„Erfurt und Thüringen haben in meinen Büchern Spuren hinterlassen“
Jede Person hat eine Vorstellung davon, was sie ausmacht, welche Werte sie vertritt und was bei ihr Glücksgefühle hervorruft. Dieses Selbstbild bauen wir alle auf – mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Doch dann und wann gerät im Leben scheinbar alles ins Wanken. Und auf einmal ist nichts mehr so klar, wie es vorher wirkte. Von einem ähnlichen Szenario erzählt die Erfurter Autorin Manu Wicher in ihrem neuesten, dritten Roman „Die ganze Sache mit dem Leben“.
Erfurt: Lesung aus zärtlich verzweifeltem Buch
Mit ihrer neuesten Geschichte träumt sich Wicher ans Meer: Dort lässt sie ihre Leser:innen mit der Protagonistin erleben, was passiert, wenn vermeintliche Gewissheiten im Leben plötzlich zerplatzen. Wir sprachen vorab mit der Autorin im Interview und stellen euch ihr Buch schon kurz vor. Mehr erfahrt ihr bei Manu Wichers Lesung am 25. Oktober in Erfurt!
Ein Ort der Zuflucht
Im Mittelpunkt von „Die ganze Sache mit dem Leben“ steht Tessa, eine Figur, die sich über sich selbst, über andere und über Glück und Erfolg geirrt hat. Aus sieben Irrtümern entwickeln sich sieben Fragen, die sie an den Kern ihrer Existenz führen. Thematisch bewegt sich die Autorin damit auf vertrautem Terrain: In Manu Wichers Büchern geht es um Menschen an Wendepunkten, um existenzielle Fragen und die Suche nach Orientierung. „Meine Bücher sind alle sehr nah am Leben geschrieben“, beschreibt Wicher ihren Zugang zum Schreiben, das für sie auch ein Ort der Zuflucht sei.

Am Sonntag, 25. Oktober, könnt ihr bei ihrer Lesung im Restaurant „Peberg“ in Erfurt einen ersten Blick ins Buch erhaschen. Für die musikalische Untermalung des Abends sorgt Jo Wicher am Akkordeon. Im Anschluss bleibt noch Zeit für Fragen und Gespräche mit der Autorin. Dazu gibt es Wein und kleine kulinarische Häppchen.
Wir sprachen schon vorab mit Manu Wicher über ihre neue Geschichte und die Chance auf Neues, wenn Altes zerbricht sowie ihre Liebe zum Meer:
Mit deinem neuen Roman „Die ganze Sache mit dem Leben“ veröffentlichst du bereits dein drittes Buch. Was bedeutet dir das?
Mit jedem Buch lerne ich neu, was Loslassen bedeutet. Über Monate und Jahre begleitet mich eine Geschichte, wird zu einem vertrauten Ort. Wenn das Buch erscheint, beginnt es sein Eigenleben. Das ist erschreckend und befreiend zugleich. Ich freue mich auf die Begegnung mit den Leserinnen und Lesern, habe aber auch Respekt vor dem Moment, in dem das Buch nicht mehr mir gehört.
Jede Leserin und jeder Leser liest es anders und macht etwas Eigenes daraus. Dass „Die ganze Sache mit dem Leben“ mein drittes Buch ist, bedeutet für mich vor allem, diese Ambivalenz zu kennen: die Vorfreude auf das, was kommt, und das Wissen, dass man kurz vor der Veröffentlichung doch noch einmal alles infrage stellt.
Du sagst, deine Bücher sind sehr nah am Leben geschrieben. Inwiefern?
Das Leben ist kurz, widersprüchlich, wundervoll und beängstigend zugleich. Ich schreibe nicht, weil ich Antworten habe, sondern weil ich sie suche. Mich beschäftigen die Fragen, die uns durchs Leben begleiten: Was gibt uns Halt? Was verlieren wir? Woran orientieren wir uns, wenn Sicherheiten wegbrechen? Meine Bücher sind der Versuch, diesen Fragen nachzuspüren. Vielleicht wirken sie gerade deshalb so nah am Leben.
Du lebst in Erfurt. Wie würdest du deine Bindung zur Stadt beschreiben?
Ich habe in Erfurt studiert, bin weggezogen, habe im Ausland gearbeitet und bin schließlich zurückgekehrt. Vielleicht ist meine Bindung zur Stadt gerade deshalb so stark: Sie ist bewusst gewählt. Ich liebe an Erfurt, dass die Stadt klein und gleichzeitig groß wirkt. Das viele Grün, der Fluss, die Kirchen, die verwinkelten Gassen. Und dass ich immer wieder Orte entdecke, die sich neu anfühlen. Erfurt ist nie fertig. Das erinnert mich an mich selbst.
Findet sich in deinem aktuellen Roman bzw. in deinen Büchern allgemein ein Bezug zu Erfurt oder Thüringen? Wenn ja, welcher?
Erfurt und Thüringen haben in meinen Büchern Spuren hinterlassen. „Als wir schwebten“ spielt in Erfurt, und auch in „Sechzehn. Das Leben ist so. Oder anders“ sind Bezüge zur Stadt und ihrer Geschichte erkennbar. Mein neuer Roman ist dagegen bewusst nicht eindeutig verortet. Die Geschichte spielt am Meer. Mich fasziniert dieser Ort, weil er etwas verkörpert, das mich schon lange beschäftigt: Beständigkeit und Veränderung zugleich. Das Meer bleibt und ist doch in jedem Moment ein anderes. Vielleicht kehre ich deshalb in Gedanken immer wieder dorthin zurück.

Du beschreibst dein neuestes Werk selbst als nachdenklichen Roman über das, was uns prägt, was uns in die Irre führt. Hol uns da doch bitte etwas mehr ab, also was genau ist das deiner Meinung nach?
Wir übernehmen vieles, lange bevor wir es hinterfragen. Von unseren Eltern, unserer Herkunft, den Menschen, die uns prägen. Daraus entstehen die Geschichten, mit denen wir uns die Welt erklären und uns selbst. Tessa, die Protagonistin meines Romans, gerät an einen Punkt, an dem diese Geschichten nicht mehr tragen. Ihre Gewissheiten bekommen Risse. Und mit ihnen das Bild, das sie von sich selbst und ihrem Leben hat.
Mich interessiert genau dieser Moment. Denn oft führt uns nicht das in die Irre, was wir nicht wissen, sondern das, wovon wir überzeugt sind. Der Roman fragt deshalb, was passiert, wenn vermeintliche Sicherheiten zerbrechen. Und ob darin nicht auch eine Chance liegt: die Antworten, an denen wir festhalten, noch einmal gegen Fragen einzutauschen.
Weiterhin ist es laut deiner Aussage ein zärtlich verzweifeltes Buch. Was heißt das?
Beim Schreiben dieses Romans haben mich Verzweiflung und Zärtlichkeit gleichermaßen begleitet. Verzweiflung, weil das Leben oft anders verläuft, als wir es uns vorstellen. Weil Menschen einander verletzen, obwohl sie sich lieben. Weil Sicherheiten verloren gehen und manche Fragen offen bleiben.
Gleichzeitig habe ich beim Schreiben eine große Zärtlichkeit für meine Figuren gespürt. Vielleicht, weil ich mich selbst in vielen ihrer Fragen wiedergefunden habe. Mich berühren vor allem die Momente, in denen Menschen nicht wissen, wie es weitergehen soll, und trotzdem weitermachen. Für mich entsteht genau dort etwas sehr Menschliches.
Deshalb ist es ein zärtlich verzweifeltes Buch. Beim Schreiben habe ich oft gedacht: Hinter jedem Menschen liegt eine Geschichte, die wir nicht kennen. Und vielleicht ähneln wir uns genau darin. Vielleicht ist die Zärtlichkeit in diesem Buch mein Versuch, diesen Blick auf den Menschen festzuhalten. Nicht trotz seiner Brüche, sondern mit ihnen.
In der Geschichte muss sich die Protagonistin Tessa fragen, was passiert, wenn ihre eigenen Gewissheiten plötzlich ins Wanken geraten. Warst du als Autorin auch schon mal in so einer Lebensphase der Zweifel und des Wandels?
Ja, diese Phasen kenne ich sehr gut. Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich Abschied nehmen musste: von Menschen, von Erwartungen und von Vorstellungen darüber, wie mein Leben aussehen sollte. Was dabei verloren geht, ist oft mehr als ein Mensch oder ein Plan. Es ist die Geschichte, die man sich über sich selbst erzählt hat. Und plötzlich muss man lernen, sich und die Welt neu zu lesen.
Genau an diesem Punkt begegnet mir Tessa. Ihre Gewissheiten geraten ins Wanken, und sie muss herausfinden, wer sie ohne sie ist. Diese Erfahrung eines inneren Neuanfangs ist mir nicht fremd. Beim Schreiben war mir wichtig, Tessa in diesem Zustand der Unsicherheit nicht vorschnell zu retten. Auch im eigenen Leben gibt es oft Phasen, die sich nicht sofort auflösen. Man versteht manches erst rückblickend. Vielleicht konnte ich ihr deshalb mit so viel Nähe begegnen. Weil ich weiß, wie es ist, wenn vertraute Antworten nicht mehr tragen und man trotzdem weitergehen muss.
Mit „Die ganze Sache mit dem Leben“ fragst du außerdem, wann wir wirklich im Menschsein, in der Menschlichkeit angekommen sind. Wie würdest du diese Frage für dich selbst beantworten?
Ich glaube, Menschsein beginnt für mich mit der Erkenntnis, dass wir einander ähnlicher sind, als wir oft glauben. Wir alle verlieren Menschen. Wir alle werden enttäuscht. Wir alle hoffen auf mehr Zeit, als uns bleibt. Und vermutlich möchten wir alle geliebt werden, ohne uns diese Liebe verdienen zu müssen. Menschlichkeit zeigt sich für mich oft erst dann, wenn es schwierig wird. Im Zuhören. Im Bleiben. In der Entscheidung, einen Menschen nicht vorschnell aufzugeben. Vielleicht sind wir genau dann im Menschsein angekommen: wenn wir einem anderen Menschen begegnen und nicht zuerst fragen, was uns trennt, sondern was uns verbindet.
Die Suche nach Orientierung in einer komplexen Welt steht bei deinem Schreiben generell im Mittelpunkt. Welchen Rat hast du für unsere Leser:innen auf diesem Weg?
Mit Ratschlägen bin ich vorsichtig. Menschen, die einem die Welt erklären wollen, gibt es genug .Ich versuche eher, mich daran zu erinnern, dass jeder Mensch eine Geschichte mit sich herumträgt, die ich nicht kenne. Das gelingt mir nicht immer. Aber immer dann, wenn es gelingt, werde ich milder in meinen Urteilen. Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, dann waren es selten die Menschen mit den besten Ratschlägen, die mir wirklich geholfen haben. Es waren die, die geblieben sind, zugehört haben und mir das Gefühl gegeben haben, mit dem, was ich denke und fühle, nicht allein zu sein.
Hard Facts:
- Lesung „Die ganze Sache mit dem Leben“
- Wann: Sonntag, 25. Oktober
- Wo: Restaurant „Peberg“, Petersberg 18, Erfurt
- Einlass: 15 Uhr | Beginn: 16 Uhr
- Tickets
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