Trotz Stasi-Spitzeln feiert die queere DDR in Thüringen noch einmal Party
Was haben Travestie, Stasi-Akten und Kleingartenkneipen gemeinsam? Mehr, als du denkst! Das beweist die Show „Sterne steigen auf“. Darin machen die selbsternannten „Dokumentartunten“ Becky und Marty Damour aus queerer DDR-Geschichte eine dokumentarische Travestieshow. Das Publikum erlebt Drag, Lip-Syncing, Tanz und Stimmen aus einer Zeit, in der queere Menschen sich ihre Räume oft erst erkämpfen mussten.
Sterne steigen auf in Thüringen
„Wir nennen das, was wir machen, ein bisschen augenzwinkernd eine dokumentarische Travestieshow“, sagt Marty Damour. Gemeinsam mit Matthias Becker, alias Becky, hat Damour das Stück entwickelt. Die beiden recherchierten, führten Interviews, sichteten Material und stehen selbst auf der Bühne. Nach der Premiere im September 2026 in Leipzig gastiert die Produktion Ende Oktober zweimal in Thüringen.
Eine Lücke als Ausgangspunkt
Ausgangspunkt und Impuls für die außergewöhnliche Show war eine Lücke. Damour und Becky sind in den Neunzigern in Ostdeutschland aufgewachsen und fragten sich: „Wer sind eigentlich unsere Vorbilder? Wer waren unsere Vorgänger? Was gab es vor uns?“ Die Suche begann mit einer konkreten Frage: Gab es Travestie in der DDR? Daraus wurde eine Spurensuche durch die queere Ost-Geschichte der Achtzigerjahre, die bis in Kleingartenkneipen führte.
Dort fanden die beiden zahlreiche Fotos von Partys und schwul-lesbischen Treffen. Laut Damour waren die Kneipen in den Gartenanlagen Orte, an denen sich queere Menschen vergleichsweise unbehelligt begegnen konnten. „Darauf wären wir jetzt nicht unbedingt von alleine gekommen!“, witzelt er.
Stasi-Akten: Die beste Dokumentation
Im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig stießen die beiden auf Videos von Travestieauftritten. Dazu kamen Interviews, Fotoalben, Protokolle und Stasi-Unterlagen. „In diesen scheinbar trockenen Unterlagen steckt wahnsinnig viel“, erklärt Damour. Die Staatssicherheit dokumentierte die Szene akribisch. „Die beste Dokumentation hat die Stasi gemacht“, hätten manche Gesprächspartner:innen scherzhaft gesagt. „Das ist zum Teil wirklich absurd: welche Details da beobachtet und wie penibel Kleinigkeiten protokolliert worden sind.“
Phonomimik: Die Kunst durfte sichtbar sein
Auch die Sprache erzählt von den Widersprüchen dieser Zeit. Der offizielle DDR-Begriff für Travestie lautete „Phonomimik“. Er sollte die Auftritte als harmlose Unterhaltungskunst einordnen und alles vermeintlich Anrüchige ausblenden. „Das ist natürlich total absurd“, sagt Damour. In Fernsehbeiträgen wurde die Kunstform erklärt, Begriffe wie „schwul“ oder „lesbisch“ sollten dabei möglichst nicht fallen. Die Kunst durfte sichtbar sein, ihre queere Umgebung nicht.
Die Lage war ohnehin zwiespältig: Homosexuelle Handlungen wurden in der DDR früher entkriminalisiert als in der Bundesrepublik. Im Alltag setzten gesellschaftliche Normen aber enge Grenzen. Kontaktanzeigen wie „Sie sucht sie“ oder „Er sucht ihn“ waren in Zeitungen nicht möglich, sagt der Dragkünstler. Er erzählt von einer schwul-lesbischen Faschingsfeier in Leipzig, die von der Obrigkeit verhindert wurde. Die Begründung klingt fast wie ein schlechter Scherz: „Ihr könnt doch auch zu einer anderen Faschingsfeier gehen.“
Überwachung und Selbstbehauptung
In den Achtzigern wurde es etwas freier. Schwule und lesbische Menschen organisierten sich zunehmend, zunächst häufig unter dem Dach der evangelischen Kirche, später entstanden auch Treffpunkte in Jugendclubs. Es gab etwa Kranzniederlegungen in Buchenwald aus schwul-lesbischer Perspektive, zum Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Zugleich stand die Szene unter Überwachung. „Manche wurden schon mit 18 von der Stasi aufgesucht. Ihnen wurde dann durch die Blume gedroht, dass man sie outen würde, wenn sie nicht für die Stasi arbeiten.“
Stasi-Akten als Fundgrube
Doch viele machten sich eher über die Staatssicherheit lustig, erzählt Damour. „Allen war bewusst, dass deren Leute beispielsweise zu den Treffen kamen.“ Vermutete Stasi-Leute wurden dort demonstrativ begrüßt: „Wir begrüßen auch alle inoffiziellen Mitarbeiter:innen. Schön, dass ihr auch da seid!“, berichten die Akten.
Aus diesen Spuren entsteht in „Sterne steigen auf“ keine trockene Chronik, sondern ein Abend, der Geschichte auf die Bühne holt. „Wir bewegen uns gemeinsam mit dem Publikum peu à peu in die Achtziger hinein, kommen am Ende aber auch wieder in der Gegenwart raus“, sagt Damour. Musik, Tanz und dokumentarische Stimmen münden in einen augenzwinkernden Diavortrag und eine Gartenparty. Viele damalige Auftritte funktionierten ähnlich wie heute: mit Playback, Tanz oder Gesang. Außerdem recherchierten die beiden zu einer DDR-Travestiekünstlerin. Laut Damour war sie damals ein echter Star, mit Gesangsausbildung und Tour durch die ganze Republik. „Und sie würde über das, was sie gemacht hat, ganz klar sagen: Das war richtige Kunst.“
Vom Archiv auf die Bühne
Für Marty Damour und Becky ist das Stück eine persönliche Suche. Sie wollten nicht nur auf Ost-Berlin schauen, sondern gezielt in Leipzig, der Region und Thüringen forschen. „Es muss ja auch außerhalb von Berlin Leben gegeben haben!“, sagt Damour, der aus Jena stammt. Die Recherche dauerte rund ein Jahr, die Proben nur vier Wochen. Der Bühnenabend begann als Sprung ins Ungewisse. Die beiden dachten sich: „Wir gucken jetzt einfach, was wir finden. Und dann machen wir irgendwas daraus. Mal schauen, was das wird.“
Queeren Ost-Geschichte
Der Deep Dive hat sich offenbar gelohnt: Die beiden haben nicht nur ein Stück Geschichte amüsant ans Licht geholt, das nun auch in Thüringen zu sehen ist. Sie haben auch Begriffe wie „Phonomimik“ für entdeckt und sich nicht zuletzt den einzigartigen royalen Drag-Titel „Dokumentartunten“ verliehen.
Hard Facts:
- Jena: 25. Oktober | 19 Uhr | Distelschänke | Carl-Orff-Straße 1
- Gera: 31. Oktober | 20 Uhr | Häselburg | Florian-Geyer-Straße 15-17
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