Wenn am 26. Juli in Mühlhausen der Christopher Street Day (CSD) stattfindet, dann ist das mehr als nur eine Demonstration für queere Rechte – es ist ein Statement. Ab 13 Uhr startet der Protestzug auf dem Untermarkt, getragen von der Botschaft: Sichtbarkeit schafft Sicherheit. Und dass es diesen CSD in Mühlhausen überhaupt gibt, ist vor allem dem Engagement junger Menschen zu verdanken, die den Kampf für Gleichberechtigung mit Herz und Haltung führen – trotz Anfeindungen.
Zwischen Mut und Angst: Der CSD in Mühlhausen
Organisiert wird der CSD von einem Team aus acht ehrenamtlich engagierten Personen. „Niemand von uns ist im Queeren Zentrum angestellt, wir machen das alles neben unseren Jobs und Ausbildungen“, sagt Luis Ahner, der das Queere Zentrum gegründet und die Idee zum ersten CSD in Mühlhausen eingebracht hat. Für die Demo übernimmt er erneut die Organisationsleitung – und wird damit auch zum Gesicht der Veranstaltung.
Queerer Protest in Mühlhausen wird sichtbar
„Wir haben gemeinsam entschieden, dass es reicht, wenn eine Person mit der Presse spricht. Und ja – ich bin dann eben auch das Gesicht nach außen“, erklärt Ahner. Doch das bringt auch Schattenseiten mit sich: „Leider bedeutet das auch: Nazis kennen meinen Namen und mein Gesicht. Das ist nicht ohne, aber für die Sicherheit der anderen nehme ich das in Kauf.“
Was Luis und sein Team dennoch antreibt? Die Überzeugung, dass Mühlhausen einen CSD braucht – als Ort der Sichtbarkeit, der Solidarität und des Widerstands gegen Hass.
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Der CSD in Mühlhausen findet dieses Jahr zum ersten Mal statt. Wie kommt’s?
Das Ganze nahm vor zwei Jahren Fahrt auf, als ich im Zentrum Mühlhausen angefangen habe. Ich dachte mir: Überall in Thüringen gibt’s CSDs – warum nicht auch hier?
Immer mehr Leute kamen dazu, und zunächst planten wir das Ganze für 2026. Aber Anfang dieses Jahres sagten wir: „Jetzt oder nie!“ Die politische Lage verschärft sich – da müssen wir einfach sichtbar werden. Wer weiß, ob wir im nächsten Jahr überhaupt noch die Möglichkeit dazu haben.
Was erwartet die Menschen am Tag des CSD? Wie sieht Euer Programm aus?
Wir starten um 13 Uhr mit der Eröffnung am Untermarkt. Um 14 Uhr geht’s los mit der Demo – quer durch Alt- und Innenstadt. Gegen 16 Uhr kommen wir wieder am Untermarkt an. Dort gibt’s Verpflegungsstände, eine kleine Bühne, Livebands, einen DJ und Redebeiträge. Also: bunt, laut, politisch und mit guter Stimmung!
Mühlhausen gilt ja eher als ländlich geprägt. Wie erlebt Ihr die Akzeptanz für queeres Leben? Gab’s schon Anfeindungen rund um den CSD?
Die Reaktionen sind ziemlich gespalten. Die eine Hälfte sagt: „Richtig cool, super wichtig!“ – das hören wir auch oft direkt. Aber die andere Seite zeigt sich leider lautstark. Vorletztes Jahr gingen die ersten Anfeindungen los. Wir haben schon mehrere Anzeigen erstattet – wegen Verleumdung, Beleidigungen, Bedrohungen.
Auf Facebook, vor allem im Stadtgespräch Mühlhausen, posten wir unsere Beiträge öffentlich – und dort sammeln sich leider viele Leute, die uns ablehnen, uns drohen oder beleidigen. Auch meine Familie und ich sind betroffen. Ich stehe in der Öffentlichkeit, mein Gesicht ist bekannt – und ja, Nazis wissen, wo ich wohne. Das macht Angst. Aber ich lasse mich davon nicht einschüchtern.
In vielen Städten läuft der CSD mittlerweile unter Polizeischutz. Wie sichert Ihr Eure Veranstaltung ab?
Wir stehen seit Beginn in engem Austausch mit der Polizei und dem Landratsamt. Momentan warten wir noch auf konkrete Rückmeldungen, wie die Polizei vorgehen möchte. Aber wir haben eine starke Ordner:innenstruktur aufgebaut – mit erfahrenen Leuten, die schon viele ähnliche Veranstaltungen begleitet haben. Das war uns wichtig: Profis an Bord zu haben.
Wir behalten uns vor, den CSD abzusagen, falls sich die Sicherheitslage deutlich verschärft. Und wir kümmern uns um sichere Wege – zum Beispiel vom Bahnhof zum Untermarkt, damit niemand allein laufen muss. Es werden auch Einsatzkräfte vor Ort sein. Wir tun alles, damit sich alle sicher fühlen können.
Wie viel Überwindung kostet es, einen CSD unter solchen Bedingungen auf die Beine zu stellen? Und was motiviert Dich ganz persönlich?
Ich bin stur – im besten Sinne. Wenn jemand sagt: „Das wird doch eh nichts“, denke ich nur: „Jetzt erst recht!“ Natürlich ist es eine große Herausforderung, einen CSD zu organisieren. Das ist nochmal eine andere Nummer als unsere queeren Jugendtreffen. Aber für mich ist das eine Herzensangelegenheit.
Und wir erleben so viel Zuspruch – überall, wo ich um Hilfe gebeten habe, kam Unterstützung. Wir wollen Menschen eine Stimme geben. Es wird Zeit, dass Menschenrechte einfach als normal gelten. Punkt.
Warum lasst Ihr Euch nicht unterkriegen? Und was wünscht Du Dir für Mühlhausen und die queere Community im Unstrut-Hainich-Kreis?
Ich wünsche mir, dass sich Stadt und Landkreis viel stärker für solche Veranstaltungen einsetzen. Klar, wir bekommen viel Unterstützung aus der Community – aber die Stadt selbst könnte mehr tun.
Uns geht’s auch darum, Mühlhausen zu beleben – für alle. Das gelingt nicht nur mit Ehrenamt. Wir brauchen öffentliche Räume für Jugendliche, verlässliche Jugendhilfe, langfristige Strukturen. Ideen haben wir viele: Workshops, Projekte, Aktionen. Aber ohne Hilfe können wir das nicht alleine stemmen.
Wird es in Zukunft weitere CSDs in Mühlhausen geben?
Ja – das ist unser Plan! Solange es politisch möglich ist, veranstalten wir den CSD jedes Jahr. Gerade gründen wir einen Verein – das Queere Zentrum Mühlhausen. Damit können wir Fördermittel beantragen, Projekte langfristig sichern und eine echte Anlaufstelle für queere Menschen und ihre Familien bieten. Wir wollen präsent sein, helfen, aufklären und uns gegen Gewalt positionieren.
Warum sollten Menschen aus Thüringen nach Mühlhausen kommen? Dein Appell!
Weil es wichtig ist, das Hinterland nicht zu vergessen! Gerade in ländlichen Regionen fehlt queeren Menschen oft Sichtbarkeit. Wir wollen das ändern. Wir sind viele, wir sind laut, wir sind wichtig – und wir lassen uns nicht kleinkriegen.
Kleine CSDs brauchen Aufmerksamkeit, um zu wachsen. Wir rechnen dieses Jahr mit 300 Teilnehmer:innen – hoffentlich aus ganz Thüringen. Wir wollen uns vernetzen, gemeinsam sichtbar sein. Jede:r fängt mal klein an – wichtig ist, überhaupt anzufangen. Und genau das tun wir. Wir freuen uns auf einen lauten, bunten, starken Tag in unserer Stadt!
Hard Facts:
- CSD in Mühlhausen
- 26. Juli, am Untermarkt Mühlhausen
- Alle Infos zum zum CSD gibts hier
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