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„Es ist wie bei einem alten Ehepaar“ – In Extremo vor Erfurt-Konzert über Geheimrezepte

27. Oktober 2026 • Geschrieben von Dunja Froriep
In Extremo zeigt in der Alten Oper Erfurt eine überraschend leise Seite. Foto: Holger Fichtner

Statt lauter Gitarrenwände, gewohntem Druck und gewaltiger Bühnenshow setzen die Mittelalter-Rocker diesmal auf intime Atmosphäre, leise Zwischentöne und frische klangliche Nuancen. Dass die Musiker ihre bekannten Hymnen in ein ganz neues Gewand hüllen, zeigt die Band von einer überraschend nahbaren und wandlungsfähigen Seite.

In Extremo kommt mit „Tranquilo II“ nach Erfurt


Am Mittwoch, 18. November, spielt die Band in der Alten Oper Erfurt. Im Interview verrät Kay Lutter, warum die Fortsetzung so lange gedauert hat und was ein Akustikkonzert von einer Festivalshow unterscheidet. Er erzählt auch, wie der Dudelsack zu In Extremo kam und welche Orte in Thüringen für die Band eine besondere Rolle spielen.

Ihr spielt Rock mit mittelalterlichen Klängen und Instrumenten. Was ist an dem Sound für euch besonders?

Als Musiker ist man ja immer auf der Suche nach Inspiration. In unserer Bandgeschichte spielte dabei aber auch der Zufall eine große Rolle, da unser Sänger Anfang der 90er Jahre in der – damals noch recht überschaubaren – Mittelalterszene seinen Platz fand. Wir spielten außerdem noch in einer anderen Band zusammen und fanden sein neues Projekt, insbesondere die Dudelsäcke, dabei so interessant, dass wir uns zu einer Probe zusammengefunden haben. Der Dudelsack passte allein schon von der Lautstärke her hervorragend zu einer lauten Rockband, alles andere hat sich erst nach und nach entwickelt. Nicht alle musikalischen Elemente der mittelalterlichen Musik waren für uns spannend genug, um sie für In Extremo zu bearbeiten, aber im Großen und Ganzen ist das schon der bedeutendste Einfluss auf unsere Musik. Wir hatten aber nie den Anspruch puristisch zu sein.

Die erste Tranquilo-Tour liegt stolze 16 Jahre zurück. Warum hat es so lange gedauert, bis ihr euch wieder an dieses Format herangetraut habt?

Wir sind zuallererst ja eine Rockband und das wollen wir auch bleiben. Das Akustikprojekt sollte etwas Besonderes sein, etwas, was man nicht halbjährlich wiederholt. Es verliert dann einfach seinen Reiz. Die erste Tranquilo-Tour startete damals ziemlich chaotisch, denn kurz vor Tourbeginn gab es einen Besetzungswechsel am Schlagzeug. Unser damaliger Schlagzeugtechniker musste wegen eines Krankheitsfalles kurzfristig den Posten als Drummer übernehmen. Auch haben wir diese Tour gar nicht mitgeschnitten, denn unsere Plattenfirma hatte im November 2008 bereits den Mitschnitt eines Akustik-Konzerts unter dem Namen „Akustik Radio Show“ veröffentlicht.

Erst ein paar Jahre später, als wir während eines langen Bandmeetings die Pläne für die kommende Zeit entwickelt haben, sind wir auf die Idee gekommen, dass nun die Zeit reif wäre für ein anständig aufgenommenes Akustikalbum. Auch unsere Plattenfirma fand die Idee gut und dann war es endlich so weit. Es dauert eben alles seine Zeit, denn wenn wir eines als Musiker gelernt haben, dann ist es die Tatsache, dass man nichts erzwingen kann.

Was ist das Besondere an eine Akustikkonzert? Ist das schwierig zu realisieren?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Die Balance zwischen lauten und eher leisen Instrumenten muss man anders gestalten und so arrangiert man am Ende bestimmte Songs völlig anders. Das zieht sich dann weiter durch sämtliche Gewerke. Jeder leise Ton ist zu hören, dessen ist man sich bewusst.

Auf dieser Tour spielt ihr in eher kleinen Sälen statt auf großen Festivalbühnen. Was ist für euch der Unterschied, wenn ihr so nah am Publikum spielt?

Ich kann da ja nur für mich sprechen: direkt „an der Bühnenkante“ zu spielen ist wesentlich aufregender als auf einer riesigen Festivalbühne. Von dort erkennt man nur die Gesichter der ersten Reihen, ganz im Gegensatz zu einer Akustikshow. Auch die Reaktionen aus dem Publikum sind viel direkter. Trotzdem ist uns das alles natürlich überhaupt nicht fremd. Micha und ich spielen ja hin und wieder mit unserem Nebenprojekt Monomann in den kleineren Sälen der Republik, da kann man sich immer mal wieder erden. Wir lieben das.

In Extremo macht in Erfurt Mittelalter-Rock von einer neuen Seite hörbar. Foto: Holger Fichtner
Was verbindet euch mit der Thüringen – gibt es Orte oder Erinnerungen, an die ihr bei einem Auftritt hier besonders denkt?

Unser Sänger kommt aus Thüringen, es ist seine Heimat. Und wenn ich an meine musikalische Vergangenheit denke, dann ging es von Berlin aus jedes Wochenende in Richtung Süden, entweder nach Sachsen oder Thüringen. Gefühlt haben wir hier also jeden Saal bespielt. Was In Extremo angeht, gibt es natürlich diverse Orte, die mit der Bandgeschichte zu tun haben.

Unsere „Wachablösung“ fand in Bad Salzungen statt, keine 14 Tage, nachdem wir dort mit „Noah“ unseren Abschied gefeiert hatten, waren wir mit In Extremo dort wieder zur Stelle. Wir sind für Thüringen beim Bundesvision Songcontest angetreten, unsere erste DVD und das erste Live-Album wurde auf dem Kyffhäuser mitgeschnitten, unsere inzwischen legendäre Burgentour haben wir auf der Creuzburg bei Eisenach gestartet, unser 15jähriges Jubiläum fand auf der Zitadelle in Erfurt statt. Ich könnte das jetzt wohl unendlich fortsetzen…

Eure Texte handeln oft von historischen Sagen, Vagabunden und Mythen. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, eine thüringische Sage – wie die der Drei Gleichen oder Geschichten aus dem Kyffhäuser – in einem Song zu verarbeiten?

Die Ideen für die Texte müssen zuerst aus dem Bauch kommen. Was die Texte bei In Extremo angeht sind wir vielleicht auch nicht die typische Mittelalterband. Mir war es schon immer wichtig, dass unsere Texte im Hier und Jetzt verwurzelt sind oder eine Art Allgemeingültigkeit haben. „Lieb Vaterland“ oder „Saigon & Bagdad“, aber auch „Küss mich“ sind dafür vielleicht gute Beispiele. Sagen und Mythen sind nicht wirklich unsere Baustelle, zumindest nicht vordergründig. In dieser Hinsicht fallen wir wohl etwas aus dem Raster.

Beim Auftritt der Band in der Messehalle 2024 ging es im wahrsten Sinne des Wortes heiß her. Foto: Daniel Wiegand
Ihr macht seit 1995 gemeinsam Musik. Was ist das Geheimnis eurer Beständigkeit und Freundschaft innerhalb der Band?

Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt. Es ist wie bei einem alten Ehepaar. Es gibt Paare, die bleiben ein Leben lang zusammen, dann gibt es welche, die sich schon kurz nach der Hochzeit wieder trennen. Das ist bei uns nicht anders. Im Laufe unserer langen Karriere hatten wir relativ wenige Besetzungswechsel, doch manchmal bleiben auch die leider nicht aus. Es gibt eben kein Rezept.

Ihr habt Mittelalter-Rock perfektioniert. Wann dürfen wir mit „Renaissance-Rock“ oder „BaRock“ rechnen?

Danke für die Blumen! „Perfektioniert“ trifft es wahrscheinlich ganz gut, erfunden haben wir ihn nicht. Doch „Renaissance-Rock“ oder gar „BaRock“ gibt es doch schon recht lange, auch wenn er mittlerweile wieder in der Versenkung verschwunden ist. Jethro Tull haben Musik von Bach bearbeitet, Deep Purple haben ähnliches gemacht. Ich müsste tatsächlich mal meinen Plattenschrank durchstöbern, aber aus den 70ern gibt es ja Beispiele ohne Ende. Auch in der DDR gab es Bands wie „electra“, „Lift“ oder „Stern Meißen“, die da wirklich gute Sachen gemacht haben.

Hard Facts:

  • Wann: Mittwoch, 18. November, Beginn 19:30 Uhr
  • Wo: Alte Oper Erfurt
  • Tickets gibt es hier

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