Text: Lisa Hilpert
„Drug-Checking kann Leben retten und die Zahl der Drogentoten senken“, erklärte Ende August 2025 der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert. Mit „Drug-Checking“ ist die Möglichkeit gemeint, illegale Drogen vor dem Konsum chemisch untersuchen zu lassen. Wer eine Substanz abgeben möchte, kann dies anonym tun, erhält innerhalb kurzer Zeit ein Ergebnis und wird individuell beraten. Ziel ist nicht, den Konsum zu fördern, sondern Risiken sichtbar zu machen und Menschenleben zu schützen.
Thüringen startet mobiles Pilotprojekt ALIVE
2021 startete Thüringen deshalb als erstes Bundesland in Deutschland ein mobiles Drug-Checking-Projekt. Es trägt den Namen ALIVE, was für Analysebasierte Intervention steht. „Am Anfang war vieles Try and Error“, berichtet Projektleiter Patrick Krauße, bei einem öffentlichen Termin in Erfurt. „Wir mussten Strukturen schaffen, die es so vorher nicht gab.“
Seit 2022 ist das Team regelmäßig auf Festivals unterwegs
Corona verzögerte den Start, seit 2022 ist das Team jedoch regelmäßig auf Festivals, in Clubs und bei Raves im Einsatz. Zwei gut ausgebaute Transporter sind inzwischen das Herzstück des Projekts. Fachkräfte nehmen anonym abgegebene Proben entgegen, analysieren sie und führen persönliche Beratungsgespräche. Konsumierende helfen selbst im Kittel vor Ort mit, die Proben zu analysieren. Innerhalb weniger Minuten erhalten sie Ergebnisse und Hinweise zu möglichen Risiken.
Eine technische Grundlage liefert das Jenaer Unternehmen Miraculix, das schnelle Tests entwickelt hat, mit denen Substanzen auch außerhalb großer Labore zuverlässig geprüft werden können. „Fast niemand möchte sich absichtlich schädigen“, sagt Gründer Felix Blei. „Wenn man weiß, was man konsumiert, verändert das das Verhalten.“
Studien belegen Wirksamkeit der Tests
Am 26. August stellten Vertreterinnen und Vertreter der SiT – Suchtprävention in Thüringen – gemeinsam mit der Charité Berlin im Erfurter Klubhaus Kickerkeller die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Begleitstudie zum Pilotprojekt vor. Die Arbeitsgruppe Psychotrope Substanzen hatte Nutzerinnen und Nutzer zu Konsumverhalten, Motiven und Trends befragt. Das Ergebnis war eindeutig: Drug-Checking sensibilisiert, führt zu bewussteren Entscheidungen und kann Leben retten.
Bewusster Konsum durch Analyse und Beratung
Viele Teilnehmende entschieden sich nach Analyse und Beratung gegen den Konsum oder reduzierten die Dosis. Zudem berichteten sie von einem besseren Wissen über psychoaktive Substanzen und einem reflektierteren Umgang mit dem eigenen Konsum. Trotz dieser positiven Bilanz verwies die Suchthilfe erneut auf die schwierige finanzielle Situation. Denn die Förderung ist nicht dauerhaft gesichert und läuft zum Ende des Jahres aus.
Lage in Thüringen problematisch
„Es geht nicht darum, Konsum zu fördern. Es geht darum, Menschenleben zu retten“, betont Projektleiter Patrick Krauße – ein Satz, den auch die Ergebnisse der Charité-Studie stützen.
Gefährliche Lage in Thüringen
Mehr als 2.100 Menschen starben 2024 in Deutschland nach dem Konsum illegaler Substanzen. Rund 600.000 gelten laut Bundesregierung als problematisch Konsumierende. Besonders deutlich zeigt sich die Lage in Thüringen. In den Abwasseranalysen der EU-Drogenagentur lag Erfurt 2022 neben Chemnitz und Dresden bundesweit an der Spitze beim Nachweis von Methamphetamin.
Früherer Widerstand und heutige Offenheit
Versuche, Drogen anonym testen zu lassen, gibt es in Deutschland seit den 1990er Jahren. Lange stießen sie auf Widerstand bei Politik, Polizei und Veranstaltender.
Heute ist die Offenheit deutlich größer
„Damals hatten viele Clubs und Festivals Angst, dass wir mit der Polizei im Rücken auftauchen oder ihre Events sofort als Drogenorte abgestempelt würden“, erinnert sich Katrin Schnell, Leiterin der SiT. Heute ist die Offenheit deutlich größer. Für Veranstaltende ist Drug-Checking kein Makel mehr, sondern ein Zeichen von Verantwortung. Auch Polizei und Rettungskräfte sehen inzwischen den Nutzen, weil Trends schneller erkannt und Behandlungen besser abgestimmt werden können.
Ein Vorzeigeprojekt mit ungewisser Zukunft
Seit 2021 unterstützt das Land Thüringen das Projekt mit jährlich 120.000 Euro. Diese Förderung läuft Ende des Jahres aus, eine Fortsetzung ist ungewiss. Die SiT hofft, das Angebot nicht nur zu sichern, sondern auch um eine stationäre Anlaufstelle zu erweitern. Solange die Finanzierung nicht verstetigt ist, bleibt Drug-Checking in Thüringen jedoch ein Projekt mit ungewisser Zukunft.
Und das, obwohl Thüringen heute bereits eine Vorreiterrolle einnimmt. Zwar ist Drug-Checking in der Gesundheits- und Sozialpolitik verankert, doch weil es vor allem in Clubs und auf Festivals sichtbar wird, wirkt es auch in den Kulturbereich hinein. Gleichzeitig darf nicht übersehen werden: Drogenkonsum ist kein Randphänomen des Nachtlebens, sondern Teil der gesamten Gesellschaft.
Aufklärung und Verantwortung in allen Lebensbereichen
Sollte es gelingen, Drug-Checking dauerhaft abzusichern, wäre das weit mehr als ein gesundheitspolitischer Fortschritt. Es wäre ein Signal, dass Aufklärung und Verantwortung in allen Lebensbereichen Platz haben – von der Clubkultur bis in den Alltag. Gerade weil andere Bundesländer noch zögern, könnte Thüringen zeigen, dass Sicherheit und Freiheit zusammengehören









