Mira Held ist Genuss-Expertin. Seit mehreren Jahren betreibt sie mit ihrem Partner Flo den Blog „How to Gourmet“ und futtert sich durch Restaurants in Thüringen. In ihrer regelmäßigen Kolumne nimmt sie uns mit auf ihre kulinarischen Abenteuer in Thüringen und gibt Inspirationen für den nächsten Leckerbissen, Wochenendschmaus oder die kleine Alltagsversüßung.
Kulinarische Tradition trifft Innovation in Bad Tabarz
Im Ortsteil Cabarz des Kurortes Bad Tabarz steht ein schmales Fachwerkhaus. Durch die gelblichen Butzenscheiben bricht sich im Inneren das Licht in weichen goldenen Farben und taucht das urige Ambiente in magische Schattierungen. In diesem ganz besonderen Haus mit den niedrigen Decken befindet sich das Restaurant “Anno 1700” – benannt nach dem Baujahr des Gebäudes, in dem es sich befindet.
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„Die deutsche Küche stirbt doch fast aus! Aber das wäre ja schade! Da gibt es so viel zu entdecken!“ Die Begeisterung von Inhaberin Annett Jung ist ansteckend und greift spätestens über, wenn man in ihrem gemütlichen kleinen Restaurant ihre Interpretation von typisch deutscher Küche probiert. Denn langweilig ist es bei ihr nicht.
„Da gibt es so viel zu entdecken!“
Zwar stehen auch Klassiker wie Klöße und Rotkohl auf der angenehm kleinen Karte, aber auch Bärlauchsemmelknödel, Spargelrisotto oder in Filoteig gebackener Ziegenkäse werden angeboten. Es ist eine tolle Balance aus dem, was man aus den typischen Thüringer Restaurants kennt und einer Prise Weltoffenheit und Vielfalt, die neugierig macht.
Anno 1700 in Thüringen feiert die deutsche Küchentradition
Dass diese Frau genug Energie hat, um ein dreihundert Jahre altes Fachwerkhaus eigenhändig zu renovieren, stelle ich nach ein paar Minuten des Gesprächs nicht mehr in Frage. Sie berichtet von der angenehmen Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz; spricht davon, dass es nicht ausbleibt, dass man in einem so uralten Haus ab und an eine Spinne in der Ecke trifft; plaudert über die selbst gehaltenen Schafe und das Sammeln von Bärlauch im Wald.
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Ihre Kartoffeln baut ihr Bruder an. „Früher wurden meine Schwester und ich in der Schule geärgert, weil wir aus einer landwirtschaftlich geprägten Familie kommen – jetzt ist das ja eigentlich Prestige!“, ergänzt sie mit einem Augenzwinkern.
Kurze Transportwege, hohe Qualität und artgerechte Haltung
Bestimmt hat auch dieser frühe Kontakt zur Lebensmittelerzeugung einen Einfluss darauf, dass es Annett Jung sehr wichtig ist, wo ihre Zutaten herkommen. Sie kennt ihre Lieferanten, wählt diese gezielt aus und hat dabei immer kurze Transportwege, hohe Qualität und artgerechte Haltung der Tiere im Blick.
Eine dicke Scheibe köstliches Sauerteigbrot dazu
Auf der Karte steht das, was Saison hat und aus der Nähe kommt. Forellen aus Reinhardsbrunn, Bier von der Heimathafen Brauerei aus Erfurt und Brot von den Teigmachern aus Bad Tabarz. Daraus resultiert ein gleichermaßen bodenständiges wie zeitgemäßes Restaurantkonzept, in dem gute Zutaten die Hauptrolle einnehmen.
Ich würde darauf wetten, dass Ragout Fin eines der Gerichte ist, die am häufigsten auf Thüringer Speisekarten zu finden sind. Gleichzeitig tippe ich, dass es in den allerseltensten Fällen selbstgemacht ist. Ich habe jedenfalls noch nie ein Ragout Fin gegessen, das so schmeckt wie bei Annett Jung.
Bärlauch und Brote: In Bad Tabarz wird’s saisonal lecker
Das Gericht ist hier ganz offensichtlich selbstgemacht, mit gutem Kalbfleisch und Käse, der tatsächlich nach Käse schmeckt. Statt einer traurigen Scheibe Toast, wie sonst so oft, wird eine dicke Scheibe köstliches Sauerteigbrot dazu gereicht. Ich bin begeistert, denn wahrscheinlich sind die meisten Gäste, genau wie ich, so an dieses oft traurige Gedeck aus Ofenförmchen, Zitronenscheibe und Worcestersauce gewöhnt, dass die liebevolle Hausmannskost-Variante irgendwie besonders rührend ist.
Neben dieser klassischen Vorspeise probiere ich auch mit Käse gefüllte Sigara Börek aus knusprigem Filoteig, die ich dick mit einem köstlichen Salzzitronen-Schmand bestreiche. Es gibt außerdem eine tiefgrüne Bärlauch-Kartoffelsuppe und später ein cremiges Spargelrisotto mit einer leichten Zitrusnote.
Kreative Küche im Denkmal aus dem Jahr 1700
Alle Gerichte sind sehr liebevoll auf schönem Geschirr angerichtet und zelebrieren das, was Annett Jung als deutsche Küche beschreibt, nämlich als etwas, das nicht immer rustikal daherkommen muss, sondern durchaus auch ästhetischen Ansprüchen genügen kann. Ich habe einmal mehr das Gefühl hier in einem besonders unterstützenswerten, weil mit viel Hingabe geführten Restaurant gelandet zu sein. Wiederkommen lohnt sich! Ich werde mit Sicherheit mein nächstes Mal so planen, dass ich auch den selbstgebackenen Kuchen probieren kann.
Hard Facts:
- Anno 1700: Inselsbergstraße 83, Bad Tabarz
- Öffnungszeiten: Do bis Sa 14 – 22 Uhr, So 12 – 22 Uhr
- Mehr Infos findest du hier









