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Thüringen droht, seine kulturellen Anker zu verlieren

22. Oktober 2026 • Geschrieben von Florian Dobenecker
Zehn Jahre Kulturleuchtturm Häselburg in Gera: Das neue Kulturcafé Soulhaus hatte schon einmal probeweise geöffnet. Foto: Robert Mailbeck


„Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Kulturbereich bei der aktuellen Landesregierung nicht die Bedeutung hat, die er bei den vorherigen hatte.“ Thomas Putz von der LAG Soziokultur Thüringen findet deutliche Worte. Während andernorts über kulturelle Leuchttürme debattiert wird, drohen in Thüringen ausgerechnet jene Orte ins Wanken zu geraten, die abseits der großen Bühnen den Alltag der Menschen heller machen. Denn die freie Kulturarbeit kämpft laut Pütz mit Kürzungen, unsicheren Förderstrukturen und politischen Angriffen. Die Frage ist also nicht nur, wer künftig noch Kultur machen darf. Sondern auch, wer sie überhaupt noch möglich macht.

LAG Soziokultur warnt vor Kipppunkt

Für manche mag Soziokultur nach Stuhlkreis mit Bastelschere klingen. Doch dem ist bei weitem nicht so. Tatsächlich geht es um deutlich mehr: um Orte, an denen Menschen selbst Kultur gestalten, statt sie bloß zu konsumieren. „Soziokultur ist Haltung, kulturelle Praxis und gesellschaftliche Gestaltungskraft zugleich“, sagt Putz. Ob Kreativ-Workshop, Stadtteilzeitung oder Musikfestival: hier können Menschen ihr Umfeld aktiv mitprägen, unabhängig von Herkunft, Alter oder sozialer Lage.

Thüringens freie Kulturszene unter Druck

Wie viel dabei entstehen kann, zeigt ein Blick auf die Häselburg in Gera, den Kulturschlachthof in Jena oder das Maßstabwerk in Schweina. Aus zuvor ungenutzten Gebäuden wurden kulturelle Knotenpunkte, ermöglicht durch Enthusiasmus, ehrenamtliches Engagement und persönliches Risiko. Auch kleinere Einrichtungen schaffen Räume für Begegnung, besonders dort, wo das Kulturangebot ohnehin nicht gerade überquillt.

In südthüringischen Lauscha etwa ist die ehemalige Goetheschule heute Veranstaltungsort für Lesungen, Konzerte und Kino. Im Café treffen sich unter anderem Azubis der örtlichen Glasfachschule; ein Residenzprogramm ermöglicht Glaskünstler:innen aus aller Welt, vor Ort zu arbeiten. So werden Traditionen nicht im Museumsglas konserviert, sondern ins Heute geholt.
Doch diese Orte stehen auf wackeligem Fundament. Weil ihre Angebote möglichst vielen Menschen offenstehen sollen, können sie weniger Einnahmen erzielen als kommerzielle Einrichtungen. Öffentliche Förderung ist deshalb keine nette Zugabe, sondern häufig Voraussetzung für den Betrieb. Werden Zuschüsse gekürzt, gerät die ohnehin fragile Finanzierung ins Rutschen.

Lauscha, Gera, Jena: Thüringer gestalten Kultur

„Wir sehen, dass einige Einrichtungen bereits an diesem Kipppunkt stehen“, warnt Putz. Projekte fallen aus, Einnahmen sinken, Personal kann womöglich nicht mehr bezahlt werden. Professionelle Arbeit und Wissen drohen wegzufallen. Schließen Kulturzentren erst einmal, verschwinden gewachsene Strukturen, die sich nur schwer wieder aufbauen lassen. Gespart wird also nicht einfach an einem Programmpunkt im Haushalt, sondern an Begegnungsräumen, kultureller Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Kultur in Thüringen zum Mitmachen

Die finanziellen Herausforderungen sind erheblich: Das für Bildung, Wissenschaft und Kultur zuständige Ministerium muss im aktuellen Doppelhaushalt über die Globale Minderausgabe 72 Millionen Euro einsparen. Putz kritisiert, dass für den freien Kulturbereich eine sichtbare Entwicklungsstrategie fehle. Statt Zukunftsperspektiven gebe es vor allem „ein Verwalten des Bestehenden“. Sein Wunsch an Landesregierung und Verwaltung: mehr Kommunikation und die Bereitschaft, gemeinsam nach Lösungen und verbliebenen Gestaltungsspielräumen zu suchen.

Neben dem Geld bereitet Putz die politische Entwicklung Sorgen. In Thüringen gebe es immer wieder Einschüchterungsversuche von rechter Seite. Etwa durch parlamentarische Anfragen, die Diskreditierung kultureller Arbeit oder das Infragestellen von Förderungen. Als Beispiele nennt er Schmalkalden, Ilmenau und Nordhausen. Bislang seien solche Versuche durch Parlamente oder Zivilgesellschaft abgewehrt worden.

AfD als Gefahr für Soziokultur

Mit Blick auf Sachsen-Anhalt warnt Putz vor möglichen Folgen einer AfD-geführten Landesregierung. Politisch unliebsame Initiativen könnten finanziell ausgetrocknet und Förderentscheidungen politisiert werden. Die angekündigte „neue, patriotische Kulturpolitik“ der AfD stehe im Widerspruch zu den Grundprinzipien soziokultureller Zentren: Vielfalt, Offenheit und Kunstfreiheit.

Thomas Putz warnt in Thüringen vor dem Kipppunkt

Dabei ist unabhängige Kulturförderung kein demokratisches Luxusproblem für Zeiten voller Geld. Die Kunstfreiheit ist im Grundgesetz verankert; Kulturförderung gehört zur öffentlichen Daseinsvorsorge und soll sie schützen. Natürlich gibt es keinen Anspruch darauf, dass jeder Förderantrag bewilligt wird. Problematisch wird es laut Putz aber, „wenn Jurys oder Verwaltungen politisch beeinflusst werden oder zu einem vorauseilenden Gehorsam neigen“. Wenn Kultur nur noch erwünscht ist, solange sie niemanden stört, wird aus Förderung schnell ein politischer Filter.

An Kulturminister Christian Tischner richtet Putz einen klaren Appell: Er solle sich mit aller Kraft öffentlich dafür einsetzen, bestehende Strukturen der freien Kulturarbeit abzusichern und zu stärken. Gerade in kleineren Städten und ländlichen Regionen seien sie oft die einzigen Ankerpunkte für kulturelle Teilhabe und gesellschaftliche Verständigung. Auch die Menschen vor Ort können etwas tun: Veranstaltungen besuchen, miteinander ins Gespräch kommen, Öffentlichkeit herstellen und Verbündete suchen – vom Gemeinderat bis zum Bürgermeister. Kulturzentren leben schließlich nicht nur von Förderbescheiden, sondern auch von Menschen, die ihre Türen nutzen.

Fachtag der LAG Soziokultur

Wie sich Einrichtungen gegen Krisen wappnen und welche Perspektiven die Kulturförderung in Thüringen hat, soll ein Fachtag der LAG Soziokultur am Dienstag, 27. Oktober, von 10 bis 16 Uhr im Haus Dacheröden in Erfurt diskutieren. Geplant sind Impulse, Panels und Workshops zu politischer Einflussnahme, krisenfesten Einrichtungen und Handlungsmöglichkeiten für Kulturakteure und Verwaltungen.

„Wir glauben an die Kraft der Kultur“

Trotz allem bleibt Putz optimistisch: „Wir glauben an die Kraft der Kultur.“ Freie Kulturarbeit werde nicht aussterben, weil Menschen Freude am gemeinsamen kreativen Tun hätten und sich immer wieder neue Initiativen gründeten. Seine Hoffnung: Die Durststrecke geht vorbei, ohne dass Einrichtungen aufgeben müssen. Dafür brauche es Solidarität.

Die entscheidende Frage bleibt, ob die Landespolitik diese Kraft als das erkennt, was sie ist: keine dekorative Haushaltsposition, die man bei Gegenwind zuerst streicht, sondern eine Investition in eine offene Gesellschaft. Demokratie braucht schließlich mehr als Wahltermine und Sonntagsreden. Sie braucht Orte, an denen Menschen einander begegnen, widersprechen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen können. Am besten, bevor dort das Licht ausgeht.

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