Warum muss eigentlich immer der Prophet zum Berg kommen? Natürlich, weil der Berg keine Beine hat! Hätte der Berg aber eine Hebebühne, könnte er bequem dorthin reisen, wo die Propheten heimisch sind. Das dachte sich wohl auch der nochson e. V., ersetzte nur den Berg durch Kultur – und los ging’s.
Erfurt hebt Kultur aufs Balkon-Level
Am 17. August verwandelt der Verein einen Abschnitt des Juri-Gagarin-Rings in Erfurt in eine außergewöhnliche Konzertbühne. Das Hebebühnenkonzert des nochson e. V. bringt Live-Musik mitten ins Wohngebiet – und zwar auf Augenhöhe mit den Balkonen. Und wie ein Berg, der schwer ins Rollen kommt, ist es auch nicht leicht, Kultur von den etablierten Bühnen dorthin zu bringen. Dort, wo sonst keine Konzerte stattfinden und die Kulturinfrastruktur rar ist. Mit einer Scherenhebebühne lässt sich diese Schwere jedoch scheinbar überwinden – hoch hinaus, direkt zu den Menschen.
Wenn ein Plattenbau in Erfurt zur Bühne wird
„Wir spielen bewusst vor Plattenbauten, um die Menschen direkt bei sich zu Hause zu erreichen“, erklärt Kay Albrecht vom nochson e. V., der sich genau erinnert, wie es das Konzept entstand. 2021 – inmitten der Pandemie. Damals suchte der Verein nach Wegen, trotz Lockdowns Kultur zu den Menschen zu bringen. „Balkon auf, Musik hören, Kultur erleben – das war die Idee“, so Albrecht. Die Inspiration kam aus Sondershausen, wo ein Musiker auf einer kleinen Hebebühne Ständchen vor Neubauten spielte. „Wir haben das größer gedacht – mit einer Bühne, auf der auch eine ganze Band Platz hat – und in Erfurt etabliert.“
Dieses Jahr macht das Hebebühnenkonzert erstmals Station am Juri-Gagarin-Ring – also gar nicht so dezentral wie sonst. Die WBG Erfurt, Kooperationspartner der ersten Stunde, hatte den Wunsch, den Block 132 bis 136 einzubeziehen. „Der Standort eignet sich perfekt – Balkon, Wiese davor, und mitten in der Stadt“, sagt Kay, der unter anderem eine Spur der Straße für das Event sperren ließ.
Gesperrt wird nur eine Doppelspur direkt vor dem Gebäude
Und da sind wir nicht gleich beim Versetzen von Bergen. Die Straßensperrung sei einfacher gewesen als gedacht. Gesperrt wird nur eine Doppelspur direkt vor dem Gebäude, die andere bleibt offen. Über die Stadt und die Sparkasse Mittelthüringen konnte die Finanzierung gesichert werden.
Live-Musik zwischen Wiese und Plattenbau
Von 15 bis 19 Uhr gibt es am 17. August deshalb viel Platz und ein vielfältiges Programm: Singer-Songwriterin Paula, das „Rufus Tempel Orchestra“ mit Swing, „Cords Acoustic“ mit Akustik-Pop und die lateinamerikanische „Kombo Tropikalida“ mit kolumbianischen Rhythmen stehen auf der Hebebühne. Zwischen den Sets wird Bingo gespielt, dazu gibt es eine Hüpfburg, Bratwurst, Eis und Getränke.
Erfurt bringt Kultur direkt vors Wohnzimmer
Für Kay Albrecht ist der Ort etwas Besonderes: „Es ist ein bekannter, viel frequentierter Platz, an dem sonst wenig passiert. Subkultur bedeutet, solche Räume zu bespielen und ihnen für einen Tag eine Bedeutung zu geben.“ Die Nähe zu den Menschen sei entscheidend – besonders in Quartieren, die sonst wenig kulturell angebunden sind. „Nicht alle können oder wollen in Theater, Konzerthäuser oder andere klassische Kulturorte. Wir bringen kostenfreie Angebote direkt ins Viertel. Das schafft niedrigschwellige Zugänge und erreicht auch Menschen, die weniger mobil sind.“
Erfurts Konzert, das Nachbarn zusammenbringt
Die Reaktionen aus der Nachbarschaft sind gemischt – zwischen Neugier und Skepsis. „Nicht alle finden es sofort gut, wenn Kultur direkt vor dem Wohnzimmer stattfindet“, sagt der nochson-Sprecher. „Aber viele sind interessiert und manche machen sogar aktiv mit, etwa beim Flohmarkt.“ Die eigentliche Resonanz komme meist erst am Tag selbst, wenn die Menschen vor Ort ins Gespräch kommen.
Wenn die Bühne mitten im Wohngebiet steht
Das Konzert im Wohngebiet hat für Kay noch einen anderen Wert: Es kann Barrieren abbauen. „Wenn Menschen sich begegnen, gemeinsam Musik hören und ins Gespräch kommen, verändert das etwas. In einem Plattenbau leben viele dicht nebeneinander, oft anonym. So ein Event kann das aufbrechen.“
Von der Hebebühne direkt ins Erfurter Viertel
Getragen wird das Projekt von viel Ehrenamt und Engagement. „Wir wollen besondere Kultur- und Musikerlebnisse schaffen. Das macht uns Spaß, und wir bekommen viel positive Rückmeldung.“ Auch die gute Zusammenarbeit mit der WBG und der Stadt Erfurt sei ein entscheidender Faktor. Doch auch kulturelles Engagement ist laut Kay unverzichtbar: „Es hält die Gesellschaft zusammen. Wenn jeder nur für sich lebt, wird es traurig. Engagement schafft Angebote für viele Zielgruppen und gibt auch einem selbst viel zurück.“
Ein Nachmittag, der Erfurts Straßen verwandelt
Am 17. August wird das Hebebühnenkonzert zeigen, wie ein Plattenbau-Block mitten in der Innenstadt für einen Nachmittag zur lebendigen Bühne werden kann – und dass Kultur manchmal eben doch wie ein Berg ist: schwer zu bewegen, aber mit der richtigen Technik genau dort ankommt, wo sie gebraucht wird.
Hard Facts
- Hebebühnenkonzert: 17. August | 15 bis 19 Uhr
- Jugi-Gagarin-Ring
- Mehr Informationen unter www.nochsonverein.de
