Für Baustelle3000 aus Weimar ist Musikmachen wie ein Labor zum Experimentieren. Sie konnte keinen Bass spielen und ihr Freund kein Schlagzeug – und trotzdem gründeten sie eine Band und brachten sich die Instrumente selbst bei. Als während der Covid-Pandemie viel Zeit war, um Neues auszuprobieren, erkundete die Künstlerin Genres, mit denen sie sich zuvor nie beschäftigt hatte: Techno, Trap, K-Pop. Sie fragte sich: “Kann ich einen Song machen, der genauso klingt? Was macht diese Musikrichtungen eigentlich aus?” Das Labor war eröffnet und am Ende des Experiments stand ein neues Musikprojekt mit einer eigensinnigen Kunstfigur.
DIY-Musik in Thüringen mit Baustelle3000
Baustelle3000 produziert elektronische Musik mit den verschiedensten Einflüssen: “Ich spiele Techno live, ohne aufzulegen. Ich spiele das ab, was ich produziert habe, und performe den Gesang und die Effekte live dazu”, erklärt sie. DIY, alles selbst herzustellen, hat für die Musikerin aus Weimar einen großen Wert. Dafür fuchst sie sich u. a. in spezielle, unkommerzielle Software rein, brachte sich selbst Musikproduktion bei, fertigte ihre Songs selbst an und veröffentlichte sie. Software und Musik als Gemeinwohl, das ist eine Utopie, die die Künstlerin mit ihrem Projekt verwirklichen möchte. Beides solle für alle zugänglich sein – ohne Lizenzkosten, ohne Hürden.
Gesellschaftskritik verbunden mit tanzbaren Beats
In ihren Texten kritisiert Baustelle3000 die Ellenbogengesellschaft, Mental Load, Geschlechterrollen, bespricht Klassenfragen: “Eigentlich ist das ganz trockene Gesellschaftstheorie und das wäre als Unterhaltungsprogramm ganz furchtbar. Aber ich glaube, man kann es mit Musik vereinen. Ich biete euch einen Beat an, zu dem man dancen kann. Wer es akustisch versteht, kann sich auch mit den Texten beschäftigen, aber wenn nicht, ist es auch okay.”

Baustelle ist in erster Linie eine geile Show. Die Beats sind selber gebaut und die Hook-Lines selbst gesungen. Oder geschrien. Es geht um den Klassenkampf und arbeiten gehen aber nicht so Oi-mäßig sondern zeitgenössisch. Trap-Trance, Nintendo-Core, Disney-Rap, Cosplay-Musical – alles. Alles, alles, alles. Foto: Henryk Weiffenbach
Im Mittelpunkt der Lyrics stehen allen voran auch ihre alltäglichen Erfahrungen als Handwerkerin – daher auch der Name Baustelle3000: “Meine Handwerkerkollegen können sich nicht vorstellen, dass ich nachts Konzerte spiele. Die Leute, die mich auf dem Konzert sehen, können sich nicht vorstellen, dass ich Handwerkerin bin. Da ist die Frage: Bin ich eigentlich Handwerkerin, spiele aber auch Konzerte oder bin ich Musikerin und mache aber auch Lohnarbeit?”
Lyrics über ihre alltäglichen Erfahrungen als Handwerkerin
Woran man das messe, fragt sie sich: an Arbeitsstunden pro Tag oder danach, wofür das Herz brennt? Gefühlt muss sie sich in beiden Rollen ständig beweisen. Als Frau auf dem Bau fühlt sie sich oft unsichtbar oder nicht ernst genommen. Als Kunstfigur steht sie mitunter vor Zuschauer:innen auf der Bühne, die von der lauten, schrillen bis albernen Performance überfahren wirken. “Falls Leute mit der Musik nichts anfangen können, oder auch nicht so richtig wissen, wohin mit sich, können sie sich das einfach auch nur angucken, wie ein Happening.”
Cringe-Sein deklariert die Künstlerin für sich
Die Musikerin versteht ihre Auftritte als ein Ein-Personen-Musical: “Jeder Song ist ein bisschen anders und müsste eigentlich von einem eigenen Darsteller interpretiert werden. Aber ich mach’ das alles allein.” Kostümiert mit einer Perücke aus Dichtungshanf für Sanitäranlagen, Regenbogen-Plateauschuhen und einem immer wechselnden schrillen Outfit, schiebt sie vor jeder Performance ein Gestell auf die Bühne. Es ist vor allem dazu gedacht, dass sich die Bühne für die Solo-Künstlerin nicht ganz so leer anfühlt. Ein Laptop für die Musik und ein Mikrofon sind darauf befestigt, dekoriert mit leuchtenden, wiederverwerteten Duschschläuchen und einem riesigen Holzschwert. Das darf ruhig etwas albern aussehen, sagt Baustelle.
Ihre gesamte Bühnenerscheinung wirkt unangepasst und lässt sich nicht davon beeindrucken, ob das das Konzertsetting perfekt zu Kostüm und Requisiten passt. Baustelle will mit ihrer Musik und ihrer Performance das Publikum herausfordern oder zum Tanzen bringen oder einfach überraschen. Dabei spielt sie bewusst damit, Konventionen zu brechen und auf manche Zuschauer:innen cringe (Deutsch sinngemäß: peinlich) zu wirken. Aber genau dieses Cringe-Sein deklariert die Künstlerin für sich und hat 2024 ihr eigenes Kunst-Festival danach benannt.
Skurril und schräg beim “Cringe Fest” 2026 in Weimar
Gemeinsam mit der Galerie Eigenheim in Weimar kuratiert Baustelle3000 dieses Jahr das dritte “Cringe Fest”. 2026 soll es zum Weimarer Kunstfest gehören. Die Weimarer Künstlerin lädt dafür Artists aus Musik und Performance-Kunst ein, die seltener gebucht werden, weil sie besonders „skurril oder schräg” seien. Beim “Cringefest” bekommen sie ihren Platz, auf vier Tage verteilt. Letztes Jahr gab es zum Beispiel einen Pop-Up-Nagelsalon mit überlangen Nägeln für die Gäste, einen Workshop zum Exoskelett-Nähen, eine Autowasch-Performance und mehrere Konzerte. Ab 1. September soll das “Cringe Fest” starten – nach Wunsch der Künstlerin kostenfrei, wie zwei Jahre zuvor. Denn nischige Kunst soll für alle erlebbar sein.
Hard Facts:
- Wann?: 1. September 2026
- Wo?: Kunstfest Weimar | Rathenauplatz 6
- Hier geht es zur offiziellen Instagram-Seite von @baustelle3000
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