Interview: Daniel Wiegand
Seit drei Dekaden stehen die Mittelalter-Rocker „In Extremo“ auf den Bühnen dieser Welt. Sänger Michael Rhein spricht im Interview über schöne und tragische Momente der Band und wen er als besonderen Gastmusiker gern noch dabei hätte.
Euer aktuelles Album „Wolkenschieber“ ist seit etwas über einem Jahr auf dem Markt. Wie zufrieden seid ihr mit den Albumverkäufen?
Es kann eigentlich nicht besser sein, es ist total klasse. Alben zu verkaufen ist heutzutage sehr schwierig. Wir haben trotzdem das Glück, dass viele Leute aus unserem Publikum das Album physisch kaufen. Dennoch kommt das meiste Geld heute über Live-Auftritte rein. Wir spielen ja zu Weihnachten jetzt einige Konzerte und dann ist es auch mal gut mit „Wolkenschieber“, dann müssen wir uns mal wieder was Neues einfallen lassen.
Habt ihr schon neues Material in Arbeit?
Wir bringen nächstes und übernächstes Jahr erstmal keine neue Platte heraus. Wir haben 14 oder 15 Alben draußen, wir können uns ein bisschen Zeit lassen. Wir müssen nicht alle zwei Jahre ein neues Album herausbringen, wir müssen uns nichts beweisen. Aber wir werden auf alle Fälle eins machen. Im Herbst nächsten Jahres kommt aber wahrscheinlich eine Überraschung.
Wie sind die Resonanzen der Fans auf „Wolkenschieber“ gewesen?
Die waren wirklich klasse, dafür sind wir sehr dankbar. Die Geschmäcker sind natürlich verschieden. Es gibt immer mal einen Song, der einem nicht so gefällt und dafür gefällt ein anderer besser. Das ist aber auch normal. Die Songs auf unseren Alben sind sehr abwechslungsreich, das ist uns sehr wichtig.
Ihr blickt inzwischen auf eine 30-jährige Karriere zurück, die ihr auf der Loreley mit zahlreichen Bands ausgiebig gefeiert habt. Wie lief das Festival?
Wir haben als kleine Mittelalter-Band, die auf der Straße angefangen hat, drei Tage lang die Loreley ausverkauft. Das ist einfach ein Geschenk des Himmels, was anderes fällt mir dazu nicht ein. Die ganze Organisation, die Leute, die für uns im Hintergrund arbeiten, das war einfach Wahnsinn. Und selbst die Bands, die dabei waren, schreiben mir heute noch, wie wunderbar das Festival war. Wir haben auch eine Rückmeldung der Security bekommen. Wir hatten 28.000 Leute, ein bunt gemischtes Publikum, und es wurde nicht eine einzige Schlägerei festgestellt.
An welche Momente eurer Karriere erinnerst du dich besonders gern zurück?
Es ist nicht einfach, da etwas herauszupicken, da ist so viel passiert in 30 Jahren. Da wäre mit „Sängerkrieg“ unser erstes Nummer-1-Album. Das war wirklich ein Ritterschlag. Oder auch die ganzen Konzerte, das war einfach alles schön. Die Auslandsreisen gehören natürlich auch dazu. Wir sind viel in Südamerika. Japan war auch eine besondere Erfahrung, das war einfach mega. Da wollte ich sowieso schon immer mal hin. Wann kommt man denn sonst mal Japan? Wenn mir vor 30 Jahren jemand so etwas erzählt hätte, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.

In Extremo machten auf ihrer Wolkenschieber-Tour in der Erfurter Messehalle Station. Foto: Funke Medien Thüringen
Und an welche Momente erinnerst du dich nicht so gern?
Da gibt es einen Moment … Wir haben im Jahr 2000 auf dem Roskilde-Festival gespielt, zusammen mit Pearl Jam. Da gab es ja damals neun Tote. Pearl Jam kamen von der Bühne und wir sollten danach spielen. Ich habe gesagt „Ich kann nicht“, aber der Veranstalter hat uns angebrüllt, dass wir ja einen Vertrag hätten. Also haben wir gespielt. Ich kann mich an das Konzert nicht mehr erinnern, das ist bei mir komplett ausgelöscht.
Aber man muss sagen, der Veranstalter hatte recht. Von dem Unglück haben nämlich nur die 500 Leute drumherum etwas mitbekommen, die anderen 75.000 nicht. Und wenn die Veranstalter abgebrochen hätten, hätte es eine Massenpanik gegeben. Sie haben richtig reagiert, aber das habe ich erst im Nachhinein so richtig verstanden.
Und exakt zehn Jahre später war ich beim Pearl-Jam-Konzert auf der Wuhlheide in Berlin. Ich stand am Monitorplatz, neben mir ein älterer Herr. Er fragte mich, was ich hier mache, wie ich auf die Bühne gekommen sei und so. Da habe ich ihm diese Geschichte erzählt. Da sagte er, er ist der Vater des Sängers Eddie Vedder. Er erzählte Eddie, dass ich da bin. Da hat er mich auf die Bühne geholt, und wir haben eine Schweigeminute abgehalten. Davon bekomme ich noch heute Gänsehaut. Pearl Jam haben ja mitbekommen, dass wir damals nach ihnen gespielt haben. So etwas zu erleben, ist echt schlimm.
Welches ist dein Lieblingsalbum eurer Bandhistorie?
Das kann ich dir nicht sagen. Jedes Album, das du herausbringst, entspricht seiner Zeit. Man hat mal einen Lieblingssong oder so auf jedem Album. So ein Album ist einfach ein Zeitgeschehen. Ich liebe sie alle, ganz einfach.
Ihr habt inzwischen auch eine stattliche Liste an Gastmusikern vorzuweisen. Wen hättest du noch gerne dabei?
Ja, das sind meist freundschaftliche Begegnungen. Man fragt einfach und macht was zusammen. Bei uns ist es immer sehr vielseitig. Wir haben Leute dabei, mit denen keiner rechnet. Und das finde ich ganz gut. Wer noch dabei sein könnte, das wird sich ergeben. Aber ich hätte gerne Lady Gaga dabei.
Wie hast du in den letzten 30 Jahren die Veränderung der Musikindustrie wahrgenommen?
Nun ja, wir sind natürlich ein Teil davon. Heute wissen viele nicht mehr, was eine CD oder eine DVD ist. Aber das ist einfach der Lauf der Zeit, man kann nichts daran ändern und muss damit leben. Ich finde es natürlich nicht so gut, aber wir sind auch eine Live-Band und es macht noch großen Spaß.
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Würdest du sagen, dass es junge Bands heutzutage einfacher oder schwerer haben?
Ich glaube, sie haben es schwer. Man muss sich einfach hochspielen. Bei den Eintagsfliegen, dem ganzen gecasteten Kram, da gibt es mal welche, die Glück haben. Aber du musst dir dein Publikum erspielen, das kann ich jedem nur raten. Man muss nach vorn schauen und sich nicht beirren lassen.
Interessierst du dich für neue Bands oder bleibst du eher bei deinen alten Helden?
Ich höre querbeet, wirklich alles. Außer Jazz höre ich alles sehr gerne, ich bin totaler Reggae-Fan. Letztens war ich beispielsweise auch bei einem Konzert der H-Blockx. Ich mag einfach jede Musik und bin für alles offen.
In welchen Städten würdest du gerne noch spielen? Was fehlt da noch auf der Liste?
New York zum Beispiel. In Los Angeles waren wir schon, aber da würde ich auch gerne noch einmal hinfahren. Aber bei diesem Präsidenten haben wir keine Lust darauf. Aber ansonsten auch gerne wieder Südamerika. Es wird sich immer wieder etwas Neues ergeben. Wir spielen zum Beispiel im nächsten Jahr auf dem größten rumänischen Rock-Fest und auch in Italien und Frankreich. Es ist immer schön, interessant und aufregend.
Welche Ziele habt ihr euch noch gesetzt, oder lasst ihr alles auf euch zukommen?
Wir lassen es auf uns zukommen. Wir haben Lust, mehr denn je. Wir haben Spielfreude, wir sind alte Straßenköter und es geht weiter.
Worauf dürfen sich die Fans beim Konzert in Erfurt am 19. Dezember freuen?
Wir werden die Hits spielen, haben aber auch sieben, acht alte Nummern ins Programm genommen, die wir schon lange nicht gespielt haben.
Wo und wie verbringt ihr dann die Weihnachtszeit?
Ich bin wahrscheinlich zu Hause, wir haben ja nur zwei Tage. Ich werde wahrscheinlich meine Mutter besuchen. Ansonsten werde ich ausschlafen und fahre dann wieder auf Tour.
Wann dürfen euch die Fans wieder im Eichsfeld begrüßen?
Wir sind noch in der Planung, aber wir werden im nächsten Jahr sicher dort irgendwo spielen.
In Extremo – Rauhnächte Tour 2025:
- Wann: 19. Dezember
- Wo: Messehalle Erfurt
- Weiter Infos findet ihr hier
