Düstere Vergangenheit: „Dieser Ort im Eichsfeld darf nicht verschwinden“
Der Todesstreifen zum Anfassen: Im Grenzlandmuseum Eichsfeld wird deutsche Teilungsgeschichte begreifbar. Ende August lädt das Haus zu einem Open-Air-Kino am ehemaligen Beobachtungsturm – und der Bund führt es als Musterbeispiel für den Umgang mit historisch belasteten Orten.
Warum der Bund das Grenzlandmuseum als Vorbild sieht
Unter dem Motto „Historisch belastete Orte zukunftsfähig entwickeln“ haben das – Achtung, sperriger Name – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) einen „praxisorientierten Werkzeugkasten“ für den Umgang mit „unbequemem“ Erbe vorgestellt. Eines der porträtierten Beispiele: das Grenzlandmuseum Eichsfeld. Warum ausgerechnet dieses Haus? Museumsleiterin Mira Keune erklärt es im Gespräch mit t.akt.
Die Idee war reizvoll
Der Kontakt zum BBSR sei über Umwege entstanden, sagt Keune. „Wir sind Teil des Netzwerkes ‚Stätten des Eisernen Vorhangs‘.“ Seit 2011 ist der Verbund aus zwölf Einrichtungen Träger des Europäischen Kulturerbe-Siegels. Und sieben dieser Einrichtungen arbeiten heute aktiv daran, „diese einstige Bedrohung, aber auch deren Überwindung an künftige Generationen zu vermitteln“. Das BBSR wandte sich an den Netzwerk-Leiter Prof. Dr. Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer – der fragte im Eichsfeld nach. „Ich fand die Idee mit dem Werkzeugkasten sehr reizvoll“, so Keune.
Das Besondere am Grenzlandmuseum ist für Keune seine Gründungsgeschichte. Als die Grenze 1990 offen war – noch vor der Wiedervereinigung –, setzten sich Vertreter der angrenzenden Gemeinden, Landkreise und der Zivilgesellschaft zusammen. Sie waren sich schnell einig: „Dieser Grenzübergang darf nicht einfach verschwinden. Hier muss etwas passieren, damit nicht vergessen wird, wie die Zeit der Teilung wirklich war.“
Ein wissenschaftlich fundiertes Konzept
Von Anfang an war es ein Gemeinschaftsprojekt aus Ost und West. Bürger, Bundesgrenzschutz, Zoll und Archive beiderseits der einstigen Grenze sammelten Objekte und Erinnerungsstücke. Das Geld war knapp. Die Beteilgten wollten unbedingt ein „wissenschaftlich fundiertes Konzept“. Sie suchten sich professionelle Partner – ein Weitblick, der bis heute prägt.
Wie erreicht man Menschen mit einem derart schweren Thema? „An unserem Gedenkort wird Geschichte im wahrsten Sinne begreifbar. Hier kann man die Grenzsperranlagen der DDR sehen und anfassen und versteht die Brutalität, die damit verbunden war“, erklärt Keune. Die Ausstellung liegt in den Gebäuden eines ehemaligen innerdeutschen Grenzübergangs, unmittelbar am einstigen Todesstreifen.
Die Grenze öffnete sich am 9. November 1989 auch im Eichsfeld
Rund 200 Schulgruppen kommen jährlich, viele buchen Workshops von vier bis viereinhalb Stunden. „Es braucht Zeit, um sich dem Thema wirklich zu öffnen, andere Sichtweisen zuzulassen und selbst nachzudenken“, sagt Keune. Eine zweite Besuchergruppe bilden Zeitzeugen, die den Grenzübergang aktiv erlebt haben. Und die dritte Besuchergruppe denkt an ein besonders Erlebnis. Sie erinnert sich auf Feedbackkarten an den Abend des 9. November 1989: „Die Grenzöffnung hat nicht nur in Berlin stattgefunden, sondern auch an den Grenzübergängen an der innerdeutschen Grenze wie hier im Eichsfeld.“
Im Eichsfeld das Bewusstsein schärfen
Warum sollten sich auch junge Menschen mit diesem Ort beschäftigen? Keune antwortet spontan: „Wenn man sich mit der Geschichte des historischen Ortes auseinandersetzt, wird das Bewusstsein dafür geschärft, dass die freie Meinungsäußerung, freies Reisen und freie Wahlen ohne Zwang keine Selbstverständlichkeit sind.“

Open-Air-Kino am Aussichtsturm des Grenzlandmuseums
Einen konkreten Anlass für einen Besuch liefert das Museum im August: Am Freitag, 28., und Sonnabend, 29. August, lädt es zu einem Open-Air-Kino am nahegelegenen Beobachtungsturm ein, gefördert von der Bundesstiftung Aufarbeitung. Unter anderem kann man den mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Film „An die Grenze“ von Urs Egger sehen, der vor rund 20 Jahren am Grenzlandmuseum gedreht wurde. Auch der Grenzlandweg, der direkt vorbeiführt, lässt sich das ganze Jahr über erwandern.
Hard Facts:
- Grenzlandmuseum Eichsfeld
- Adresse: Duderstädter Straße 7-9, D-37339 Teistungen
- Telefon: 03 60 71 / 9 71 12
- E-Mail: info@grenzlandmuseum.de
- Öffnungszeiten: Di – So: 10 bis 17 Uhr, Mo: geschlossen
- Hier geht’s zum Instagramm-Auftritt.
- Bei Facebook findet man das Museum auch.
- Alle weiteren Informationen gibt es hier.
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