mich von Bedeutung ist. Fast 34 Jahre Bühnengeschichte in nur zweieinhalb Stunden Programm zu packen ist eine große Herausforderung, aber auch eine schöne.
Bist du aufgeregt?
Oh ja! Ich bin extrem aufgeregt, gerade weil es die letzte Tournee ist. Da wird eine ganz andere Energie im Raum sein als bei jeder anderen Tour, die ich bisher gemacht habe.
Die Liste ist vermutlich lang, aber kannst du einen Song nennen, der für dich unbedingt dabei sein muss?
Da muss ich dich enttäuschen, das kann ich wirklich nicht. Es gibt keinen einzigen Song, der mich diese ganzen 33 Jahre durchgehend begleitet hat. Ganz am Anfang war da mein erster Song für die ZDF-Hitparade und Schlagerparade „Und heut‘ Nacht will ich tanzen“. Später kam „Kleine Prinzessin“, ein Lied, das ich für mein erstes Kind geschrieben habe und bei dem ich viel über mich selbst gelernt und mich weiterentwickelt habe. Und natürlich der Grand Prix mit „Wer Liebe lebt“. Das ist eine Botschaft, die mich heute immer noch berührt. Jeder dieser Songs symbolisiert eine andere Phase meines Lebens.
Gab es da Phasen, in denen du dich mehr mit Michelle identifiziert hast oder mehr als Tanja, dein Privat-Ich?
Nein, das war tatsächlich immer umgekehrt.
Glaubst du, dass dein Leben ganz normal sein kann, mit einem festen Wohnort und mehr Ruhe?
Ich bin ja im Grunde ein ganz normaler Mensch. Ich habe drei Kinder, wir haben zwei Hunde, einen Haushalt, und ich koche jeden Abend. Es ist wirklich nicht so, dass mein Leben komplett ungewöhnlich ist. Aber das Schönste am Bühnenabschied ist, dass ich nicht mehr, wenn ich sonntags oder montags von einem Auftritt nach Hause komme, schon daran denke, dass ich am Freitag wieder losmuss. Das bald nicht mehr zu haben, schenkt mir unglaublich viel Ruhe und Frieden.
Klingt schön. Gibt es denn eine Aktivität, ein Hobby oder irgendwas Konkretes, das dich nach dieser Tournee bei der persönlichen Entwicklung weiterbringen soll?
Oh ja, natürlich! Es gibt vieles, was ich gerne umsetzen will. Ich plane auch ein großes Projekt, das bald startet. Da bin ich zwar schon mittendrin, aber darüber sprechen kann ich jetzt noch nicht, weil das alles noch in den Kinderschuhen steckt. Generell bin ich kein Mensch, der stillsitzt und nichts tut. Dafür bin ich viel zu aktiv und wuselig. Jetzt kommt die Tournee, und danach nehme ich mir erstmal eine längere Auszeit. Für mich selbst, um wieder bei mir anzukommen. Erst danach beginnt dann das Neue.
Also, ein ganz normales, ruhiges Leben wird es dann doch nicht?
Nicht komplett ruhig, das Projekt wird definitiv da sein. Aber es wird an einem Ort stattfinden, und dieser Ort ist bei uns zu Hause in der Nähe. Es wird nichts mit Hotels zu tun haben, und ich muss auch keine hunderttausend Kilometer im Jahr im Auto zurücklegen. Ich darf endlich Wurzeln schlagen, darauf freue ich mich wirklich von Herzen.
Was bedeutet Alter für dich? Machst du dir da Sorgen oder fällt es dir schwer, älter zu werden?
Nein, überhaupt nicht! Ich habe noch nie Probleme damit gehabt, alt oder älter zu werden. Das gehört einfach zum Leben dazu und ehrlich gesagt möchte ich auch keine 18 mehr sein. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man das Leben einfach lebt und geht, einfach weitergeht. Das gehört dazu, mittlerweile bin ich ja auch Oma – und das ist das Schönste überhaupt.
Was ist das Schönste daran?
Ganz einfach: die Zeit ist das Schönste daran.
Sowas wie eine Midlife-Crisis ist dir dann sicherlich ganz fern. Das kann dir nicht passieren, oder?
Um Gottes willen! Nein, das kenne ich überhaupt nicht. Jeder, der damit zu kämpfen hat, tut mir ehrlich wahnsinnig leid. Dann verfällt man in solche komischen Gedanken und vergisst völlig den Tag zu leben, obwohl man doch eigentlich so viel daraus machen könnte.
Deine Tochter Marie ist ebenfalls Schlagersängerin. Wie fühlst du dich damit, dass sie heute in der Branche aktiv ist?
Ich unterstütze meine Kinder in allem, was sie tun. Wenn Marie sich in der Musik wohlfühlt und glücklich ist, dann stehe ich hundertprozentig hinter ihr. Ich bin stolz darauf, wie sie ihren eigenen Weg geht, sich nichts vorschreiben lässt und konsequent ihr Ding durchzieht. Das ist das, worauf es ankommt.
Da ist sie wahrscheinlich als Tochter von dir besonders gut vorbereitet für die Branche.
Das ist sicher so.
Was sind die ersten drei Stichworte, die dir spontan zu Thüringen einfallen?
Oh, ganz klar: das Publikum. Das ist wirklich einmalig. Die Thüringer feiern einfach die deutsche Musik, sind im Konzert immer dabei und lassen auch Emotionen laufen und fließen. Ich freue mich auf das Konzert am 27. Januar. Ich war ja schon sehr oft in Thüringen.
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Hast du denn ein bestimmtes Erlebnis aus Erfurt oder Thüringen im Kopf, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ja, es gibt tatsächlich ein Erlebnis, das in Erfurt passiert ist. Aber darüber möchte ich heute nicht mehr sprechen.
Ich glaube, ich weiß, was du meinst … der Schwächeanfall?
Ja, genau. Das war damals eine schwierige Zeit für mich. Aber das ist Vergangenheit. Viel wichtiger ist doch, nach vorne zu schauen.
Hast du persönlich einen Bezug zum Bundesland? Bist du ein bisschen rumgekommen, kennst du dich aus?
Ganz ehrlich? Nicht wirklich. Auf Tour läuft es ja immer gleich ab: Man fällt praktisch aus dem Tourbus direkt ins Hotel, dann in die Halle, in die Maske, auf die Bühne, ins Bett und dann direkt in die nächste Stadt. Da bleibt keine Zeit, in einem Ort anzukommen oder sich etwas anzusehen. Und im Urlaub zieht es mich meist dorthin, wo die Sonne das ganze Jahr über scheint. Das ist nun mal nicht Deutschland.
Gibt es irgendwelche Orte oder Sehenswürdigkeiten in Thüringen, die du dir gerne noch mal ansehen würdest?
Oh ja, definitiv! Es gibt so viel, was ich mir gerne ansehen würde, wenn ich die Zeit hätte. Aber ich bin wie gesagt auch froh, dass ich bald nicht mehr beruflich reisen muss.
Genießt du längere Urlaubsreisen oder bleibst du grundsätzlich lieber an einem Ort?
Ich werde erst einmal an einem Ort bleiben, um mein neues Leben und das Projekt aufzubauen. Aber nach der Tour steht auf jeden Fall Urlaub auf dem Plan, und darauf freue ich mich sehr!
Verrätst du, wohin es geht?
Auf keinen Fall.
Heißt das Ende deiner Bühnenkarriere auch, dass du gar nicht mehr in der Öffentlichkeit auftrittst?
Mit meinem neuen Projekt werde ich sicherlich das ein oder andere Interview führen, die Menschen da draußen sind doch sehr interessiert daran, wie es nach der Abschiedstour weitergeht. Aber die Bühne ist absolut nicht mehr in meinem Universum.
Ist bei deinem Abschied auch Trauer dabei oder hat das in dem Prozess eine Rolle gespielt?
„Trauer“ ist da nicht das richtige Wort. Für mich ist das eher ein Abschluss von etwas, das ich 33 Jahre gemacht habe, was sich über die Zeit entwickelt hat und gewachsen ist. Der Entschluss ist nicht von heute auf morgen gefallen, sondern schon seit längerer Zeit gewachsen. Natürlich kann man so viele Jahre nicht einfach hinter sich lassen. Es dauert eine Weile, bis das aus meinem Universum raus ist. Aber ich freu mich auf alles, was danach kommt, und werde meine ganze Energie da hinein geben. Das Schöne ist ja: Meine Musik bleibt.
Auf der Bühne bist du für extravagante, schillernde Outfits bekannt. Das ist ja etwas, was man als Privatperson normalerweise nicht so auslebt. Wird dir das fehlen?
Das ist etwas, was mir 100-prozentig nicht fehlen wird.
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Seit wann gehen die Vorbereitungen schon für die Tournee? Seid ihr schon in der heißen Phase?
Wir sind schon seit einem Jahr gedanklich dabei und planen, wie das Bühnenbild aussehen soll und alle möglichen anderen Sachen. Ich bin da doch sehr einfach, weil ich nicht auf dieser Riesenbühne stehe, sondern wirklich live Musik mit Band und Charakter will.
Ist so eine lange Tour mit 19 sehr eng getakteten Konzerten besonders für dich?
Ich muss sagen, das Pensum ist eigentlich noch ziemlich entspannt. Da hatte ich schon weitaus stressigere Tourneen.
Kommt deine Familie mit?
Meine Kinder sind alle schon erwachsen, einige haben bereits ihre eigenen Familien. Klar, die ganze Familie kann ich nicht einfach mitnehmen. Wenn ich in der Nähe bin, dann besuchen sie mich. Beim letzten Konzert ist es mir sehr wichtig, dass meine ganze Familie zusammen ist. Das allerletzte Konzert in Berlin am 15. Februar ist gleichzeitig mein 54. Geburtstag. Ein schöner Abschluss also.
Du hast immer viele Hunde gehabt. Willst du dir jetzt noch mehr Hunde zuzulegen, weil du mehr Zeit hast?
Wir haben zwei Bernhardiner und eine Hündin aus Rumänien, die aber nicht oft im Bild ist, weil sie sehr ängstlich ist. Ich habe jahrelang auch Hunde aufgepäppelt, sie familientauglich gemacht und weitervermittelt. Das liebe ich, aber dafür muss man eben auch die Zeit haben. Ohne Tiere in meinem Leben kann ich gar nicht leben, das gehört für mich immer dazu und wird auch immer dazugehören.
Das klingt nach viel Bewegung. Bei der Tournee kommt bestimmt noch mehr dazu. Machst du sonst Sport und gibt es Sportarten, die du regelmäßig und auch in Zukunft betreibst?
Vor der Tour mache ich nicht mehr Sport als sonst. Es ist nicht so, dass man da extra Training einlegen müsste. Generell ernähre ich mich sehr gesund und achte auf viel Schlaf. Sport brauche ich auch, am liebsten mit Kursen wie „Body-Combat“, „Body Pump“, „Body Pack“.
Gibt es sonst etwas Persönliches, was du bei Tourneen unbedingt mitnehmen musst, damit du dich wohlfühlst und durchhältst?
Durchhalten ist kein Problem, weil mir das ja großen Spaß macht. Ich meditiere vor jedem Auftritt, rufe noch einmal mein geistiges Team in den Raum und wünsche mir, dass wir viel Liebe schenken und dass jeder glücklich nach Hause geht. Das ist so ein kleines Ritual von mir.
Inwieweit warst du beteiligt bei der Auswahl der Songs und der Gestaltung des Bühnenbilds für die Tour?
Ohne mich läuft da nichts. Am Ende bin ich es ja, die auf der Bühne steht. Die Songauswahl würde ich auch nicht komplett in andere Hände geben. Das haben wir im Team besprochen, diskutiert und dann gemeinsam entschieden.
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Wie zentral wird der Schlager in deinem Leben bleiben? Gibt es andere Genres, die du gerade viel hörst?
Zu Hause hören wir gar keinen Schlager, eigentlich gar keine wirkliche Musik, sondern eher Klangschalen, spirituelle Musik, Waldgeräusche. Das hilft, den Kopf freizukriegen und abzuschalten.
Schlager und Spiritualität kombinierst du ja auch in deinen Songs.
Absolut, das ist mir ein wichtiges Anliegen. Ich hätte das gerne noch viel mehr ausgebaut, aber dafür sind die Menschen noch nicht so weit.
Hat sich die Spiritualität auch in deinem neuesten und letzten Album „Flutlicht“ widergespiegelt?
Eher wenig. Es gibt Schlagerfans, bei denen solche Themen auf Resonanz stoßen und die offen dafür sind, aber ich denke, im Grunde ist die Menschheit einfach noch nicht bereit. Der Song „Gespräch mit Gott“ kratzt das Thema zwar an, aber er hat keine dezidiert spirituelle Botschaft. Das wäre, gerade im Schlagerbereich, jetzt noch zu viel des Guten.
Und bist du dann nach der Meditation vor den Auftritten so gelöst und entspannt, dass du gar kein Lampenfieber mehr hast? Hat sich das generell nach all den Jahren aufgelöst?
Das wird sich niemals auflösen und es ist ganz wichtig, dass man das hat. Das ist die Achtung vor dem Publikum.
Michell in Erfurt:
- Wann: 27. Januar
- Wo: Messe Erfurt
- Hier gibt es Tickets!
