Vom Ferienlager in Thüringen zum Konzertveranstalter in Erfurt: Marcus Neumann hat Punk-Musik in seinem Leben nie losgelassen. Auch nach über 35 Jahren hat Marcus Neumann noch nicht genug vom Punk. Als genauer Beobachter der Szene veranstaltet er regelmäßig Konzerte in Erfurt und erlebte, gerade unter Thüringer Bands, schon einige Überraschungen.
Punk in Thüringen lebt – und Marcus Neumann aus Erfurt ist mittendrin
„Damals im Ferienlager …“: So beginnen normalerweise ziemlich peinliche Anekdoten. Nicht so bei Marcus Neumann, der noch genau weiß, dass hier seine Leidenschaft für Punk-Musik geweckt wurde. „Ende der 80er Jahre hatte jemand einen Kassettenrecorder mit Doppeldeck dabei und wir haben uns gegenseitig unsere Musik überspielt.
Von der Engelsburg zum eigenen Label
Dadurch bekam man trotz der bescheidenen Qualität auch einmal neue Inspirationen. Als ich dann im Radio DT64 zum ersten Mal „Eisgekühlter Bommerlunder“ von den Toten Hosen gehört habe, war ich endgültig mit dem „Punk-Virus“ infiziert, der sich in mir immer weiter ausgebreitet hat“, erinnert sich der heute 50-jährige Erfurter augenzwinkernd.
Nach der Wende kaufte er sich vom Begrüßungsgeld direkt Platten von Die Ärzte und den Toten Hosen. Nach einem Konzert der „Hosen“ auf der Messe Leipzig 1992 grölte er ein paar Monat später bei einem Auftritt von Slime und Hass auf dem Petersberg in Erfurt lautstark mit.

Fleau und Marktlücke Terrorzelle beim Konzert in Erfurt. Foto: Volker Riemann
Auch wenn er sich kurzzeitig als Sänger einer Band versuchte, die mit einem Yamaha-Drum-Computer im Kinderzimmer probte („Mir fehlte einfach das Taktgefühl und ich habe meine Einsätze immer wieder verpasst“), ließ Marcus Neumann das Thema Musik auch in seinem Berufsleben nicht mehr los. So heuerte er Mitte der 90er Jahre neben dem Studium ehrenamtlich als Vereinsmitglied in der Kulturgruppe Engelsburg an.
Thüringer DIY-Spirit: Marcus Neumann und sein eigenes Punk-Label
„Das waren damals schon etwas ältere Leute, deren musikalisches Spektrum sich vor allem auf Blues oder Jazz beschränkte, die mich aber super an die Hand genommen haben. Also organisierte ich für meinem Geburtstag 1996 zum ersten Mal selbst ein Konzert und habe die Bands DnA und Husqvarna 8.3 damals noch per Post angeschrieben.“
Konsumkritik und politische Statements
Es dauerte dann noch ein paar weitere Jahre, bis der gelernte Werbekaufmann ein weiteres Konzert auf die Beine stellte – unter einem Namen, der ihn bis heute begleitet. Mit einem Konzert mit Asstronaut aus Norwegen erblickte Boombatze Entertainment 2004 das Licht des Lebens. Marcus Neumann, der inzwischen in der Engelsburg fürs Booking, Programm und die Öffentlichkeitsarbeit fest angestellt war, produzierte 2004 und 2005 unter dem Label Boombatze Records zwei Platten. Diese kamen allerdings, trotz des durch englischsprachige Bands wie The Offspring und Green Day aufgekommenen Hypes, nicht ganz so gut an wie erhofft. Es war ein Experiment – und Boombatze lebte in einer vielseitigen Veranstaltungsreihe in der Engelsburg fort.
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„Punk ist eine ‚Kernmusik‘, die in verschiedene Richtungen ausschlägt und gegenüber Einflüssen aus anderen Genres offen ist. Das bedeutet ein großes Maß an Freiheit und machen zu können, was man möchte“, so Marcus Neumann, der sich selbst nie als Punker gesehen hat. „Ich bemühe mich zwar um einen veganen Lebensstil, trage Second-Hand-Klamotten, besitze kein Auto – diese Konsumkritik der Szene lebe ich.
Marcus Neumann macht Erfurt zur Punk-Hochburg
Aber ich habe nie Lederjacken mit Nieten oder einen Irokesen getragen – was heute auch sehr selten geworden ist. Inzwischen sind Punks optisch angepasster, vermischen sich mit anderen Jugendsubkulturen wie der Gothic-, Emo- oder Skinhead-Szene. Dafür sind politische Themen wie etwa Feminismus heute in der Musik stärker und progressiver vertreten als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Es gibt inzwischen einfach mehr Frauen- oder FLINTA-Bands, die das Maul aufmachen.“ Radikalen Feminismus findet man auch in einigen, programmatisch zu verstehenden Bandnamen wieder – etwa Menstruationsmassaker aus Berlin.
Nachwuchsbands in Thüringen: Boombatze schätzt kreative Energie
Nach jahrelanger Mitarbeit in der Engelsburg wurde er nach einem Betreiberwechsel 2017 arbeitssuchend. Da er den Do-it-yourself-Spirit der Punk-Szene eingesogen hat, startete er mit seiner eigenen Firma in die Selbstständigkeit. Neben einer nachhaltig arbeitenden Kommunikationsagentur organisiert Marcus Neumann unter seinem eigenen Label Boombatze Entertainment seitdem in Erfurt regelmäßig Punk- und auch andere, durchaus genrefremde Konzerte.
„Damit ich die Kosten für die Tickets niedrig halten kann, kümmere ich mich bei den Veranstaltungen um soviel wie möglich selbst. Ich koche für die Bands, bin auch an den Abenden vor Ort und beim Einlass oder in den Awareness-Teams mit dabei. Für Arbeit im Veranstaltungsbereich muss man aber geboren sein, das kann man nicht ‚aus der Kalten‘ heraus – auch die Familie muss es akzeptieren. Es kann immer wieder zu finanziellen Einschnitten kommen, wenn der Ticketverkauf mal schlecht läuft. Kultur ist ein unterprivilegiertes Medium“, weiß der seit zwölf Jahren vegan lebende, leidenschaftliche Konzertgeher aus eigener Erfahrung.
Geheimtipps aus Thüringen
Auch nach einer inzwischen dreistelligen Anzahl Konzerten in Eigenregie gibt es für Marcus Neumann immer wieder neue musikalische Entdeckungen – auch und gerade aus Thüringen. „Beeindruckt haben mich zuletzt ‚Marktlücke Terrorzelle‘ aus Jena: Die machen eigentlich ganz alten Oi-Punk-Kram, der aber sehr frisch rüberkam. Live klingen die tatsächlich viel besser als die Aufnahmen im Netz.
Bei ‚Endlager Thüringen‘ aus Erfurt ist auch der Name Programm: Sie machen mit viel elektronischen Elementen selbsternannten ‚Uran-Punk’ und fahren ein verrücktes Konzept: Sie werben in ihren absurden Texten dafür, dass Thüringen zum Endlager für radioaktiven Müll auserkoren wird – was natürlich satirisch überspitzt zu verstehen ist. Besonders witzig: der Sänger arbeitet bei einer Firma die Photovoltaikanlagen installiert.“ Es lohnt sich also, weiterhin gerade bei den Nachwuchsbands auf dem Laufenden zu bleiben.
Hard Facts:
- 28. November, 19 Uhr: Christmas (Saarland) & Thirteen Stitches (Erfurt) | Café Tikolor, Am Wenigemarkt 5a,
- 6. Dezember, 19 Uhr: Fatigue (Berlin) & The_Flikk (Münster) | Café Tikolor, Am Wenigemarkt 5a, Erfurt
- 13. Dezember, 19 Uhr: Tiger Youth (Ibbenbüren) & Schlünd (Erfurt) | Café Tokolor, Am Wenigemarkt 5a, Erfurt
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