Von Gotha nach Allstedt – Gott rockt mit den Jesusfreaks beim Freakstock-Festival
Als Anna zum ersten Mal auf dem Freakstock-Festival war, fand es noch auf der Pferderennbahn in Gotha statt. Die Jesus Freaks waren jung, laut und wollten anders sein als die Kirchen, die sie kannten. Punk, Rock und alternative Jugendkulturen wie Hip-Hop gehörten genauso zur evangelikalen Jugendbewegung dazu wie der Glaube.
Freakstock in Allstedt feiert Jesus
Wer damals nonkonform mit bunten Haaren, Piercings oder Lederjacke offen von Jesus sprach, fiel auf. War eben ein Freak. So wie Anna, die heute selbst am Festival beteiligt ist und sich unter anderem um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Die ehemalige Pastorin konnte aus erster Hand zusehen, wie sich die Bewegung und damit auch das Freakstock Festival über die Jahre verändert hat. „Unsere Zielgruppe ist mitgewachsen“, sagt sie.
War Jesus ein Punk?
Das merkt man auf dem Freakstock an vielen Stellen. Wo früher vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zusammenkamen, gibt es heute auch Kinderprogramme, Wohnwagenplätze und Familienbereiche. Viele Besucher:innen kennen sich seit Jahrzehnten. Manche haben hier Freundschaften fürs Leben geschlossen, andere sogar ihre Partner:in kennengelernt.
Vom 30. Juli bis 2. August 2026 findet das Festival erneut auf dem Flugplatz in Allstedt statt. Das Motto lautet in diesem Jahr: „Hier beginnt Zuhause“. Ein Satz, der für die Organisatoren weit mehr beschreibt als einen Ort auf der Landkarte.
Freakstock auf ehemaligen Militärflugplatz
Das Freakstock findet auf einem Teil des ehemaligen Militärflugplatzes statt. Zwischen weiten Grasflächen, Zelten und alten Hangars entsteht für vier Tage eine eigene kleine Welt. Die Hauptbühne steht unter freiem Himmel, eine weitere Bühne befindet sich in einem der Hangars. Dazwischen befinden sich Sofalandschaften, Kunstprojekte, Workshops und eine Strandbar, für die jedes Jahr eigens Sand aufgeschüttet wird.
Gegenentwurf zu einer Kirche
Die Jesus Freaks entstanden Anfang der 1990er-Jahre in Hamburg als Gegenentwurf zu einer Kirche, mit der viele junge Menschen wenig anfangen konnten. Laut, unangepasst und bewusst subkulturell wollten sie zeigen, dass christlicher Glaube nicht an Kirchenbänke oder feste Dresscodes gebunden ist. Auch Freakstock entstand aus dieser Bewegung heraus.
Damals ging es darum, Menschen für den Glauben zu begeistern und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Anna sagt offen: „Ohne diesen missionarischen Drive der 90er würde es das Festival wahrscheinlich gar nicht geben.“ Heute klingt das anders.
Konzerte, Kunstprojekte, Nachhaltigkeitsinitiativen
Wer über das Gelände läuft, sieht Konzerte, Kunstprojekte, Nachhaltigkeitsinitiativen, Workshops und Diskussionsrunden. Zwischen Sofas, selbstgebauten Sitzgelegenheiten und einer Strandbar mit aufgeschüttetem Sand wirkt vieles zunächst eher wie ein alternatives Kulturfestival als wie eine christliche Veranstaltung. Denn auf den ersten Blick scheint es hier erstaunlich wenig um Kirche zu gehen. Doch dieser Eindruck hält nicht lange.
Freakstock Festival in Allstedt
Die Hauptbühne gehört Bands aus den unterschiedlichsten Genres. Indie-Folk trifft auf Hardcore, Electro auf Singer-Songwriter. Dazwischen gibt es Kunstinstallationen, Klima-Workshops und Gesprächsrunden. Wer genauer hinschaut, merkt jedoch schnell: Der Glaube ist präsent. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als Angebot, so betonen es die Veranstaltenden.
Es gibt die sogenannten Hauptseminare, bei denen für eine bestimmte Zeit das restliche Programm pausiert. Hier wird über Spiritualität, gesellschaftliche Verantwortung, persönliche Krisen und christliche Perspektiven gesprochen. Daneben existieren Seelsorgeangebote und viele Workshops mit religiösem Bezug. „Man muss nicht zu allem gehen“, sagt Anna. „Aber man kann.“
Niemandem solle etwas aufgedrängt werden
Vielleicht beschreibt genau das die Entwicklung der Bewegung am besten. Der Glaube steht nicht mehr so offensiv im Mittelpunkt wie früher, verschwindet aber auch nie ganz. Statt Menschen überzeugen zu wollen, geht es heute stärker darum, Räume zu öffnen.„Wir haben gelernt, eine gewisse Arroganz und Ignoranz abzulegen“, sagt Anna rückblickend über die Anfangsjahre. Niemandem solle etwas aufgedrängt werden.
Rekordjahre Anfang der 2000er
Gleichzeitig steht das Festival vor einer Herausforderung. Die Besuchszahlen liegen heute deutlich unter den Rekordjahren Anfang der 2000er. Gleichzeitig engagieren sich weiterhin viele Ehrenamtliche für das Festival. Die Veranstaltenden haben darauf reagiert und das Programm in den vergangenen Jahren bewusst konzentriert. Statt immer größer werden zu wollen, setzen sie stärker auf Gemeinschaft und Begegnung. „Wir wollen allen ein Gefühl von Zuhause geben“, sagt Anna. „Wer das erste Mal dabei ist, soll das Gefühl haben: Du gehörst dazu.“
Das Freakstock ist sicherlich mehr als ein klassisches Festival, es ist Gemeinschaftstreffen, Glaubensraum und gelebte Subkultur zugleich. Ein Ort, an dem ehemalige Punks heute mit ihren Kindern auf der Wiese sitzen. Ein Ort, an dem über Klimaschutz diskutiert wird und am Abend Hardcore-Bands spielen. Ein Ort, an dem man über Gott sprechen kann – aber nicht muss. Oder wie Anna es ausdrückt: „Für mich fühlt es sich wie Nachhausekommen an.“
Hard Facts:
- Wann: 30. Juli bis 2. August
- Wo: Flughafen Allstedt
- Weiter Infos und Festivaltickets
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