Interview: Mara Richter
Wenn man BLOND per Video Chat trifft, merkt man schnell: Man braucht gar keine langen Erklärungen – manchmal sagen Gesten mehr als Worte. Und ja, das gilt besonders, wenn es um Frisuren geht (Spoiler: die Topfschnitt-Idee kommt noch). Bei den drei Chemnitzer*innen fühlt man sich fast wie im Wohnzimmer von alten Freunden, nur eben mit mehr Pixeln.
Im Gespräch über Musik, Ballett und die „perfekte Frisur“
Im Interview, welches im Rahmen ihres kommenden Tourstopps am 10. Mai im Central Erfurt entstand, haben wir über BLONDs Musikmix aus Pop und Indie, Kindheitserinnerungen in Thüringen, ihre Ballett-Kooperation, gesellschaftskritischen Humor, die Musikbranche und verrückte Pre-Show-Rituale gesprochen – inklusive kollektiver Panik bei der Frage nach der „perfekten Frisur“. Wer wissen will, wie man Topfschnitt, Girl-Boss-Ideen und Chemnitzer Wurzeln unter einen Hut bringt, sollte jetzt weiterlesen.
Ihr kommt ja am 10. Mai nach Erfurt – wenn ihr an die Stadt oder generell an Thüringen denkt: Was kommt euch da spontan in den Kopf? Gibt’s Geschichten, Erinnerungen?
Nina: Also wir haben tatsächlich alle so eine Thüringen-Connection über Familie und waren auch schon als Kinder öfter hier. Und Erfurt – da war ich zum Beispiel mal auf einem Konzert von den Prinzen. Da bin ich extra hingefahren, weil ich mir dachte: Das muss ich sehen. Und an dem Tag beim Prinzenkonzert bin ich aus Versehen noch auf das Oktoberfest gestolpert. Also mein erstes Oktoberfest in meinem Leben in Erfurt.
Nina: Wir waren auch öfter in der Engelsburg.
Johann: Ja, da hatten wir auch die ersten Konzerte.
Nina: Genau, also wir haben auf jeden Fall so eine Verbundenheit als Band zu Erfurt. Auch Kalif Storch und so – und wir kennen viele Leute von hier.
Das ist echt schön zu hören. Die Engelsburg ist auch einfach immer eine gute Adresse. Ich habe gelesen, dass das Ballett Chemnitz zu eurem Song „16 Jahr, blondes Haar“ eine Choreografie entwickelt hat – ihr wart ja auch dort. Könnt ihr euch vorstellen, so etwas nochmal zu machen, vielleicht auch mit anderen Songs?
Lotta: Wir sind ja Fans davon, wenn man Dinge bricht und nicht nur in seiner eigenen Suppe bleibt. Deswegen war das mit dem Orchester und jetzt auch mit dem Ballett übels cool für uns. Wir schließen das überhaupt nicht aus – im Gegenteil, ich glaube eher, dass da noch mehr kommt.
Nina: Es ist immer übelst geil, wenn verschiedene Kunstformen aufeinandertreffen und man miteinander ins Gespräch kommt. Das inspiriert total. Und wir gehen auch privat gern ins Ballett – also das ergibt schon Sinn. Wir sind jetzt ja auch gut connected.
Habt ihr da schon konkrete Ideen oder Träume?
Lotta: Ich will eigentlich nichts sagen … sonst heißt es plötzlich: „Ihr habt das doch angekündigt!“ Aber sagen wir so: Ideen gibt’s immer.
Fair! Wenn wir einmal bei euren Songs sind. Gibt es welche, bei denen ihr denkt: Das passt eigentlich gar nicht zu BLOND – und genau deshalb macht ihr’s?
Nina: Wir wollen uns alles offenhalten, also alle Genres ausprobieren. Und egal, was wir machen – man hört am Ende immer, dass es von uns ist. Dazu stehen wir auch.
Lotta: Und wir lassen kaum Songs liegen. Wir haben nicht so eine Festplatte mit 50 unveröffentlichten Tracks. Wir arbeiten so lange daran, bis sie raus können.
Also kein „Song von 2020, Release 2030“?
Lotta: Bisher nicht.
Euer Song „Girl Boss“ arbeitet ja viel mit Ironie und Gesellschaftskritik. Glaubt ihr, Humor ist ein guter Weg, um Menschen für solche Themen zu sensibilisieren?
Nina: Bei uns ist es so, wenn man jetzt überlegt, wie man politisiert wurde, dann ist das viel über die Popkultur entstanden. Und das ist ja einfach ein, ein bisschen lockererer Weg, sich an Thematiken heranzubewegen. Ich glaube auch für uns ist Humor, vor allem so dieses zusammen drüber lachen können, wenn es einfach eigentlich scheiße ist, mit Dingen umzugehen. Dass man sie einmal dreht, gemeinsam drüber lacht und sich dadurch vielleicht ein bisschen verbunden fühlt. So eine Art Coping- Mechanisms (Red.: Bewältigungsstrategie).

Die Chemnitzer Band BLOND beim Highfield 2025. Foto: Nadja Schütze
Ist das auch privat bei euch so?
Nina: Hundert Prozent.
Lotta: Deshalb landet das ja auch in der Musik – man kann das quasi gar nicht trennen.
Wenn wir schon beim Thema sind: Wie würdet ihr denn die „perfekte Girl Boss“ beschreiben?
Nina: Ehrlich gesagt kriege ich schon Gänsehaut, wenn jemand so sagt: „Ich bin ein Girl Boss.“, damit fängt das schon an. Der Begriff ist schon total komisch. Er beschreibt ja oft eine einzelne Frau, die es „an die Spitze geschafft hat“, als Einzige. Und ich finde, das ist so weit weg von einem gemeinsamen Ansatz. Am Ende will man doch für alle ein faires und gutes Leben haben. Das Girl Boss setzt sich eher ab von den anderen Frauen – und macht oft einfach das Gleiche wie ein Mann in einer Machtposition. Und ist quasi dann genauso scheiße, um es mal so zu sagen.
Wenn ihr trotzdem mal einen Tag lang Girl Boss sein müsstet – was würdet ihr machen?
Nina: Ich schwör‘, ich will gar kein Girl Boss sein. Wirklich nicht. Ich stelle mir da immer so ein gläsernes Hochhaus vor, ganz oben sitzt jemand mäßig „Der Teufel trägt Prada“ – und du kannst so ein System und Lifestyle ja oft nur haben, wenn Leute ausgebeutet werden. Und das wollen wir gar nicht. Wir wollen eher „Girlbossen“ ohne Hierarchien, auf Augenhöhe. Alle sind Girl Boss.
In der Musikszene wird ja viel über Rollenbilder und Sexismus gesprochen. Wie erlebt ihr das – gerade auch auf Tour oder bei Festivals?
Lotta: Man merkt immer, dass noch viel zu tun ist. Wenn man im Sommer auf Festivals spielt und nach links und rechts guckt und merkt, wie wenig Acts mit FLINTA*-Beteiligung dabei sind. Dann merkt man auch trotzdem hinter den Kulissen, den Sexismus, der einfach noch allgemein in den Musikbetrieben herrscht: Unsere Crew erlebt das noch ständig. Frauen in technischen Berufen werden nicht ernst genommen, werden gefragt, ob sie das überhaupt gelernt haben. Es gibt immer noch Leute, die sich nicht vorstellen können, dass eine Frau in einem technischen Beruf existiert. Da ist wirklich noch extrem viel Luft nach oben, bis das irgendwann mal ein angenehmer oder halbwegs fairer Arbeitsbereich ist.
Anderes Thema: Ihr wart ja kürzlich als Special Guest bei Kraftklub in der ausverkauften Messehalle. Wie habt ihr das erlebt?
Nina: Es war sehr schön. Und ich dachte so: Beim nächsten Mal wäre es geil, wenn wir die Halle selbst füllen würden. Weil ich habe mich da wohl gefühlt und würde das ja, auch mal mit uns als Band machen.
Johann: Allein schon, wenn man in die Stadt reinfährt und da steht groß über der Einfahrt: BLOND, 19 Uhr. Das Einzige was geht an dem Tag.
Lotta: Das wäre schon stabil.
„Fickt euch!“ – Kraftklub senden bei Mega-Konzert in Erfurt eine klare Botschaft an AfD
Nina: Die ganze Stadt voller Fans – stell dir das mal vor wie toll das wäre.
Johann: BLOND-Stau. Aber ein schöner Stau.
Nina: Ein richtig toller Stau.
Nina: Wir waren da ja schonmal vor zwei Jahren im Central Erfurt. Wir spielen uns nach oben!
Ich finde es ja geil, dass es in der Messehalle, dann sozusagen keine Sitzplätze gibt, also es könnte Sitzplätze geben, aber wo wir mit Kraftklub waren, gab es keine. Das ist natürlich geil, weil alle springen und tanzen.
Kraftklub haben ja auch ein politisches Statement abgegeben, in Bezug auf den kommenden Parteitag der AfD in der Messehalle Erfurt. Wie steht ihr dazu – gehört Politik auf die Bühne?
Nina: Wir wurden schon früher, als wir noch auf Englisch gesungen haben und zu dritt nur auf der Bühne standen, als extrem politisch eingeordnet – einfach, weil wir Frauen und ein Blinder waren. Keine Bühne ist unpolitisch. Ich glaube, wenn du auf ein BLOND-Konzert gehst, nimmst du immer irgendwas mit, weil die Songs ja alleine schon etwas erzählen. Und Leute dafür zu kritisieren, dass sie Missstände ansprechen, ist Quatsch. Man sollte sich eher freuen, wenn große Bühnen dafür genutzt werden.
Zum Abschluss wieder etwas Leichteres: Wenn ihr jungen kreativen Menschen einen Rat geben könntet – was würdet ihr sagen?
Lotta: Es ist immer schwer, den Weg zu sagen. Für uns persönlich war es immer cool, mit Freund:innen zusammen Sachen zu machen und sich auszuprobieren. Dass jemand ein Artwork macht, jemand ein Video, jemand Musik – und man sich gegenseitig unterstützt. Viele Dinge scheitern ja an Geld oder Zeit. Wenn man sich zusammentut, geht viel mehr. Und vor allem: den Spaß nicht nehmen lassen. Einfach machen, rumprobieren, und raushauen vorallem.
Hat irgendjemand eigentlich merkwürdige Rituale vor Konzerten?
Lotta: Beim Johann ist das total merkwürdig, der muss immer ein Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen.
Johann: Das ist wichtig: Aber ja, schon komisch.
Nina: Und wir putzen uns immer noch alle die Zähne vor der Show.
Johann: Das finde ich wirklich merkwürdig.
Nina: Aber es hilft beim Konzentrieren! Und wir singen immer zusammen einen Song mit der ganzen Crew und klatschen uns alle ab. Ich kann nicht auf die Bühne, wenn ich nicht mit allen abgeklatscht habe. Das bringt sonst Unglück.
Johann: Ich gebe auch jedem die Hand.
Lotta: So eine seriöse Geschäftsbeziehung hat er immer mit der Crew.
Perfekt. Dann noch meine letzte Frage: Wenn ihr für den Rest eures Lebens nur noch eine Frisur und Haarfarbe haben dürftet – welche wäre es?
(Stille.)
Lotta: Nein, das ist schrecklich. Wirklich schlimm.
Nina: Das ist schrecklich! Weil das will man ja nicht!
„Die Musikindustrie ist einfach eine männerdominierte Branche“ – Blond in Erfurt
Die Interviewerin ist froh, dass sie diese Frage nicht beantworten muss.
(Empörtes Schweigen. Man sieht förmlich, wie sich Hände an die Stirn schlagen und alle kurz kollektiv verzweifeln.)
Johann: Wir haben einfach alle meine Haare für immer.
Lotta: Ja, wir nehmen alle drei Johanns-Frisur. Topfschnitt für alle.
Johann: Ich gehe mit gutem Beispiel voran.
Nina: Ich kriege blonde Strähnchen.
Ich sehe euch schon im Kreis sitzen und euch gegenseitig den Topfschnitt schneiden.
Lotta: Genau so.
Nina: Vor der Show.
Johann: Immer.
Hard Facts:
- BLOND – Ich träum doch nur von Liebe Tour 2026
- 10. Mai 2026 | Central Club Erfurt | Ticket Shop
- Weiteres zur Chemnitzer Band findet ihr bei @blond.official!



