Interview: Mara Richter
Nach einer kreativen Pause und vielen Reisen meldet sich Pop-Songwriter Johannes Oerding mit seinem neuen Album „Hotel“ hörbar erfrischt und inspiriert zurück. Am 27. März erscheint die neue Platte – und das ist noch nicht alles. Neue Musik, das bedeutet für den TV-Host von „Sing Meinen Song“ und „The Voice Of Germany“ auch neue Live-Termine. Am 26. April tritt Oerding mit neuer Musik im Gepäck in der Messe Erfurt auf. Wir sprachen vorab mit dem mehrfach platin- und goldprämierte Singer-Songwriter.
Du spielst am 26. April in Erfurt – gibt es etwas das du mit Erfurt oder Thüringen verbindest? Eine lustige oder traurige Geschichte?
Es ist nichts Trauriges – eher etwas sehr Schönes. Mir fällt sofort Clueso ein. Das ist ja ein guter Freund von mir. Wir kennen uns seit vielen, vielen Jahren, aber unsere erste Begegnung war ziemlich filmreif. Wir wussten schon voneinander: zwei Jungs mit Gitarre, die ihre Songs spielen. Und ich hatte damals einen meiner ersten Auftritte in Erfurt – ich weiß gar nicht mehr genau, wie der Laden hieß. Irgendwas mit Feuerwache oder Gemeindehaus. Ein kleiner Laden, vielleicht 100 Leute. Danach sind wir feiern gegangen, in den Kickerkeller.
Und dann kam er rein und sagte so im Stil eines schlechten Westerns: „Ich hab gehört, ich hab Besuch in meiner Stadt.“ Und ich meinte: „Ja, was trinken wir?“ Und das war’s eigentlich. Wir hatten einen super Abend – und das war der Beginn unserer Freundschaft. Ich hab bei euch gespielt, Clueso war da, wir sind danach losgezogen. So fangen gute Geschichten an.
Thüringen ist aber nicht nur fürs Essen und Trinken bekannt, sondern auch für Landschaft – zum Beispiel den Thüringer Wald. Bist du eher Stadttyp oder auch jemand für Natur und Rucksack?
Eure Landschaft ist wunderschön, keine Frage. Aber auch kulturell – da ist so viel deutsche Geschichte entstanden. Wenn man sich Weimar vornimmt und all das, was dort passiert ist – das ist schon beeindruckend.
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Und der Thüringer Wald: Ich war bei den Pfadfindern, wir haben unsere Zeltlager zweimal im Thüringer Wald gemacht. Das heißt, ich verbinde das mit Abenteuer, Lagerfeuer, draußen schlafen. Ich liebe die Landschaft. Aber es wäre übertrieben zu sagen: Ich kenne mich da aus.
Kam da die Überlegung nach einer Rennsteigwanderung?
Also ich kenne auf jeden Fall das Rennsteiglied. (Johannes intoniert) „Diesen Weg auf den Höh‘n bin ich oft gegangen“. Das hab ich mit allen Jahrganglern gesungen. Aber vor der Rennsteigwanderung mache ich erst mal den Jakobsweg. Und dann sehen wir weiter.
Am 27. März erscheint dein neues Album „Hotel“ – wie würdest du es in einem Satz beschreiben? Kommas sind erlaubt.
Ich kann sehr lange Sätze bauen. Also: Das achte Album von Johannes Oerding ist das beste seit dem siebten … Nein, Spaß. Ich glaube, es ist ein Album der Widersprüche. Ich singe übers Suchen und übers Finden, übers Unterwegssein und übers Ankommen, über Bewegung und Pause. Das zieht sich durch das ganze Album. Und der Oberbegriff ist eben „Hotel“.
Warum? Weil mein Leben sich genau so anfühlt: Ich checke ein, ich checke aus, ich packe Koffer, ich packe sie wieder aus. Ich treffe Menschen, sie begleiten mich ein Stück – dann geht es weiter. Und ich glaube, ich brauche dieses In-Bewegung-Sein, um Geschichten zu erleben und neues Material in der Birne zu haben.
Wenn dein Leben so sehr Hotel ist: Wären dann Pension oder Jugendherberge nichts für dich?
Doch, ich hab alles hinter mir. Jugendherberge, Hostel, Ibis Budget, Ein-Stern-Bude, Fünf-Sterne-Deluxe-Bunker – alles. Und am Ende ist es egal, solange zwei Dinge funktionieren. Erstens: eine Dusche, aus der Wasser kommt. Und zwar richtig. Kein Getröpfel, kein halber Strahl, nichts, was man in der Hand halten muss, während es seitlich rausspritzt. Eine normale Dusche.

Musiker Johannes Oerding am 8. Juni 2025 bei seinem Konzert auf der Nordwiese im Westpark in Bochum.
Foto: Walter Fischer / FUNKE Foto Services
Und zweitens: Wenn ich reinkomme, will ich wahrgenommen werden. Dass jemand an der Rezeption sagt: „Hallo, herzlich willkommen.“ Oder meinetwegen: „Einen Moment bitte.“ Aber einfach drei Leute hinterm Tresen, die tippen und nicht hochgucken – da krieg ich einen Hals. Zweimal bin ich umgedreht und hab gesagt: „Tschüss, ich nehm ein anderes Hotel.“ Ein Hotel ist Gastgeber. Das ist die Visitenkarte. Wir freuen uns, dass wir Sie beherbergen dürfen – das ist doch der Kern der Sache.
Dieses Willkommen-Fühlen spielt ja auch in deinem Song „Genau hier“ eine Rolle. Da singst du davon, viel herumgekommen zu sein, bevor du sagen konntest: Genau hier gehöre ich hin. War das Schreiben des Songs für dich selbst so ein Moment des Ankommens?
Diese Umwege – das war auch meine Auszeit. Ich habe eine Weltreise gemacht, bin bewusst aus meiner Routine raus. Seit 20 Jahren ist es ja: Album machen, Tour spielen, Open Air, „Sing meinen Song“, wieder Album, wieder Tour.
Ich wollte ohne Instrumente los, ohne Auftrag, ohne Plan. Erst mal Platz schaffen. Und dann merkt man schnell: Da sind Dinge, die verarbeitet werden wollen. Schicksalsschläge, mein Vater ist gestorben, Trennungen – all das bleibt ja sonst irgendwo liegen. Irgendwann entsteht dann ein Song von selbst. Und ja, dieses Schreiben war ein Ankommen – aber nicht im Sinne von: Jetzt bleibe ich hier. Sondern eher: Ich habe verstanden, dass mein Ankommen das Unterwegssein ist. Ich will nicht an einem Ort sitzen und den Rest meines Lebens aufs Meer schauen. Ich will Bewegung. Das gibt mir das Gefühl: Das ist mein Leben.
Hat sich diese Erkenntnis in den letzten vier Jahren seit dem letzten Album besonders entwickelt?
Ja, ich glaube schon. Vielleicht hat das auch mit dem Älterwerden zu tun. Ich sehe mich selbst immer noch als Siebzehnjährigen. Man will ja nicht wahrhaben, dass man älter wird – bis einen das Knie daran erinnert, wenn man die Treppe hochgeht. Irgendwann habe ich akzeptiert, dass das wohl mein Schicksal ist: Ich brauche keine Heimat im geografischen Sinne. Ich bin am linken Niederrhein aufgewachsen, in Münster geboren, lebe in Hamburg – überall habe ich Verbindungen. Aber ich könnte nie sagen: Hier ist meine Heimat.
Heimat sind für mich eher die Menschen, die mich eine Zeit lang begleiten. Die sorgen für dieses Gefühl.
In deinem Song „Sonntag“ geht es um Ruhe und Normalität. Wie sieht dein perfekter Sonntag aus – von morgens bis abends?
Hier die veröffentlichungsfähige Version: Ich mag es, wenn man mit einem leichten Hangover aufwacht – nicht schlimm, nur so, dass die Welt noch ein bisschen weichgezeichnet ist. Das ist eine gute Ausgangslage. Dann Kaffee. Ich bin Kaffeeliebhaber, ich brauch ein, zwei Tassen, bis der Motor läuft. Keine Termine, ganz wichtig. Vielleicht, wenn ich in Hamburg bin, einmal um die Alster spazieren. Und unterwegs vielleicht doch noch ein Bierchen oder noch ein Kaffee. Abends wird eine Pizza bestellt – eine richtig fiese. Sonntag ist Cheat Day. Und dann ein guter Film oder eine leichte Serie. Keine Weltpolitik mehr. Die hebt man sich für Montag auf.
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Der Montag tut mir schon manchmal leid, der hat so einen schlechten Ruf. Ich kann nur bedingt relaten, weil ich keine klassischen Arbeitszeiten habe. Für mich ist Sonntag wie Montag eigentlich ein normaler Tag. Aber der Montag – der Moser – der hat’s echt schwer. Vielleicht sollten wir eine Selbsthilfegruppe für Montage gründen?
Hard Facts:
- Wann: 26. April 2026
- Wo: Messehalle Erfurt
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