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Eine Brettspiel-Saga aus Jena verändert Spielwelt

24. September 2026 • Geschrieben von Lutz Granert
Robert Müller-Reinwarth ist der Spielleidenschaft verfallen und zeigt gern seine beeindruckende Spielesammlung. Foto: Robert Müller-Reinwarth

Nicht nur der zeitlose Klassiker Skat kommt aus Thüringen: Moderne Gesellschaftsspiele erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Sie entführen fernab von Konsolen und Bildschirmen in geheimnisvolle, komplexe Welten. So auch „The Fog“ vom Jenaer Spieleentwickler Robert Müller-Reinwarth. Während er schon an eine Saga denkt, stehen woanders in Thüringen auch bald wieder die Spieletage an.

Brettspielszene in Thüringen

Die Familienspiele „Uno“, „Rommé“, „Monopoly“ und „Risiko“ kennt jeder – Regeln sind schnell erklärt, Glück beim Würfeln oder Zufall bei den Karten spielen eine große Rolle. Bei Kennerspielen sieht das anders aus: Hier haben Strategie und Taktik den größten Stellenwert. „Dabei denkt man mit anderen Menschen gemeinsam über dasselbe Thema nach, aber kann dabei den Alltag ausblenden und geistig entspannen“, so Robert Müller-Reinwarth.

Eigenes Spiel ist geboren

Der gebürtige Berliner mit dem Spitznamen „Turbo“ wohnt seit 2015 in Jena und hat eine Brettspielesammlung, die bereits rund 300 Spiele umfasst. Zwar hatte er schon einige Ideen für eigene Spiele, doch beteiligte Freunde zogen weg und es mangelte neben seinem Job für das Hobby lange an Zeit – bis 2017.


„Durch einen Bandscheibenvorfall war ich gezwungen, mehrere Monate auf der Couch zu verbringen. Mit dem Laptop auf dem Schoß verfolgte ich wie beim Schreiben eines Romans die Idee einer komplexen Geschichte immer weiter“, so der Wirtschaftsingenieur. Die Spieler:innen müssen mit ihren ausgewählten Insulaner:innen über einen durch Hindernisse und andere Figuren verengten Strand vor der Bedrohung eines furchteinflößenden Nebels fliehen und in rettende Boote gelangen.

Komplexe Fantasy-Geschichte

Die erste Version des Strategiespiels „The Fog – Escape From Paradise“ kam beim Test-Spielen mit Freunden Ende 2018 ebenso gut an wie auf der weltgrößten Brettspielemesse „Spiel“ in Essen. Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine (das Thema Flucht war dadurch sehr negativ belegt) sorgten für einige Verzögerung, bis dann 2024 bei einer Crowdfunding-Kampagne das notwendige Startkapital für die Produktion eingesammelt werden konnte.

Fortsetzung in der Pipeline

Inzwischen hat er „The Fog – Escape From Paradise“ als Start der sogenannten Yamagi-Saga im eigens gegründeten Verlag XOLLOX Games veröffentlicht. Mit „The Voyage“ steht die Fortsetzung in den Startlöchern, die im ersten Quartal 2027 zunächst als Karten-, später als Brettspiel erscheinen soll. Schließlich müssen die Insulaner:innen auch auf dem weiten, offenen Meer überleben, bevor sie dann im dritten und vierten Teil der Reihe zu ihrer geheimnisvollen Heimat zurückkehren und mit der Erkundung und (Wieder-)Besiedelung starten.

Robert Müller-Reinwarth ist nicht nur leidenschaftlicher Spielesammler, sondern auch selbst unter die Erfinder gegangen. Foto: Robert Müller-Reinwarth

Mit dem Fortgang der Geschichte ändert sich in der Yamagi-Saga also zugleich das Spielprinzip. „Auch für ausgereifte Konzepte anderer Spieleentwickler:innen bin ich offen. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, welche Art Unterstützung es bei der Veröffentlichung der eigenen Vision eines Spiels braucht, insbesondere wenn es um Crowdfunding geht. Mein Ansatz ist hier ein anderer als bei größeren Verlagen.“ In der Szene ist es häufiger zu hören: Den etablierten Spieleverlagen geht es meist um den Verkauf möglichst hoher Stückzahlen, weswegen Spieleentwickler:innen oft Zugeständnisse eingehen müssen.

Unter Spieleerfindern

Mindestens einmal im Monat ist Robert Müller-Reinwarth in Tillis Spielecafé in Jena anzutreffen. Neben der Bildungsstätte St. Martin in Erfurt, in der die Erfurter Spieletage seit fast zwei Jahren zur monatlichen Spielzeit einladen, einer der wenigen regelmäßigen Treffpunkte der Brettspielszene in Thüringen.

Innovative Neuerfindung

Hier ist auch Marcel Wenzel immer mal wieder unter den Gästen zu finden, der schon vor einigen Jahren ein eigenes Spiel erdacht hat. In einem Dungeon Crawler plündert eine bis an die Zähne bewaffnete Truppe in dunklen Kellern meist eine Truhe nach der anderen und tritt hin und wieder mal in Kämpfen an. Doch seine Kreation „Mayaco“ erfindet dieses Genre innovativ neu: „Das Gameplay ist dreidimensional. “

Tilmann Söffing und Katharina Lindacher haben vor einigen Jahren das Spielecafé „Tillis“ in Jena eröffnet. Dort ist auch Robert Müller-Reinwarth mindestens einmal im Monat anzutreffen. Foto: Katja Dörn

Das Spielbrett wird immer weiter in die Höhe gebaut und der Winkel in der Platzierung der Spielfiguren ist dafür entscheidend, welche Aktionen sie ausführen können. Die Kerker wurden durch einen lebendigen Dschungel ersetzt. Statt gegen Orks und Goblins kämpft man gemeinsam als Maya-Krieger:in gegen reinkarnierte Kreaturen aus dem Urwald – von diebischen Affen über blutsaugende Fledermäusen bis hin zu giftigen Skorpionen und Schlangen“, so der 41-jährige Erfurter, der in seiner Wohnung ein eigenes Zimmer mit ausreichend großem Platz für ein Spielbrett für seine Leidenschaft reserviert hat.

Inspiriert von „Terra X“

Vor allem während seines Studiums in Jena hat Marcel mit seinen Freunden intensiv Pen-and-Paper-Spiele gezockt, teils über mehrere Tage hinweg. Neben der Reportage-Reihe „Terra X“ brachte ihn das Spielen eines anderen Brettspiels, das ihm zu glücksanfällig schien, auf seine eigene Idee. „Ich dachte, das kann man besser machen – und dann griff bei meinem strategisch-mathematischen Hirn ein Rädchen ins andere“, erinnert sich der Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport.

Spiel erobert Brettspiel Con

Zwei Jahre später war „Mayaco“ weitgehend fertig und er erntete auf der Berlin Brettspiel Con 2023 sehr positives Feedback. Bis heute bastelt er in seiner Freizeit zum Abschalten immer noch an Nuancen des Spielfigurendesigns oder dem Layout der Spieltableaus. Eine Crowdfunding-Kampagne für die Produktion des Spiels soll im zweiten Quartal 2027 starten, so dass es das Expertenspiel – herausgebracht durch seinen Eigenverlag (IlOa Gaming) – im Netz exklusiv auf Gamefound.com zu kaufen geben wird.

Auch ein Familienspiel hat Marcel Wenzel in der Pipeline: „ROCK Hand ROLL“ soll es heißen. „Es spielt sich wie Black Jack mit Würfeln“, erklärt er. „Thematisch versuchen die Spieler als Managerinnen der größten Rock-und-Pop-Legenden die Schallplattenverkäufe eigener Stars über mehrere Event-Runden hinweg mit allen Mitteln zu maximieren. Das Glück wird dabei in Form von Würfeln in die eigene Hand genommen.“ Marcels Inspiration ergibt sich aus eigenen Erfahrungen. Er selbst war jahrelang Sänger und Songwriter in einer erfolgreichen Thüringer Pop-Band. Dazu kommt ein innerer Drang: „Ich muss mich einfach kreativ ausleben. Am besten täglich.“

Menschen spielerisch miteinander verbinden

Sehr stark kreativ ausgelebt hat sich bereits Moritz Dressler aus Erfurt. Er ist Autor von insgesamt 19 Gesellschaftsspielen, von denen in den letzten Jahren viele bei namenhaften Hersteller:innen veröffentlicht wurden. Damit dürfte er der bislang produktivste Spieleentwickler des Freistaats sein. Am bekanntesten ist darunter „Spukstaben“, ein kooperatives Wörterspiel, das 2020 im NSV Nürnberger Spielkarten-Verlag erschien.

Neues Spielmaterial, erweiterte Varianten

Inzwischen liegt auch eine umfassend überarbeitete zweite Edition vor, die neues Spielmaterial und erweiterte Varianten enthält. Erstmals sind auch Umlaute unter den ausliegenden Buchstaben vertreten, mit denen Wörter gebildet werden müssen, bevor die Lettern nachts aus einer Druckerei gestohlen werden – und damit aus dem Spiel verschwinden. Leider stand Moritz Dressler aus Termingründen für diesen Artikel nicht für ein Gespräch bereit.

Marcel Wenzel spielt gerne MAYACO. Foto: Marcel Wenzel

Wer selbst einmal die ludische Vielfalt erleben möchte: Zusammen mit einigen leidenschaftlichen Spieler:innen rund um den regelmäßig in der Lasallestraße 50 spielenden s.P.u.K. e.V. organisiert Anne-Marie Gladitz mit der Medienstelle des Bistums die Erfurter Spieletage, die am 26. und 27. September stattfinden. Brettspiele werden gerade zu ihrem Beruf. „Was mich antreibt, ist das, was zwischen den Menschen am Tisch passiert. Wie aus Fremden Mitspieler:innen werden“, so die ausgebildete Fachkraft für Gesellschaftsspiele.

Erfurter Spieletage stehen an

Genau das möchte sie künftig als Spielhüterin noch mehr Menschen anbieten: Teambuilding und Workshops für Unternehmen und Schulen, dazu Events und öffentliche Formate für Pflegeeinrichtungen, Kommunen und Privatpersonen. Ihre Idee geht auf, das zeigt sich schon jetzt: Bei den letzten Erfurter Spieletagen saßen über 400 Teilnehmende an gut gefüllten Tischen und die monatlichen Treffen verzeichnen stetig steigende Teilnehmerzahlen.

Hard Facts:

  • Erfurter Spieletage
  • Wann: Samstag, 26., und Sonntag, 27. September; 12 bis 21 Uhr
  • Wo: Bildungsstätte St. Martin, Farbengasse 2, 99084 Erfurt
  • Instagram

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