Text: Jade Pannier
Eine Band gründen, ohne Instrumente zu spielen, das riecht verdächtig nach Punk. „Jeder Punker würde sagen, ihr seid doch keine Punkband, Rocker würden sagen, ich weiß nicht, ob das Rock ist, und Indie-Rock findet Lou voll scheiße, obwohl es das eigentlich ist“, sagt Rumi. Bunte Haare, freche Texte und wildes Headbanging machen die Erfurter Band „The Raccoonz“ ebenso aus wie ihr klares Bekenntnis zur Generation Z.
„The Raccoonz“ prägen Erfurts Musik-Szene
„Sie machen alles so, wie man es selbst auch machen will, aber sich nicht traut“, schwärmt ihr Produzent Anton Weigel, mit dem die Band gerade im Studio war. Ihr Potenzial sei ihm schon beim ersten Vorspielen klar gewesen. „Es geht um das Lebensgefühl“, sagt der 27-Jährige: „Egal wie gut sie spielen, egal was sie machen, diese Energie reißt einfach mit.“
Von Cover-Songs zu eigenen Tracks
Auf ihren Lorbeeren wollen sich die Raccoonz natürlich nicht ausruhen. Die erste Single, das erste Musikvideo und die ersten Fan-Momente in der Erfurter Innenstadt stacheln die vier nur weiter an. „Wir wollen gerade von Covern weg und mehr eigene Songs schreiben“, verkünden sie. Über Erfurt hinaus bekannter zu werden, ist ein klares Ziel. Die einschlägigen Konzertbühnen der Thüringer Landeshauptstadt haben sie bereits durchgespielt. Neue Spielorte müssen her. Und auf neuen Input reagieren die jungen Musiker:innen ohnehin bravourös, was die Raccoonz-Historie belegt.
„Der einzige Grund, warum ich jetzt Gitarre spiele, ist, dass ich die alte Gitarre von meinem Dad bekommen habe“, sagt Lou. Vor rund zwei Jahren habe sie sich mit ihrer besten Freundin, Rumi, den Traum einer eigenen Band in den Kopf gesetzt. Die Schülerinnen entschieden sich jeweils für ein Instrument, dann begann das Üben. Als die ersten Akkorde saßen, holten sie eine Sängerin ins Boot und buchten einen Raum im Erfurter Jugendhaus Fritzer. Etwa neun Stunden pro Woche proben die Bandmitglieder*innen hier, die Mietkosten zahlen sie von ihrem Taschengeld.
Spagat zwischen Schulstress, Proberaum und Social Media
„Meine Nachmittage sind immer verplant, ich weiß gar nicht, wann ich für meine Klassenarbeiten lernen soll“, sagt Lou. Für die Elftklässlerin rückt die heiße Abitur-Phase näher. „Am liebsten würde ich einfach die Schule schmeißen für die Band“, scherzt sie. Die anderen lachen. Auch ihre Bandkolleg:innen träumen davon, eines Tages von der Musik zu leben, aber man müsse auch realistisch bleiben.
Entstehung des gestreiften Band-Titels
Für Yuki und Rumi steht der Schulabschluss erst im kommenden Jahr an. David arbeitet bereits als Fahrzeugmechaniker und startet bald ins IT-Studium. Der 22-jährige Schlagzeuger und Sänger war auf einen Instagram-Aufruf hin als Letzter in die Band gekommen. Seither pendelt er regelmäßig von Sondershausen nach Erfurt. „In dieser Konstellation sind wir seit letztem Mai“, erzählen die Jugendlichen und bestätigen, dass sie das Band-Dasein nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wie es sich für eine junge Band gehört, haben sie bereits eine kleine Findungsphase hinter sich. So wechselten sie den Bandnamen von „Psychodelic Playground“ zu Raccoonz (zu Deutsch: Waschbären) – „weil Rumi Waschbären so liebt und der Name davor peinlich war“, erinnern sich die Musiker:innen im Interview.

3. Von Cover-Songs zu eigenen Tracks: In Erfurt mischt „The Raccoonz“ die Szene kräftig auf. Foto: Marco Schmidt
Nachdem die erste Raccoonz-Sängerin die Band verlassen hatte, übernahm Yuki ihre Rolle. Sie ist auch Rhythmusgitarristin und kreativer Kopf der Raccoonz. „Ich habe einen Monat vorher eine Gitarre von einer Freundin ausgeliehen und nach zwei Wochen entschieden, dass ich das durchziehen will“, erzählt sie. In dieser Zeit sei der Song „Hassen oder Lieben“ entstanden. „Die Bedeutung ist sehr deep“, sinniert Yuki und fügt an: „Ich bin da gerade durch einen Breakup gegangen.“
Sounds gegen den Konsum
„Wir versuchen immer, eine Story mit den Strophen zu erzählen“, erklärt Bassistin Rumi. Etwas, das die vier selbst erlebt haben. Dabei muss es aber nicht immer thematisch tief gehen. „Wenn zum Beispiel jemand aus dem Freund*innenkreis im Handstand in die Toilette kotzt, würde das in einem Song landen“, scherzen sie. Der Anstoß komme meist von Yuki, die gleich einwirft, dass nicht alle Texte hundert Prozent autobiografisch sind: „‘High Alone‘ ist frei erfunden. Da geht es ums Kiffen“, sagt sie. Eigene Erfahrungen habe die 15-Jährige mit Gras allerdings genauso wenig wie mit Tabak oder Alkohol. Im Grunde sei das Stück mit seinen dominanten Gitarrensounds und experimentell wechselnden Geschwindigkeiten ein Manifest gegen den Konsum, verkündet Yuki.
Frischer Wind in Thüringens Musikszene
„Erstmal eine Rauchen“, die erste offizielle Single der Raccoonz, ist hingegen beim gemeinsamen Jammen entstanden. „Wir brauchten einen Song für das Studio in zwei Wochen“, erzählen die vier. Lou spielte ein paar Riffs, die anderen stimmten ein und Yuki begann locker mit dem Texten. „Ich dachte mir, wäre es nicht witzig, wenn ich meine Eltern enttäuschen würde und darüber erzähle, wie ich jeden Samstag rauchen und saufen gehe?“, sagt Yuki.
Insgesamt vier eigene Songs haben die Raccoonz bereits. Hinzukommt ein Repertoire aus Bangern, etwa „Where Is My Mind“ von den Pixies oder „Denkmal“ von Wir sind Helden. Die Auswahl der Cover sei häufig mit Diskussionen verbunden, denn der Musikgeschmack der Teenager gehe auseinander. Ein weiteres Argument für mehr eigene Musik.
Für die kreative Arbeit hat sich die Band in den vergangenen Monaten etwas zurückgezogen. „Ein Auftritt im Monat, das geht schon fit, aber wir hatten einen Monat mit fünf Auftritten“, sagen sie.
Trotz Lampenfieber einfach loslassen
Bisher spielten die Raccoonz zum Beispiel im Dubliner Irish Pub in Erfurt, im Rosenkeller in Jena oder im Club „Zebra“ in Weimar. An das Rampenlicht haben sie sich mittlerweile gewöhnt. „Wenn ich extrem Lampenfieber habe, wird der Auftritt geil“, sagt Lou, „ich kann da komplett loslassen.“ Am Anfang sah das noch anders aus, auch für Yuki und Rumi habe es einen Moment gebraucht, bis es „Klick“ gemacht hat.
Plötzlich mit einem Weltstar auf der Bühne: Für Lou aus Erfurt wird ein Traum wahr
„Bevor wir Auftritte hatten, war ich null selbstbewusst, jetzt fühle ich mich nach den ersten paar Minuten auf der Bühne wohl“, sagt Rumi. Davids erster Auftritt war kurz nach seinem Eintritt in die Band, im Brandenburgischen Neuruppin. Als routinierter Chorsänger war er die Bühne schon gewohnt. Aufregung? „Null“, sagt er.
Digital Natives in ihrem Element
Ganz unaufgeregt nehmen es die Musiker:innen auch mit der Social-Media-Vermarktung. Einer der ersten Instagram-Posts der Raccoonz erreichte über Nacht rund 5 Millionen Aufrufe. Aktuell zählt der Account mehr als 32.000 Follower*innen. „Das ist schon krass“, sagen sie. Dabei entstehen die Beiträge oft spontan. Sie wollen sich durch die sozialen Medien und deren Algorithmus nicht unter Druck setzen lassen. „Auf TikTok müssten wir zweimal am Tag zur selben Uhrzeit posten, da scheißen wir echt drauf“, sagt Yuki. Hass im Netz sei den Raccoonz bisher weitestgehend erspart geblieben. Manchmal kommentiere jemand, dass Frauen es als Band ohnehin leicht hätten, dass sie „kleine süße Mädchen“ seien. „Dabei bin ich der süße Teil“, scherzt David.
Auch im realen Leben, wächst die Fangemeinschaft der Band beständig. „Wir haben schon coole Geschenke bekommen und Sachen unterschrieben, zum Beispiel eine Gitarre“, sagt Lou. Manchmal werde Sängerin Yuki in der Innenstadt erkannt und um Fotos gebeten. Eine Frau reise sogar regelmäßig aus verschiedenen Städten Deutschlands für ihre Konzerte an. „Ich glaube, wir sind eher Fans von ihr“, bemerken die Raccoonz ganz unprätentiös. Wenn sie wie Stars statt wie normale Menschen behandelt würden, sei das ein wenig befremdlich, konstatieren sie.
DIY-Punk, eigene Songs und Freundschaft
In dieser Hinsicht passt die Musik-Genre-Schublade „Indie-Punk“ ganz gut. Sie sind reflektierte Rebell:innen ohne Rowdy-Faktor. Wenn sich eine:r von ihnen um die Band-Zukunft sorgt, zu viel Druck oder unerreichbar scheinende Ziele aufkommen, dann bringen sich die Bandkolleg:innen gegenseitig wieder auf den Boden. Ob die Raccoonz später einmal vor tausenden Menschen spielen, die ihre Songs mitgrölen, die Festivalbühnen ihrer Träume erobern oder doch einen ganz anderen Weg einschlagen, scheint für die jungen Musiker:innen im Moment egal. Was für sie zählt, ist die Musik. Spaß und Freundschaft haben sie allemal.
Hard Facts
- Hier geht’s zur Band
