Vom Wein-Treff zum Daydrinking-Festival: Erfurter Weinfest trendet mit Party-Schlagseite
Es gibt Entwicklungen, die passieren schleichend. Man bemerkt sie erst, wenn plötzlich jemand einen Namen dafür hat. Beim Erfurter Weinfest könnte dieser Moment 2026 gekommen sein: „Wine & Daydrinking mit Beats“ steht im Programm des 34. Erfurter Weinfestes. Dazu kommen „Wine, Latin & Dance“, „Wine & Fiesta“ und „Wine & Soul“. Was einst vor allem ein Fest für Winzer, Weinfreunde und Verkostungswillige war, klingt inzwischen auch nach einem ziemlich gut organisierten Nachmittag zum Trinken.
55.000 Gäste feiern in Erfurt Wein
Dabei war das Erfurter Weinfest keineswegs schon immer eine reine Wein-Lehrveranstaltung. Aber der Schwerpunkt hat sich verschoben. 2019 gehörten noch Themen wie „Weinanbau in Thüringen gestern und heute“ oder die Frage „Welches Wasser zu welchem Wein?“ zum Programm. Es gab Verkostungen, Winzer-Talks, Wein-Raritäten und rund 200 Weine und Sekte. Man konnte also trinken und dabei zumindest so tun, als betreibe man angewandte Önologie.
Beats und Daydrinking-Trend
Nach der Corona-Pause wurde das Angebot weiter zum Erlebnisformat ausgebaut. 2022 kamen unter anderem eine Ausstellung zum Weinanbau in Erfurt und Kurzvorträge zur Geschichte des Weinbaus hinzu. 2023 standen Wein und Schokolade, Kunst und Kreativmarkt neben dem klassischen Festprogramm. 2024 wurde es „besonders perlig“: Perl- und Schaumwein rückten stärker in den Mittelpunkt. Gleichzeitig wurde das Fest zunehmend als großes Veranstaltungsformat mit Musik, Gastronomie und Unterhaltung inszeniert.
2025 war die musikalische Mischung bereits deutlich breiter: Singer-Songwriter, Pop, Soul, Dixieland und Formate wie „Wine & Modern“ oder „Wine & Soul“ standen auf dem Programm. 2026 ist der Schritt zur Partyästhetik noch offensichtlicher. „Wine & Daydrinking“ ist keine satirische Erfindung, sondern offizieller Programmpunkt.
Festival für frühe Drinks
Das passt zu einem größeren gesellschaftlichen Trend. Daydrinking – das Trinken von Alkohol oder alkoholfreien Drink-Alternativen bereits am Nachmittag statt späten Abend – ist in den vergangenen Jahren vom Klischee zum Kultur- und Social-Media-Phänomen geworden. Besonders auf TikTok und Instagram wird der frühe Drink als Lifestyle inszeniert: Tageslicht statt Clubdunkelheit, Spritz statt Shot, Dachterrasse statt Tanzfläche. Dazu kommen Mocktails und andere alkoholfreie Alternativen.
In Erfurt trifft Weinkultur auf Beats
Der Trend wird häufig mit veränderten Lebensgewohnheiten von Gen Z und Millennials erklärt. Nachtleben bis fünf Uhr morgens verliert für manche an Attraktivität. Stattdessen lautet das neue Versprechen: früh anfangen, früher aufhören. Wer um 15 Uhr anstößt, kann theoretisch noch vor Mitternacht wieder im Bett liegen. Die Idee ist weniger Kontrollverlust als kontrollierter Genuss – oder zumindest dessen Instagram-taugliche Darstellung.
Auch das Erfurter Weinfest folgt diesem Muster. Getrunken wird weiterhin Wein, aber der Wein ist längst nicht mehr das einzige Argument. Musik, Tanz, Essen, Führungen und Social-Media-taugliche Erlebnisse gehören zum Gesamtpaket. Der Wein wird damit vom eigentlichen Anlass zunehmend zum Bindemittel für ein größeres Freizeitformat.
Neu ist eher die Verpackung
Wie groß dieses Format inzwischen ist, zeigt die Besucherzahl. Für 2024 nennt eine städtische Rückschau rund 46.000 Gäste, für 2025 rund 50.000. 2026 meldet die Stadt nun einen neuen Rekord: 55.000 Besucherinnen und Besucher an vier Tagen. Schon 2014 waren allerdings 50.000 Gäste gezählt worden. Ganz neu ist der Massenerfolg also nicht. Neu ist eher die Verpackung.
Trinkplan für Weinfans
Und die hat inzwischen eine gewisse Konsequenz: Der Weinpass umfasst 2026 21 Proben à 0,1 Liter – theoretisch also 2,1 Liter Wein, wenn jemand tatsächlich jede Probe austrinkt. Das ist kein Trinkplan, aber eine bemerkenswerte Zahl für ein Fest, das offiziell vor allem für „Genuss“ steht.
Vielleicht ist genau das die interessanteste Entwicklung des Erfurter Weinfestes: Es wird nicht einfach mehr getrunken. Es wird anders darüber gesprochen. Aus Weinverkostung wird Erlebnis, aus Musikprogramm wird Party, aus dem Nachmittag wird „Daydrinking“. Und aus der alten Frage „Welches Wasser passt zu welchem Wein?“ ist irgendwann die modernere Frage geworden: Wie früh kann man eigentlich anfangen?
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