„Ick komm da rin in die Bude, riechste schon, wird jaaanz, jaaaanz schlimm.“ Es ist ein Text über Ekel, gelesen in breitem Berliner Tonfall. Er schildert einen Körper, der vernachlässigt wurde. Und eine Situation, die kaum auszuhalten ist. Offene Wunden, zu lange Fußnägel und eine Pediküre: „Die Haxe offen, Knöchel aufwärts, alles eitrig, Diabetiker eben, weßte ja. … und denn ratscht du da janz langsam den Parmesan runter zu sonem Käsehäufchen und wie dit möfft.“
In Erfurt treffen gelesene Texte ins Mark
Es ist ein Auszug aus einem der Texte, die im Erfurter Projekt „Brückengeflüster“ vorgelesen wurden – für Menschen, die nicht wussten, was sie erwartet. Ihre Reaktionen hat Anja Feßer von Hellpunkt Fotografie festgehalten. Die Autorin und Rednerin Franzi Waldner las vor, beobachtet von einer Kamera, die auf das hörende Gesicht gerichtet war.

Elf Menschen treffen auf der Krämerbrücke in Erfurt auf sieben Kurzgeschichten. Foto: Anja Feßer – Hellbunt Fotografie
Entstanden ist das Projekt aus einer langjährigen Zusammenarbeit. „Anja und ich sind seit zehn Jahren freundschaftlich miteinander verbunden und wollten gern unsere kreativen Seiten für ein Projekt verknüpfen“, sagt Franzi. Fotografie und Text sollten zusammenkommen: „Anjas Stärke ist das Einfangen selbst subtilster Emotionen. Meine ist es, Emotionen mit Texten und Stimme hervorzubringen. Beides teilen wir auf Instagram, ausgerechnet die Plattform, bei der wir uns gefragt haben: stumpfen wir durch Doomscrolling ab? Lassen wir uns auf echte Begegnungen noch wirklich ein? Und haben wir dann den Mut zu zeigen, was wir fühlen?“ Der Ort war schnell gefunden: die Krämerbrücke in Erfurt. „Ich habe das Glück, mir auf der Brücke ein Büro teilen zu dürfen. Ein Ort, der schon so viel Historie hat kommen und gehen sehen und einem dadurch viel Geborgenheit gibt.“
Wie Scham, Ekel und Angst verändern
Die Idee: Passant:innen hören kurze Texte, die gezielt Gefühle auslösen sollen – Scham, Ekel, Angst, Mut. Die Auswahl folgte keinem literarischen Kanon, sondern einer emotionalen Logik. „Mit Unterstützung von unserem Co-Autoren Tim Wache haben wir uns Empfindungen als Start genommen und aus ihnen heraus Texte entstehen lassen.“ Einer davon ist der Ekel-Text, aus dem die ersten Zeilen stammen. Die Zuhörenden wussten nicht, welches Gefühl sie gleich treffen würde.
Nervöses Lachen und Weinen
Auch für Franzi war das Vorlesen kein neutraler Akt. „Ich habe schon versucht, die Betonung dem Inhalt anzupassen. Wenn ich einen wütenden Vater lese, sollte man das auch hören“, sagt Franzi und fügt an: „Spannend war vor allem, wenn Menschen aufgrund verschiedener Sozialisierung komplett unterschiedliche Reaktionen gezeigt haben.“ Manche lachten nervös, andere weinten. Aber auch, wenn Tränen flossen, blieb das der Rednerin und ihrer Freundin Anja im Kopf.

Manche lachten nervös, andere weinten. Aber auch, wenn Tränen flossen, blieb das im Kopf. Foto: Anja Feßer – Hellbunt Fotografie
Die Fotografin hielt das Ganze geflissentlich ohne Blitz fest, um den Moment nicht zu stören. „Mir war bewusst, wie wichtig ein ruhiges Setting ist, um die Menschen nicht zu irritieren und ihnen Raum für ihre eigenen Emotionen zu lassen.“ Technisch stellte vor allem das Licht eine Herausforderung dar: „Spiegelungen in Brillengläsern erschwerten stellenweise die Entscheidung, sodass ich die Lichtsituation immer wieder leicht anpassen musste.“ Welche Bilder bleiben, entschied sie intuitiv. „Ich lasse mich von meiner Intuition leiten und beobachte, welche Emotion beim Zuhören am deutlichsten präsent ist“, sagt Anja.
Ergebnisse langer Wartezeiten und knapper Zeitfenster
Die größte Hürde für die beiden lag allerdings nicht im künstlerischen Prozess, sondern: „An uns selbst zu glauben und die Bürokratie ehrlicherweise“, scherzt Franzi. Förderanträge, Wartezeiten, knappe Zeitfenster – am Ende sind die beiden aber „sehr dankbar, dass das alles so geklappt hat“. Die Ergebnisse sind nun im Café Nilos in Erfurt zu sehen: Porträts von Menschen im Moment des Hörens und Fühlens, ergänzt durch die Texte, die sie ausgelöst haben. Besucher:innen können lesen, hören, empfinden und vergleichen – und vielleicht eigene Gefühle wiederfinden. Was Franzi und Anja sich ausdrücklich wünschen.
„Habt Mut, Gefühle zu zeigen.“
Oder wie die beiden sagen: „Begegnet euch. Schaut euch öfter mal wieder in die Augen, statt aufs Display. Die Liebe deines Lebens oder eine neue Freundschaft könnte im Café neben dir sitzen und du verpasst es, weil du in tausend anderen Welten bist, nur nicht in deiner.“ Und weiter: „Habt Mut, Gefühle zu zeigen. Trauer. Freude. Angst. Gefühle sind oft Brücken zur Erkennung im Anderen.“ Brückengeflüster macht diese Brücken sichtbar: zwischen Text und Gesicht, zwischen Fremden, zwischen dem, was erzählt wird, und dem, was unausgesprochen bleibt.
Hard Facts:
- Nilos Café Erfurt | Kreuzgasse 3 | Noch bis 28. Februar 2026
- Midissage mit Live-Musik | 13. Februar 2026 | 18 bis 20 Uhr
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