Ob als Vergewaltigungsdroge oder Liquid Ecstasy bekannt – K.o.-Tropfen wie GHB oder GBL sind heimtückisch: Sie wirken schnell und setzen Menschen, meist unbemerkt, außer Gefecht. Besonders im Nachtleben ist die Gefahr groß, dass die geruchs- und geschmacklosen Substanzen unbemerkt in Getränke gemischt werden.
Aktuelle Fälle in Thüringen
Auch in Thüringen gibt es aktuelle Verdachtsfälle. Erst kürzlich soll einer jungen Frau auf dem Festival „Medival“ in Lauchröden (Wartburgkreis) K.o.-Tropfen verabreicht worden sein. Die Polizei ermittelt. Laut Veranstalter:innen sei es bereits der zweite Verdachtsfall im Kreis in diesem Sommer, wie auf Instagram zu lesen ist.
Clubs reagieren und klären auf
Auch der Erfurter Club Kalif Storch berichtet von Vorfällen. Bereits 2023 warnte das Team öffentlich vor der Gefahr und sensibilisiert regelmäßig für das Thema. Wir haben mit Awareness-Koordinatorin Sarah Wolfram gesprochen – über Warnzeichen, Unsicherheiten und wie man potenziell gefährliche Situationen frühzeitig erkennt.
Ein Gespräch über eine reale Bedrohung – und darüber, warum Aufmerksamkeit im Nachtleben entscheidend ist. Im zweiten Teil unseres Interviews klärt sie über Aufklärungsarbeit, Prävention und Umgang im Club auf.
Ihr habt das Thema bei Social-Media in einem Post aufgegriffen. Wie kam es dazu? Und gab es Resonanz darauf?
Für uns war schon der bloße Verdacht auf K.o.-Tropfen Anlass genug, aktiv zu werden. Wir wollten nicht abwarten, bis etwas Schlimmes passiert, sondern frühzeitig sensibilisieren – damit Menschen im Zweifel handlungssicherer sind, Betroffene besser unterstützt werden können und vielleicht sogar Situationen verhindert werden, bevor es zu spät ist.
Bisherige Resonanz und gemeinsame Verantwortung
Als ich recherchiert habe, ob es bereits gute Materialien wie Plakate oder Flyer gibt, war ich ehrlich gesagt überrascht, wie wenig Konkretes und gut Nutzbares es dazu gibt – vor allem für den Clubkontext. Deshalb haben wir kurzerhand entschieden: Dann machen wir es eben selbst. Der Social-Media-Post war ein erster Schritt, um öffentlich zu zeigen, dass wir das Thema ernst nehmen. Inzwischen haben wir auch eigene Sticker und Flyer entwickelt, die informieren, sensibilisieren und ganz klar Haltung zeigen.
Uns war dabei auch wichtig, dass nicht nur potenziell Betroffene merken: „Wir sehen dich, wir kümmern uns“, sondern auch potenzielle Täter:innen mitbekommen: „Das Thema ist bei uns präsent – wir sind aufmerksam.“
Resonanz und gemeinsames Engagement
Die Resonanz war bisher verhalten, aber es gab vereinzelte positive Rückmeldungen – zum Beispiel von Gäst:innen, die sich für die Sichtbarkeit des Themas bedankt haben. Wir hoffen, dass noch mehr Clubs und Veranstaltungsorte aktiv werden und das Thema offensiv mitdenken. Unsere Materialien stellen wir gerne zur Verfügung – denn letztlich geht es darum, Verantwortung zu teilen und gemeinsam sicherere Räume zu schaffen.
Vor Ort sind Personal, Security und Awareness-Teams wichtige Ansprechpartner:innen. Welche Aufgaben übernehmen diese im Kalif bei Vorfällen?
Wenn es im Kalif zu einem Verdacht auf K.o.-Tropfen kommt, ist es wichtig, dass verschiedene Bereiche eng zusammenarbeiten. In solchen Situationen zählt vor allem: schnell, sensibel und ruhig zu handeln – ohne die betroffene Person weiter zu verunsichern.
Sicherheitsmaßnahmen und Eingreifen der Security
Das Awareness-Team ist dabei eine zentrale Anlaufstelle. Wir sind für betroffene Personen da, nehmen sie ernst, hören zu und begleiten – je nachdem, was gebraucht wird. Zum Beispiel helfen wir beim Abschirmen, holen ärztliche Hilfe oder organisieren eine sichere Heimfahrt. Wichtig ist: Die betroffene Person gibt das Tempo und die Richtung vor.
Auch das restliche Team ist vorbereitet: Das Personal an Bar, Einlass und Garderobe ist geschult, sensibel zu reagieren, wenn jemand auffällig wirkt oder Hilfe braucht. Über Funkgeräte können sich alle schnell mit dem Awareness-Team oder der Security abstimmen. Wenn z. B. jemand an der Bar plötzlich desorientiert oder ungewöhnlich schläfrig wirkt, kann direkt reagiert werden.
Aufgaben der Security im Ernstfall
Die Security ist ebenfalls eingebunden. Sie kontrolliert nicht nur am Einlass, sondern wird hinzugezogen, wenn es Hinweise auf grenzüberschreitendes oder übergriffiges Verhalten gibt – etwa wenn jemand gezielt andere bedrängt oder belästigt. Im Ernstfall kann sie eingreifen und Maßnahmen ergreifen, etwa wenn eine Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann.
Welche Tipps gebt Ihr, damit Menschen ihre Drinks und sich selbst besser schützen können?
Der wichtigste Tipp: Achtet auf eure Getränke und lasst sie nicht unbeaufsichtigt stehen – egal, ob auf der Tanzfläche, an der Bar oder auf der Toilette. Ein offenes Getränk, das nur kurz irgendwo abgestellt wurde, sollte im Zweifel lieber weggeschüttet werden.
Auch wenn es gut gemeint ist: Selbst Drinks von Freund:innen sollten nur dann angenommen werden, wenn man wirklich sicher ist, woher das Getränk kommt. Und Angebote wie „Probier mal von meinem Drink“ – besonders von Fremden – sollte man konsequent ablehnen.
Aufeinander achten und Veränderungen ernst nehmen
Darüber hinaus kann es helfen, aufeinander zu achten: Wenn du mit einer Gruppe unterwegs bist, verabredet euch im Vorfeld, wie ihr euch im Blick behaltet oder was ihr tut, wenn jemand plötzlich sehr anders wirkt als sonst. Körperliche oder mentale Veränderungen sollten immer ernst genommen werden – auch wenn sie nicht sofort erklärbar sind.
Information und Aufklärung müssen sensibel, aber deutlich sein. Wie kann man das Bewusstsein für K.o.-Tropfen erhöhen, ohne unnötige Angst zu verbreiten?
Unser Ziel ist es nicht, Angst zu machen – sondern Handlungssicherheit zu geben. Aufklärung über K.o.-Tropfen bedeutet für uns: verständlich, zugänglich und in einer Sprache zu kommunizieren, die nicht abschreckt, sondern stärkt. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen – ohne zu verunsichern, sondern mit dem Fokus darauf, was jede:r tun kann, um sich und andere zu schützen.
Das gelingt am besten, wenn wir konkret und lösungsorientiert bleiben. Zum Beispiel durch Hinweise, worauf man achten kann, was im Ernstfall hilft und an wen man sich wenden kann. Gleichzeitig wollen wir signalisieren: Du bist nicht allein, und es ist okay, nicht alles sofort einordnen zu können.
Gemeinschaftliche Verantwortung im Club
Wichtig ist auch, die Verantwortung nicht nur bei Einzelpersonen zu lassen. Es braucht eine Atmosphäre, in der Solidarität, Aufmerksamkeit und gegenseitige Unterstützung ganz selbstverständlich dazugehören. Wenn alle im Club – von der Security über das Barpersonal bis zu den Gästen – ein Grundverständnis für das Thema haben, entsteht ein deutliches Signal: K.o.-Tropfen und übergriffiges Verhalten haben hier keinen Platz.
