Trailer-Unfall auf A4: Sportfreunde Stiller erinnern sich an Wunder von Thüringen
Sportfreunde Stiller stehen für Lebensfreude und reflektierte Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Sie tanzten mit Schweinsteiger und Lahm 2006 am Brandenburger Tor, das Lied mit den Zahlen (54, 74, 90, 2006) erreichte dutzende Male mit ihren Alben Gold- und Platinstatus und werden dieses Jahr sagen und schreibe 30 Jahre alt. Ihr steter, optimistischer Blick auf das Miteinander sprüht aus jeder Note ihrer Songs. Am 14. August kommen sie nach Eisenach und am 15. August nach Jena. Wir sprachen vorab mit Sportfreunde-Stiller-Bassist Rüdiger Linhof über den runden Geburtstag und Erlebnisse in Thüringen.
Ihr feiert inzwischen fast 30 Jahre Bandgeschichte – fühlt sich eine Tour heute noch genauso aufregend an wie in den Anfangsjahren auf der „Ochsentour“?
Rüdiger Linhof: Ja, total. Es fühlt sich natürlich anders an, aber es fühlt sich nie selbstverständlich an. Und genau das ist ja der Punkt. Die schlechten Momente als Musiker sind eigentlich die, in denen man das Gefühl hat, die Dinge wiederholen sich nur noch. Für uns ist es deshalb immer noch etwas ganz Besonderes, auf Tour zu gehen – nach so vielen Jahren, uns so, wie wir heute dastehen, auf der Bühne zu sehen, unseren Sound so zu hören, wie wir ihn jetzt spielen.
Man entdeckt die Musik immer wieder neu, und man entdeckt die Band immer wieder neu. Das muss man auch, um diesen Bock zu bewahren. Und jetzt ist es natürlich ein Jahr, in dem wir auch mal ein bisschen zurückschauen. Da fängt man dann schon an, zu denken: Krass, uns gibt es wirklich schon so lange. Das sind ja so viele Konzerte. Aber die sitzen nicht in den Knochen – die sitzen halt irgendwie im Herzen.
Ach, wie schön. Wenn du mal den krassesten Unterschied benennen müsstest: Was trennt die Ochsentour von früher am deutlichsten von euren heutigen Touren?
Der eklatanteste Unterschied ist, dass wir früher wirklich alles selber gemacht haben. Also wirklich alles. Wir haben aufgebaut, abgebaut, gespielt. Irgendwann war der erste Luxus dann mal ein Tontechniker. Aber bis dahin: komplett alles selbst. Es gab nicht mal ein Navi. Wir sind mit Landkarten durch die Gegend gefahren, haben uns verfahren und hatten teilweise auch gar keine Übernachtungsplätze.
Wir sind in irgendwelche „größeren Wohnzimmer“ eingefallen und haben das Ganze einfach komplett zerlegt. Es war nur brüllend laut, alles total zerdroschen. Ich weiß noch, wir haben einmal im Café Swing in Berlin gespielt – da sind die Leute aus dem Café raus und haben uns durchs Schaufenster angesehen. Ich bin nach diesen Touren immer total körperlich geschreddert nach Hause gekommen, weil das einfach schweißtreibende Arbeit war. Heute muss man tatsächlich Sport machen, damit man auf Tour nicht fett wird.
Was macht ihr denn da für Sport? Ich hätte jetzt spontan auf Fußball getippt – so ein bisschen zwischendurch, wenn es möglich ist.
Das ist dann gleich der nächste eklatante Unterschied. Etliche schwere Verletzungen später, so kurz vorm Sportinvalidendasein, ist der Ball für Peter und Florian zwar immer noch der absolute Sehnsuchtsort, so ein heiliges Gut der Freude. Ich selber war aber immer eher der Körperklaus, was Koordination und Teamspiel betrifft. Ich gehe einfach laufen. Das ist für mich super, um die Gedanken klarzukriegen.
Du hast gerade schon so schöne Geschichten von früher erzählt. Hast du auch eine Erinnerung an Thüringen?
Thüringen, Thüringenhalle, 2004. Also – die Geschichte kann ich dir gar nicht komplett erzählen, weil sie so krass ist. Aber sagen wir mal so: Ein wichtiges Bandmitglied – also, alle sind wichtig, aber einer, der an diesem Abend sehr intensiv gelebt hat – den mussten wir schon in eine Wärmedecke einwickeln, weil es nach einem heftig guten Konzert in der Thüringenhalle auch sehr gute Getränke gab.
Was für eine tolle Halle das war. Und wir waren nach diesem Konzert wirklich in einem Zustand, in dem man sagen kann: Wir hätten nicht mehr fahren können. Zum Glück hatten wir schon einen Fahrer. Und dann haben wir tatsächlich auf der Autobahn, auf dem Weg nach Dresden unseren Trailer verloren. Also wirklich den Hänger mit der kompletten Ausrüstung, mit den Instrumenten, mit allem. Da ist die Anhängerkupplung gerissen.

Dieses Ding ist auf der Autobahn auf so einem kleinen Teilstück von nur wenigen hundert Metern ausgerollt – ohne Bewässerungsgraben, ohne Leitplanke, ohne irgendwas. Und dann stand da einfach im Morgengrauen ein komplett besoffener, aber staunender Bus voller Leute an einem Feld und hat nur gesehen, wie dieser Trailer einfach geradeaus in eine Wiese hinein ausläuft und dort stehen bleibt – bereit, wieder angekoppelt zu werden.
Total verblasene Leute, schlagartig nüchtern. Nichts ist passiert. Gar nichts. Das Ding konnte bis zu einer Werkstatt gebracht werden, und am nächsten Tag konnten wir unser Konzert spielen. Das Wunder von Thüringen – ein wahres Wunder. Aus den Trümmern einer Backstage-Party, aus der Asche, aus Ruinen, haben wir da am Autobahnrand wirklich ein Wunder erfahren.
Wahnsinn. Das hing also an eurem Bus, und ihr habt in dem Moment direkt gemerkt, dass da hinten irgendwas passiert?
Ja, der Busfahrer hat zusammen mit unserem Produktionsleiter gesehen, dass da hinten irgendwas seitlich langsam ausrollt. Wirklich irre. Und Thüringen war für uns sowieso früh wichtig.
Wir spielten in Erfurt auch schon sehr früh ein Konzert, ich glaube 1997. Da haben wir in einem Café gespielt und sind vor lauter Staunen über Kaffeetische gesprungen. Das war einfach ein saulustig. Ich glaube, vor 56 Leuten in Erfurt. Wir spielten damals wirklich überall, wo es eine Steckdose und einen Kasten Bier gab. Das war unsere Bühnenanweisung. Und dann später in der Thüringenhalle standen da plötzlich über 4.000 Leute.
Irre Entwicklung. Die Thüringenhalle gibt es übrigens inzwischen gar nicht mehr, die ist einsturzgefährdet.
Leider. Echt schade.
Viele eurer Songs – auch auf dem aktuellen Album – handeln von Gemeinschaft, Hoffnung und Zusammenhalt. Welche Themen beschäftigen euch momentan am meisten?
Wir haben als Band eine klare Sicht auf die Welt. Ein Song wie „Hey Buddies“ steht für dieses Wir-Gefühl. Heutzutage bekommt das noch einmal eine andere Tiefe: Wir müssen unseren Zusammenhalt bewahren, klar bleiben, gut zueinander sein und ehrlich miteinander umgehen. Darum geht es auf dem Album immer wieder.

Und dann ist da „Ti amo“, unsere Liebeserklärung an Italien. Wir kommen aus München, also aus dem Süden, und in dem Song steckt dieses Gefühl der Fahrt über den Brenner: Sommer, Vorfreude und die Erinnerung daran, wie man sich als Kind auf diese Reisen gefreut hat. Auf dem Album steckt viel Positivität, weil unsere Songs unser Leben und unseren Charakter widerspiegeln. Wir wollen das Leben feiern und genießen – aber nicht, indem wir wegschauen, sondern indem wir teilnehmen.
In „Ti amo“ steckt viel Italienisch. Wer von euch spricht eigentlich am besten Italienisch?
Peter hat den Song reingebracht. Das Gefühl darin kommt auch daher, dass wir in Italien und Spanien aufgenommen haben. Dieses gemeinsame Wegfahren, die Welt wieder durch die Windschutzscheibe zu sehen und zu wissen: Bald sind wir wieder an den Orten, auf die wir uns schon als Kinder gefreut haben – genau das steckt in dem Song.
Peter kann außerdem richtig gut Italienisch. Er hat Latein studiert – oder zumindest fast. Er hatte schon sein Flugticket nach München, ist auf dem Sofa eingeschlafen und hat dadurch seine letzte Prüfung verpasst. Aber durch sein Lateinstudium hat er in kurzer Zeit ziemlich fließend Italienisch gelernt.
Eure Musik verbindet oft Leichtigkeit mit einem klaren Blick auf die Gesellschaft. Selbst metaphorisch ist das oft sehr stark – „Keine Blumen ohne Regen“ ist ein schönes Bild. Wird es für euch als Künstler heute schwieriger oder vielleicht sogar wichtiger, Haltung zu zeigen – auch auf der Bühne?
Ich glaube, jeder Mensch sollte eine Haltung haben – aber nicht aus Trotz, sondern aus Neugier, Klarheit und dem Wunsch, etwas zu gestalten und teilzunehmen. Als Künstler braucht man diese Haltung ohnehin. Ohne sie bekommt man keine Inspiration. Man kann keine Songs aus dem Leben schreiben, wenn einem das Leben egal ist.
Gerade heute wird das besonders deutlich. Viele Menschen sind so frei, dass sie ihre Freiheit gar nicht mehr wahrnehmen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sie Entscheidungen treffen, die ihnen und vor allem ihren Kindern diese Freiheit wieder nehmen. Für uns als Künstler, die von Freiheit leben, ist es deshalb wichtig, uns damit auseinanderzusetzen.

Sportfreunde Stiller kommen für zwei Konzerte nach Thüringen. Foto: Ingo Pertramer
„Keine Blumen ohne Regen“ beschreibt für mich genau das: Manchmal erkennt man erst im Rückblick, welchen Sinn Schmerz und schwierige Erfahrungen hatten. Das Leben läuft nicht nur über Freude und Positivität. Manchmal muss man durch schwere Zeiten durch. Die eigene Haltung kann dabei wie ein Kompass sein. Sie gibt Orientierung und die Kraft, Ziele zu verfolgen, das Leben zu genießen und aktiv daran teilzunehmen.
Ihr seid eher für etwas als gegen etwas. Das zieht sich durch eure Musik.
Absolut. Gegen etwas zu sein, ist einfach. Es gestaltet aber nichts. Es ist nur ein Bremsen.Und im Grunde spielt man damit das Spiel von irgendwelchen Miesepetern, die irgendwas versprechen und noch nie irgendetwas eingehalten haben. Schau dir MAGA an, schau dir Trump an, schau dir Orbán an, schau dir Putin an. Die gehen nur rein, holen sich, was sie kriegen können, und scheißen auf die Menschen. Die Vorstellung, dass aus purem Dagegensein eine positive Zukunft entsteht, halte ich für gefährlich. Wenn man Verantwortung abgibt und Menschen folgt, die offensichtlich lügen, kann das brandgefährlich werden.
„Keine Blumen ohne Regen“ ist deshalb auch eine Geschichte über das Leben. Egal, ob man beruflich oder künstlerisch erfolgreich ist, eine Krankheit kommt, eine Beziehung zerbricht oder man erkennt, was man verpasst hat: Manchmal muss man durch schwierige Erfahrungen hindurch. Und irgendwann kommt vielleicht der Moment, in dem man zurückblickt und sagt: Jetzt verstehe ich es. Jetzt kann ich es schätzen.
Manche Dinge sollte man allerdings lieber aus der Geschichte lernen, statt sie selbst noch einmal durch Leiden zu erfahren.
Absolut. Wir können aus anderen Menschen, aus Fakten, Naturgesetzen und Geschichte lernen. Dafür müssen wir uns aber damit beschäftigen. Es gibt objektiv falsche Helden und falsche Narrative. Gerade in einer Zeit, in der neue Medien uns immer näherkommen und alte Medien pauschal diskreditiert werden, müssen wir aufpassen. Sonst riskieren wir, in eine Form von Unfreiheit zu geraten, die viel tiefer geht, als wir denken. Unfreiheit bedeutet auch Willkür – und die kennt keine Grenzen.
Insofern: zivilisiert bleiben. Zurück zu 30 Jahren Sportfreunde Stiller. Songs wie „Kompliment“ oder „Applaus, Applaus“ begleiten inzwischen mehrere Generationen – bei Sportevents genauso wie im Alltag von Musikfans. Wie ist das für euch, diese Songs live zu spielen, die über so viele Jahre und über Generationen hinweg so viele Emotionen auslösen?
Diese Emotionen lösen die Songs auch in uns aus. Wir spielen sie nicht ständig, sondern auf Konzerten – und dort kommen sie jedes Mal neu zu uns zurück. Dass diese Lieder aus uns entstanden sind und Menschen so viel damit verbinden, ist ein unglaubliches Geschenk.
Auf den Konzerten treffen sich teilweise drei Generationen über die Musik. Ein Teil ihres Lebens spiegelt sich in unseren Songs. Dass wir dieser Sportfreunde-Spiegel sein dürfen und Menschen für einen Abend zusammenbringen, ist einfach irre.
Gibt es einen Song, der eure Entwicklung als Band besonders gut beschreibt?
„Eine Hymne auf dich“ beschreibt unsere Art, zuzuhören, einzuspüren und gemeinsam etwas zu entwickeln. Der Song begann als Klavierstück und war eigentlich eine Ballade. Durch die Blicke der anderen, durch Nachfragen und gegenseitiges Weiterbringen wurde daraus ein sehr energetischer Song.
Wenn wir uns gut inspirieren und einander zuhören, können wir gemeinsam etwas Besonderes schaffen. Dieser Prozess hat den Song zu einem wichtigen Sportfreunde-Lied gemacht. Und dann gibt es „Wunderbaren Jahren“. Das war unser erstes Lied und begleitet uns seitdem durchs Leben.
Worauf dürfen sich die Fans auf der Tour freuen?
Vor allem auf tolle Feste mit einem starken Vibe. Die Leute feiern gemeinsam, singen, lachen und tauchen in dieses Sportfreunde-Lebensgefühl ein. Wir spielen Hymnen aus verschiedenen Zeiten – von den Neunzigern bis heute. Von „Wunderbaren Jahren“ über „Wie lange sollen wir warten“ bis zu „Kompliment“.
Natürlich schwingt auch die Erinnerung an 2006 mit. Dieses Bild einer großen Band und eines großen gemeinsamen Moments ist immer noch da, auch wenn wir nicht alles aus dieser Zeit spielen. Die Setlist variiert, und wir haben viele ältere Songs mit einigen neuen Liedern kombiniert. Daraus entsteht jeden Abend ein eigener Mix.
Was motiviert euch nach so vielen Jahren, Auszeichnungen und Millionen Streams heute noch?
Diese Crew. Dieses Gefühl, die Bühne zu entern und so einen fetten Sound zu haben. Ich habe jetzt wieder alte Monitorboxen im Bett – ich steh da drin in so einem cremigen, fetten Bass-Sound, und hinter mir ballert der Floh auf Schlagzeug, der ist so ein geiler Schlagzeuger. Wir haben so viel Spaß auf der Bühne.
Was motiviert uns? Nicht die Preise. Sondern dieses Miteinander-Abhängen, Musik machen, eine Crew zu haben. Dieses ganze Gefühl, jeden Tag in einer anderen Stadt aufzuwachen, jeden Tag lachende Gesichter zu sehen, manchmal auch traurige Gesichter bei den Liedern, wenn Menschen durch Songs an irgendeinen Teil ihres Lebens erinnert werden, der gerade wieder raus will. Dieses ganze Gefühl, so mitten, tief, tief im Leben zu stehen, wenn man auf der Bühne steht. Genau das ist unser Motor.
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