Vor Thüringen-Konzert sprechen Il Civetto über ihre „krasse Erfahrung“ in Erfurt
Il Civetto haben sich zwischen Berliner U-Bahn und Festivalbühnen zu einem der spannendsten Live-Acts entwickelt. Sänger Leon Keiditsch spricht während seines Urlaubs in der Türkei mit uns über die vielen Wendepunkte dieser Reise. Sie führte von nächtlichen Technoclub-Gigs und internationalen Festivals bis zum Schritt zu deutschen Texten in der Pandemie.
Il Civetto live in Erfurt
Keiditsch erzählt, warum eine Eule zum Bandnamen passt. Er berichtet, wie aus einer Songwriting-Reise in die marokkanische Wüste das neue Album „Träume aus Lava“ erwuchs. Außerdem erklärt er, weshalb ihre Konzerte mehr sind als bloßes Abspielen von Songs. Es geht um Fernweh, Hoffnung, politischen Realismus – und um die besondere Verbindung zum Erfurter Publikum. Diese Verbindung bekommt am 16. Oktober ein neues Kapitel.
Der Name „Il Civetto“ fällt sofort auf – was steckt hinter diesem Namen und welche Bedeutung hat er für euch?
Il Civetto heißt „Eule“ beziehungsweise „Eulrich“ auf Italienisch. Der Name hat in unserer frühen Bandgeschichte total Sinn gemacht. Wir haben früher viel in der U-Bahn Musik gemacht. Nach so einem U-Bahn-Konzert wurden wir mal eingeladen, in Berliner Clubs zu spielen. Damals haben wir auf Portugiesisch und Französisch gesungen und dachten: Ey, wir brauchen unbedingt einen italienischen Namen. So ist der Name entstanden. Wir fanden cool, dass er so eine Nacht-Assoziation hat. Und Eulen können den Kopf so weit drehen, wirken weise, wachsam – dieses Umsichtige in der Nacht, das hat uns gefallen.
Ihr kennt euch alle bereits seit vielen Jahren, teilweise sogar schon seit der Schulzeit. Gab es denn einen Wendepunkt in eurer Karriere, an dem ihr gemerkt habt: Jetzt wird’s ernst mit Il Civetto?
Wir haben eine lange, stürmische Geschichte hinter uns – mit vielen Wendepunkten. Erst die U-Bahn-Musikphase. Dann die Berliner Technoclub-Phase: Wir haben nachts um sechs in Clubs gespielt, sind mit Akustikgitarre und Saxofon auf die Bühne und haben Alarm gemacht – die Leute überrascht. Danach kam die Zeit auf Weltmusik-, Fusion-, Global-Pop-Festivals – auch international auf kleineren Festivals, in der Türkei, in Ungarn, in Dänemark. Und dann kam die Phase, in der wir sagten: Lass uns mal Deutsch ausprobieren. Das war in der Covid-Zeit.
So schmerzhaft es war – keine Konzerte, echt Geldprobleme, weil wir von Konzerten leben – hatten wir plötzlich Zeit, Musik zu finden. Es gab keine Festivals, keine Touren. Sobald es ging, waren wir im Studio, haben uns neu gedacht, neu erfunden und angefangen, deutsche Texte zu schreiben. Aus unserer Perspektive wurde es dann plötzlich groß: Auf einmal kamen Leute zu unseren Konzerten, wir hatten unser erstes Album „Späti del Sol“ – und plötzlich war das ein Ding. Wir haben große Festivals gespielt.
Ich erinnere mich an den Moment, als wir gemerkt haben, wie sehr Leute unsere Songs fühlen: Da haben 200, 300 Leute „Rio-Reiser-Platz“ mitgesungen – für uns damals riesig. Wir dachten: Wow, die Leute haben den Song zu ihrem eigenen gemacht, ihn ein Jahr lang gehört, ihre Geschichten damit verbunden und singen ihn uns zurück. Seitdem ist Il Civetto weitergewachsen. Wir haben uns viel entwickelt. Es ist ein großes Privileg, das machen zu dürfen.
Ihr seid viel unterwegs, oft auf Tour, europaweit. Gibt es trotzdem einen Ort, der sich für dich wie zuhause anfühlt?
Ja. Ich bin in Berlin aufgewachsen – in einem sehr multikulturellen Kontext. Ich hatte nie das Gefühl, in einem „sehr deutschen“ Umfeld zu sein. Meine Freundinnen und Freunde kamen von überall her oder hatten Eltern aus aller Welt. Das Leben in Berlin-Kreuzberg, zwischen Dönerladen und italienischem Café – das ist zuhause.
Wenn ihr so im Tourbus unterwegs seid – läuft da eure eigene Musik, komplett andere Sachen oder einfach Ruhe?
Auf der letzten Tour sind wir zum ersten Mal Nightliner gefahren – ein Bus, in dem man schlafen kann. Für uns war das neu und aufregend, abends da zu sitzen. Früher waren wir mit dem Sprinter unterwegs, haben tagsüber lange Strecken gemacht – von Hamburg nach Wien – und kamen übermüdet zum Konzert. Jetzt sitzen wir im Tourbus, genießen ein bisschen, dass wir Erfolg haben, trinken abends ein Bier hinten in der Lounge. Musik? Gute Frage. Wir haben oft die Akustikgitarre rausgeholt und gejammt – nicht unbedingt unsere eigenen Lieder, sondern das, was in den Sinn kommt. Manchmal entstehen dabei neue Ideen.
Eure Songs klingen nach Fernweh – und ihr seid viel auf Reisen. Gab es eine Reise, die euren Sound besonders geprägt hat? Einen Ort, an dem eure Musik „zu Hause“ ist? Oder wo es durch eine Reise noch mal richtig groß geworden ist?
Wir haben gerade unser Album „Träume aus Lava“ fertig aufgenommen und produziert. Die Reise dieses Albums begann mit einer dreiwöchigen Songwriting-Reise in den Süden von Marokko, in Dakhla. Wir haben uns ein Haus in einem kleinen Ort gemietet – im Nirgendwo. Rundherum: Sand, Dünen, das Meer. Wir haben unsere Instrumente eingepackt und dort Musik gemacht. Da sind die Anfänge des Albums entstanden. „Träume aus Lava“ erscheint am 28. August.
Ihr wart auch schon in Thüringen unterwegs. Was ist euch vom Publikum oder den Konzerten in Erinnerung geblieben?
Das Erste, was mir zu Erfurt einfällt: Wir haben in kurzer Zeit zweimal gespielt – einmal als Support in einer riesigen Halle, ich glaube Messehallen oder so. Kurz danach unser eigenes, kleines Konzert in der Engelsburg. Krasse Erfahrung: offene Leute, viel Spaß beim Konzert – es hatte was Herzliches.
Eure Musik lädt zum Tanzen ein, hat aber auch nachdenkliche Momente. Wie findet ihr die Balance zwischen Leichtigkeit und Tiefe? Und welche Rolle spielen gesellschaftliche und politische Themen in euren Songs?
Wir leben in einer Welt, in der es gerade nicht leicht ist, optimistisch zu sein. Die AfD ist in vielen Orten stärkste Kraft – sehr bedrohlich. Der Klimawandel wird ignoriert oder viel zu langsam angepackt. International: Wenn man auf den Völkermord in Palästina schaut, auf den Krieg gegen den Iran, auf den Krieg gegen die Ukraine – überall Konfliktherde. Man weiß gar nicht, wohin man schauen soll und wie man den Kopf nicht hängen lässt. Sich Leichtigkeit zu erkämpfen, ist Aufgabe von Musik. Es braucht viel Kraft und Optimismus, um die gute Laune nicht zu verlieren. Wie man das konkret macht? Musik bringt Menschen zusammen. Ich hoffe, wir tragen unseren Teil dazu bei, die Hoffnung nicht aufzugeben und für das Gute zu kämpfen.
Wie ist die Stimmung Backstage kurz vorm Auftritt: Seid ihr eher ruhig und fokussiert – oder doch Chaos und Last Minute von A nach B?
Chaos gibt’s auf jeden Fall: „Ich habe mein Mikro vergessen!“ oder eine Minute vor Showtime „Sorry, ich muss doch noch mal schnell Pipi.“ Sonst sind wir nicht die Typen, die sich vorher hochhypen. Wir stellen uns im Kreis, umarmen uns und erinnern uns: Ein Konzert ist da, um es zu genießen. Nicht, um zu performen oder jemandem zu gefallen. Es geht darum, im Moment zu sein – wahrzunehmen, dass da gerade etwas Magisches passiert.
Wenn du eure Musik in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?
Was haben wir früher mal gesagt… Auf jeden Fall: ekstatisch, hoffnungsvoll und schön.
Wenn man euch noch nie gehört hat – mit welchem Song sollte man anfangen, um einen perfekten ersten Eindruck zu bekommen? Wo steckt die meiste Persönlichkeit drin?
Nach dem Lieblingssong zu fragen, ist gemein – alle Songs sind kleine Babys, und man will keins lieber haben. Die meisten lernen uns über „Rio-Reiser-Platz“ kennen. Gerade läuft auch viel „Magst du“ aus unserem neuen Album im Radio. Am wichtigsten: Kommt vorbei auf ein Konzert. Die Erfahrung live ist etwas anderes als auf Platte – ohne unser Album runterzumachen, um Gottes willen. Aber die Live-Atmosphäre, zum Beispiel am 16.10. in Erfurt im Stadtgarten, ist etwas Besonderes. Ich würde mich freuen, ganz viele Leute da zu sehen. (– zum Beispiel dich.)
Hard Facts:
- Il Civetto am 16. Oktober im Stadtgarten Erfurt live erleben
- Tickets gibt es hier!
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